Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

Die ursprüngliche Frage nach der Repräsenation des Proletariats in der Kunst ist zwar ein durchgehendes Thema, immer mehr werden aber auch politische und theoretische Fragen aufgeworfen. Der Erzähler war in Deutschland Mitglied der KP und agiert auch im Exil weiterhin im Untergrund, obwohl politische Betätigung im offiziell verboten ist. Auch viele der Menschen die er trifft und von denen er berichtet, sind Teil des kommunistischen Widerstands. Oft erörtern sie die Frage, wie es in Deutschland zu einem faschistischen Regime kommen konnte und was danach noch kommen kann.

„Würde eine Verständigung überhaupt noch möglich sein, fragten wir uns, würden jene, die dort schrien und das Heil und den Sieg heraufbeschworen, je zum Denken zurückkehren können, würde sie je imstande sein zu erkennen, was mit ihnen geschehen war.“

Viele dieser sehr theoretischen Passagen ziehen sich zäh dahin. Oft schildert Weiss aber auch sehr beeindruckend die Findigkeit und den Mut der Menschen, die für ihre Überzeugungen ihr Leben riskierten und oft verloren. Die meisten von ihnen sind fiktiv, aber auch einige real existierende Personen wie Brecht und Rosalinda von Ossietzky haben ihren Auftritt auf diesen fast 1.200 Seiten. Aus ihren Geschichten und Perspektiven ergibt sich ein komplexes Bild des antifaschistischen Widerstands während der 1930er und 40er. Die Begegnung mit Brecht ist es schließlich auch, die den Erzähler in seinem Wunsch bestärkt, Schriftsteller zu werden.

Die Menge der analysierten Kunstwerke ist bemerkenswert. Bei wikipedia gibt es eine Liste, die mehr als 100 aufführt. Einige von ihnen werden nur gestreift, dem Floß der Medusa aber beispielsweise werden etliche Seiten gewidmet. Auch unter diesem Aspekt ist das Buch interessant, denn die kunstbetrachtenden Personen vertreten sehr unterschiedliche aber oft recht rigorose Ansichten.

Was das Buch aber besonders beeindruckend macht, ist seine unheimliche (im Wortsinn) Aktualität. In den Kapiteln über den aufkeimenden Faschismus in Deutschland, die ersten Mobilisierungen und die mutlosen Versuche der Gegenwehr merkt man deutlich, wie schnell die Stimmung in einem Land kippen kann und wie ähnlich die Gesellschaften damals und heute sich sind. Das waren eben doch nur sehr begrenzt „andere Zeiten“. Auch der Umgang der Nachbarländer, allen voran Schweden, mit Flüchtlingen aus Deutschland lässt einen ein bisschen verzweifelt und ratlos zurück. Denn auch wenn die Situation damals und heute eine andere ist, erkennt man die Debatte und die Argumente sofort wieder.

Die Ästhetik des Widerstands ist ein wichtiges, großes und beeindruckendes Buch, aber es kostet Kraft, es zu lesen, denn es ist alles andere als ein unterhaltsamer Roman.


Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. 3. Auflage Suhrkamp 2016. 1195 Seiten, € 22,-. Erste Auflage dieser Ausgabe 2005. Erstausgabe in drei Bänden bei Suhrkamp 1975, 1978, 1981.

In der BRD und DDR sind abweichende Versionen des Romans erschienen. Im Oktober 2016 ist bei Suhrkamp eine Ausgabe erschienen, welche nach den ursprünglichen Vorgaben des Autors editiert wurde.

Das Zitat stammt von S. 375

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6 thoughts on “Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

  1. Wissenstagebuch 14. März 2017 / 11:00

    Ich bin bei einer Recherche zu Dantes Göttlicher Komödie erstmals über ,,Die Ästhetik des Widerstands“ gestolpert und war beeindruckt von der Vielzahl der Werke, die es streift. Schön, jetzt auch deine Rezension dazu zu lesen. Ich möchte das Buch auch einmal angehen; vielleicht sollte man gleich noch Erläuterungen beim Lesen daneben legen? Viele Grüße.

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    • Marion 14. März 2017 / 11:15

      Sollte man unbedingt. Ich hatte verschiedene Online-Quellen dazu und die waren auch an einigen Stellen sehr nötig.

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  2. Marc 15. März 2017 / 12:30

    Steht in der Ausgabe der Büchergilde schon auf dem Wunschzettel. Bisher schreckte ich wegen dem Umfang und dem Thema davor zurück.

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    • Marion 20. März 2017 / 10:47

      Es ist auch tatsächlich keine kleine Aufgabe. Aber eine lohnende!

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  3. flattersatz 20. März 2017 / 14:13

    Da zieh ich mal den Hut! Ich habe die ´83er Ausgabe (Suhrkamp ‚Weißes Programm‘) und weiß nur, daß ich seinerzeit an Peter Weiß gescheitert bin. Weiß Gott, ein anspruchsvolles Werk, daß geweisslich viel Ausdauer verlangt. Deswegen vorstehenden Hutzug vor dir!
    Herzliche Grüße

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