Der Sog der Elbe – „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff.

„Ihr lebt hier im Paradies!“ Diesen Satz haben Sophie und Thies schon oft gehört, seit sie die besetzten Häuser ihrer Studienzeit hinter sich gelassen haben und einen Resthof nahe Lüneburg gekauft haben. Dort leben sie nun mit Bodo und Inga, ihren besten Freunden, die sich auf dem Grundstück ebenfalls ein Haus gebaut haben. Ganz nah an der Elbe, mit Scheune, großem Garten und Tischtennisplatte. Fehlen nur noch die spielenden Kinder auf der Wiese. Und genau da beginnt das Martyrium von Thies und Sophie. Während Bodo und Inga zwei strahlende, fröhliche, begabte Kinder großziehen, klappt es bei ihnen zunächst gar nicht mit der Schwangerschaft. Und dann kommt Aaron. Aaron wird kein begabter Sänger, kein begnadeter Fußballspieler und auch nicht das beliebteste Kind in der Klasse.

Aaron ist von Anfang an „schwierig“ lässt seine Eltern und auch sonst niemanden an sich heran, wird gewalttätig. Thies, selbst Lehrer, und Sophie sind überfordert und zermürbt von der ständigen Anspannung, von den ewigen Gesprächen mit der Schulleitung. Ihre Beziehung leidet ebenso wie die Freundschaft zu Bodo und Inga, deren Glück die beiden ständig vor der Nase haben. Sie neiden ihnen das Familienglück, auch wenn sie das niemals zugeben würden. Als gerade mal wieder ein Schulverweis droht und Aarons Eltern endgültig mit ihrem Latein am Ende sind, als sie sich eingestehen müssen, dass sie wirklich und gar nicht mehr weiterwissen, kommt Aaron eines Abends nicht nach Hause. Zwei Tage später gibt die Elbe seinen leblosen Körper wieder frei.

„Sie schonten sich gegenseitig. Flüchteten in ihre eigenen Welten.“

Die Handlung des Romans setzt etwas mehr als ein Jahr nach diesem Unglück ein. Abwechselnd erzählt aus den Perspektiven von Sophie, Inga und Thies entwickelt sich das Bild von einer Familie in Schockstarre, von Menschen, die mit ihrem Leid und ihrer Trauer ganz unterschiedlich umgehen. Auch ein Jahr nach Aarons Tod ist völlig unklar, was in seinen letzten Stunden passiert ist. An einen Unfall wollen nicht alle glauben, aber es gibt keinerlei Zeugen, die etwas anderes gesehen hätten. Mitten in diese angespannte Situation herein platzt Mara, eine lebensfrohe Frau aus Kopenhagen. Sie behauptet, in der Gegend nach einem alten Freund ihrer Mutter zu suchen und wickelt auf dem alten Hof alle sofort um den Finger. Bald aber verstrickt sie sich in Widersprüche. Hat ihr Besuch am Ende ganz andere Gründe?

Unter ihrem echten Namen Susanne Kliem ist die Autorin seit Jahren mit Krimis erfolgreich. Mit Unter Wasser Nacht und unter Pseudonym wagt sie sich nun erstmal in andere Gefilde vor. Die Erfahrung im kriminalistischen Bereich aber merkt man auch diesem Roman deutlich an. Und das nicht nur, weil eine der Figuren Polizist ist. Zwar nehmen das Zwischenmenschliche und die versuchte Trauerbewältigung viel Raum ein, vom Geheimnisvollen aber hat die Autorin sich nicht ganz lösen können und das keinesfalls zum Nachteil des Romans. Die verschiedenen Perspektiven bringen Dynamik in den Roman, insbesondere da die Charaktere in dieser Phase ihres Lebens wenig miteinander teilen und so zum Teil nicht nur ganz unterschiedliche Sichtweisen, sondern auch ganz unterschiedliches Wissen zu Aarons Tod haben. Als Leserin kennt man sie zum Glück alle und ist somit immer einen Schritt voraus. Hauff erzählt den Roman in einem knappen, zackigen Ton, der wenig Raum für Abschweifungen gibt und einen nah bei der Handlung hält. Unter Wasser Nacht erzählt nicht nur eindrücklich von einem Ehepaar in einer enormen Krise, sondern hat auch merkliche Krimi-Anteile, die den Roman spannender werden lassen, als das Thema, das eher zur Reflektion einladen würde, es zunächst vermuten lässt.


Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht. Hanser 2022, 288 Seiten. Erstausgabe Hanser 2021.

Das Zitat stammt von S. 28.

