Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy

In Black Mamba Boy erzählt Nadifa Mohamed die Geschichte ihres Vaters. Jama wächst in Somaliland auf, sein Vater verlässt die Familie früh um im Sudan als Fahrer Geld zu verdienen. Als er nicht zurückkehrt, geht seine Mutter mit Jama nach Aden, um dort Arbeit zu finden.

„the place where you are born is not always the best place for you, boy.“

Sie stirbt jung und Jama, nun völlig auf sich allein gestellt, macht sich auf den beschwerlichen Weg in den Sudan, von dem er nicht genau weiß, wo er überhaupt ist, um seinen Vater zu finden. Das alles passiert in den 1930ern, als Abessinien gerade von italienischen Truppen angegriffen wurde. Jamas Weg in den Sudan führt mitten durch das umkämpfte Gebiet. Auch er arbeitet für die italienischen Besatzer und wird Teil ihrer Armee. Der Umgang der Europäer mit den Afrikanern, die für sie und an ihrer Seite kämpfen, widert ihn zunehmend an. Auch er selbst erfährt Erniedrigungen und Demütigungen durch Vorgesetzte, findet aber nicht den Mut, zu fliehen. Erst als er mit eigenen Augen das Opfer eines sinnlosen Gewaltexzesses sieht, desertiert er und gelangt nach Eritrea, wo er sesshaft zu werden scheint. Doch getreu seinem Motto „Das einzige, was ein ruhender Mann findet, ist der Tod“, findet er auch dort auf Dauer keine Ruhe und setzt seinen Weg fort.

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Nicht alles, was in diesem Roman passiert, ist auch genau so im Leben von Mohameds Vater geschehen, aber es gibt sehr viele Parallelen. Oft hat Jama so viel Glück, dass es beinahe unglaubwürdig erscheint. Am unwahrscheinlichsten erschien mir die Episode an Bord der Runnymede Park, mit der Jama Afrika verlässt und nach Europa gelangt. Das Schiff war eines der drei, die an der Deportation der Juden an Bord der Exodus beteiligt waren. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass Mohamed unbedingt auch diese weit größere Fluchtgeschichte mit der Geschichte Jamas verknüpfen wollte, auch wenn es nicht in den Roman passt. Allerdings war ihr Vater offenbar wirklich einfach an Bord dieses Schiffes.

Jamas Geschichte ist beeindruckend, umso mehr, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es eine fast reale Biographie ist und all das tatsächlich in nur einem Leben passiert ist. Sein Weg ist oft von großer Armut, Not und Hunger geprägt, Mohameds Stil bleibt dabei aber unpathetisch und schnörkellos. Die Konflikte der lokalen Bevölkerung mit den kolonialen Besetzern werden ebenso thematisiert wie die Feindschaften unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die sich bis ins Exil fortsetzen. So kann Jama als Angehöriger der angesehenen Eidagalle auch im Ausland auf Unterstützung durch andere Clanmitglieder setzen, während ein Yibir, den er auf dem Weg kennenlernt, höchstens auf mitleidige Almosen durch andere Somalis hoffen darf. Jama ist niemand, der sich auflehnt, er schwimmt mit dem Strom, greift nach allen Möglichkeiten, die sich ihm bieten, und schafft es so, zu überleben. Er ist harmlos und hat einfach viel Glück, so wie seine Mutter es ihm prophezeit hat. Die schwarze Mamba, die über den Bauch seiner Mutter gekrochen ist, als sie mit ihm schwanger war, soll ihn gesegnet haben. Sie wird zu seinem Totem.

In Afrika spielende Romane, die ohne gängige Klischees arbeiten, sind selten auf dem deutschen Markt, das wird oft genug bemängelt. Nun gibt es glücklicherweise Ausnahmen und ich bilde mir ein, sie würden mehr – hier ist eine weitere. Der außergewöhnliche Lebensweg ihres Vaters gibt Mohamed die Chance, einen spannenden, beeindruckenden und lesenswerten Roman zu schreiben, der Themenbereiche und Landstriche berührt, über die man sonst nur selten liest.


Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy. Harper Collins 2010. 280 Seiten, ca. € 10,-. Deutsche Übersetzung im Taschenbuch: Black Mamba Boy. Übersetzt von Susanne Urban. dtv 2016. 368 Seiten, € 12,90.

Das Zitat stammt von S. 112

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2 Gedanken zu “Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy

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