Das unheilverkündende Okapi – „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Selma hat hellseherische Kräfte. Träumt sie nachts von einem Okapi, stirbt jemand in den nächsten 24 Stunden. Zum Glück passiert das nicht oft, das kleine Dorf im Westerwald, in dem sie und ihre Enkelin Luise leben, wäre sonst bald entvölkert. Außer den beiden leben dort Luises bester Freund und sein Vater Palm, Luises Mutter, die ihren Mann verlassen will und Luises Vater, der das Dorf verlassen will, der Optiker, der gar nicht so heimlich in Selma verliebt ist, die abergläubische Elsbeth und die ewig mies gelaunte Marlies. Der große, graue Hund Alaska und der buddhistische Mönch Frederik komplettieren Luises Welt.

„Ein Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhanglos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren.“

Selmas Träume lösen im Dorf jedes mal großes Unbehagen und Emsigkeit aus. Da niemand weiß, wen das Okapi meint, fürchten alle, den nächsten Tag nicht mehr zu sehen, beichten alle Geheimnisse und schreiben Briefe mit bislang unausgesprochenen Wahrheiten darin. Letztere erbetteln sie sich am nächsten Tag vom Briefträger wieder zurück. Die Welt von Was man von hier aus sehen kann ist äußerst überschaubar. Tatsächlich umfasst sie nicht viel mehr, als das, was man vom höchsten Punkt des Dorfes aus sehen kann. Luises Vater fordert zwar fortwährend, man solle mehr Welt hereinlassen, sie hält dann aber doch nur Einzug in Form von Bildbänden, die er seiner Mutter zum Geburtstag schenkt. Er immerhin begibt sich auf Rat seines Therapeuten auf Weltreise während seine Frau eine Affäre mit dem örtlichen Eiscafé-Betreiber beginnt.

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Sue Black: Alles, was bleibt

Sue Blacks Arbeit dürfte auf viele Menschen erstmal abschreckend und verstörend wirken: sie ist forensische Anthropologin. Wenn irgendwo eine nicht identifizierbare Leiche gefunden wird, ist es ihre Aufgabe, herauszufinden, wie dieser Mensch einmal hieß, wo er gelebt hat und ob es vielleicht noch eine Familie gibt, die in Ungewissheit lebt und der es helfen kann, die vermisste Person wenigstens ordentlich zu beerdigen.

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Black arbeitet dabei nicht nur in ihrer Heimat, dem schottischen Dundee, sondern gehört auch einem internationalen Team an, das gerufen wird, wenn es irgendwo auf der Welt eine Menge Leichen zu identifizieren gilt. So war sie beispielsweise nach dem Kosovokrieg damit betraut, Menschen zu identifizieren, die in Massengräbern verscharrt wurden. Als ein Tsunami die Asiens traf und mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen, tat ihr Team das möglichste, die Toten sicher zu identifizieren. Die Hinweise, welche die Toten dabei geben, sind sehr spannend und den meisten sicher unbekannt. Klar, Knochenlängen sagen etwas über die Größe des Menschen, Verknöcherungsgrade etwas über das Alter aus. Aber wer weiß denn schon, dass man irgendwo im Kopf eine winzige Höhle namens otische Kapsel hat, die sich beim ungeborenen Kind entwickelt, sich danach nie wieder verändert und für immer Rückschlüsse darauf zulässt, welcher Umgebung die schwangere Mutter zum Zeitpunkt des fraglichen Entwicklungsstadiums ausgesetzt war?

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Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Arbeit und Struktur ist der Blog Wolfgang Herrndorfs, in dem er vor allem von seiner Erkrankung berichtet. 2010 wird bei ihm ein Gehirntumor, ein Glioblastom diagnostiziert. Mit Chemo und OPs überlebt er unerwartet lange. Am 26.08.2013 erschießt er sich am Landwehrkanal. Nach seinem Tod wurde der Blog in Buchform veröffentlicht, ist bis heute aber auch online verfügbar.

„Oft denke ich eine halbe Stunde oder länger nicht an den Tod.“

2016-11-01-13.52.54.jpg.jpgDass Arbeit und Struktur kein einfaches Buch sein würde, war mir klar, schließlich handelt es vom Tod eines Menschen. Aber, so dachte ich, würde es mir auch nicht sehr nahe gehen, schließlich kannte ich Herrndorf nicht und sein Tod wäre also für mich nichts anderes als der einer fiktiven Figur oder einer historischen Person. Ich habe am Ende fast vier Wochen gebraucht für dieses Buch, weil ich es immer wieder weglegen musste, weil Herrndorf mich immer wieder völlig kalt erwischt hat mit einem einzigen Satz, mit einem blöden Halbsatz. Herrndorf konnte außergewöhnlich gut schreiben und seine Worte haben eine ungeheure Wucht. Weiterlesen