Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Als ich an meinem derzeitigen Arbeitsplatz anfing, kam ich als Ersatz für einen ca. 50jährigen Kollegen. Er erklärte mir alles. Alles alles. Wie die relevanten Computerprogramme funktionieren (nützlich, zugegeben), wie eine Rechnung aufgebaut ist, dass es nicht klug war, in eine Dachgschoss-Wohnung zu ziehen und wie der Wasserkocher funktioniert. Es war völlig egal, wie oft ich sagte, dass ich um die mitunter problematischen Isolierungen von Dachgeschossen weiß, dass ich Rechungen schreiben und zahlen kann und auch schon mal Tee gekocht habe. Er redete und redete und redete. Und hinterließ mir, als er ging, ein heilloses Durcheinander, weil er mir zum Beispiel nicht erklärt hatte, welche Bestellungen er für die nächsten Monate schon getätigt hatte oder wo in seinem Chaos ich diese Infos finden konnte. Aber hey, der Wasserkocher, danke nochmal. Mansplaining in Höchstform?

Der Begriff des Mansplaining wird oft Rebecca Solnit zugeschrieben. Sie selbst ist nicht dieser Ansicht, unbestreitbar aber war ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ausschlaggebend für die Diskussion um diese Thematik und führte letzlich mit zur Prägung des Begriffs. In diesem titelgebenden Essay berichtet sie von einer Party, bei der ihr Gastgeber ihr begeistert von einem neuen, ganz wichtigen Buch über den Fotografen Muybridge erzählte. Solnits Begleitung versuchte mehrfach, ihm zu sagen, dass Solnit selbst dieses Buch geschrieben hat. Vor lauter Selbstgefälligkeit hörte der Gastgeber diesen Hinweis aber erst beim dritten Mal und musste kleinlaut zugeben, dass er das Buch nicht mal gelesen hatte.

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Insgesamt umfasst dieser Band sieben Essays der Autorin, die sich alle mit der Position der Frau in der Gesellschaft befassen und der Frage, wie diese Position im Wandel ist. Solnit spricht viel über Gewalt, von der Frauen mehr betroffen sind, als Männer. Besonders häusliche Gewalt thematisiert sie in einigen Texten, aber auch die rape culture, in der den Opfern einer Vergewaltigung zumindest eine Teilschuld gegeben wird. Warum, fragt sie, müssen Frauen bestimmte Gegenden meiden, warum dürfen sie nachts alleine nicht unterwegs sein, warum sollten sie besser ein Taxi nehmen und keine kurzen Röcke tragen? Warum gibt man nicht den Tätern die Schuld und rät ihnen, am besten keine Frauen mehr zu vergewaltigen?

„Die Emanzipation der Frau wurde oft als Bewegung dargestellt, die darauf abzielt, die Macht und Privilegien von Männern zu beschneiden oder sie ihnen ganz wegzunehmen, als handelte es sich um ein armseliges Nullsummenspiel, bei dem immer nur ein Geschlecht frei und mächtig sein kann. Aber wir sind entweder gemeinsam frei oder gemeinsam unfrei.“

Sie spricht keine generellen Beschuldigungen aus, aber sie liefert eine Menge Fakten und kommt zu dem Schluss: Gewalt hat keine Rasse, keine Nationalität und keinen sozialen Status, aber sie hat ein Geschlecht. Sie glaubt, dass wir uns dem stellen müssen, um etwas gegen die Ursachen der Gewalt zu tun. Denn ebenso wie Frauen sind auch Männer an ihre Geschlechterrollen gebunden, in denen sie sich oft auch unwohl fühlen. Fälle von Gewalt gegen Frauen, in welcher Form auch immer, sind keine verdammungswürdigen Einzelfälle sondern ergeben ein Gesamtbild, mit dem wir uns auseinadersetzen müssen, wenn wir etwas erreichen wollen.

Und so sieht sie den Feminismus nicht als Kampf der Geschlechter gegeneinander, sondern als einen Kampf gegen Geschlechterrollen die obsolet und gut für niemanden sind. Wenn die Männer da mitmachen wollen, sind sie ihr herzlich willkommen Denn, so ihr Credo, entweder sind wir gemeinsam frei oder gemeinsam unfrei.

Solnit hat einen angenehm unaufgeregten und unpathethischen Ton, versteht es aber trotzdem, aufzurütteln. Einige ihrer Texte sind schon ein paar Jahre alt, aber unverändert wichtig und aktuell und sie werden es wohl auch noch eine ganze Zeit bleiben. Die Autorin baut auf harte Fakten, liefert aber sehr lesbare Texte, die jeden theoretischen Schrecken verloren haben und auf sehr bodenständige Weise auf enorme Ungerechtigkeiten hinweisen. Solnit gehört unbedingt gelesen.

Hingewiesen sei auch auf die Website der Autorin, auf der man einige ihrer Essays in englischer Sprache lesen kann.


Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären. Übersetzt von Kathrin Razum und Bettina Münch. btb 2017. 169 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe: Hoffmann und Campe 2015. Originalausgabe: Men Explain Things to Me. Haymarket Books 2014.

Das Zitat stammt von S. 55

Ich danke dem Randomhouse Bloggerportal für das Leseexemplar.

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20 Gedanken zu “Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

  1. Lese_/*Innen 21. Februar 2017 / 12:10

    dazu braucht man keinen „Feminismus“ oder „Maskulismus“.
    Ein einfaches : „Du, lass mal, lieb von Dir aber ist schon gut“ reicht hier allemal aus.
    Feminismus braucht kein Mensch im Westen

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    • Marion 21. Februar 2017 / 12:25

      Ein weiteres Problem, das Solnit thematisiert ist die Tatsache, dass die Schilderungen von Frauen oft nicht ernst genommen werden…
      Nein, ein „lass mal“ hilft eben rein gar nichts. Glaubst du nicht, dass ich auf die Idee nicht auch selbst gekommen wäre? Es hilft vielleicht in dieser EINEN Situation, möglicherweise hält er mal kurz die Klappe, das ändert aber nichts an der offensichtlich zugrunde liegenden Ansicht, dass ich weder in meinem Job noch in meinem Privatleben in der Lage bin, selbstständige Entscheidungen zu treffen und kompetent zu handeln und dass man mir das alles erklären muss. Und es ist auch nicht „lieb von dir“, es ist unnötig.
      Ich brauche Feminismus, viele andere brauchen ihn auch, und zwar in jeder Himmelsrichtung.

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      • fraggle99 21. Februar 2017 / 12:54

        Ich versuche seit ein paar Minuten, einen Kommentar dazu zu verfassen und bemerke gerade, auf welchen dünnem Eis man sich bewegt, wenn man eine andere Einstellung zum „Mansplaining“ vertritt, gerade als Mann. Ich versuche es trotzdem und bitte darum, nichts persönlich zu nehmen. 😉

        Dass die Schilderungen von Frauen oft nicht ernst genommen werden, mag so sein, das möchte ich nicht in Abrede stellen. Diese Argumentation taugt aber auch, ein Problem wesentlich größer aussehen zu lassen, als es letztendlich ist.

        Und „Mansplaining“ als ein gesamtgesellschaftliches Problem darzustellen bzw. den Männern als eine ihnen allgemein eigene Verhaltensweise zuzuschreiben, empfinde ich einfach als unfair.

        Klar gibt es Menschen, die ins Dozieren geraten, wenn sie von etwas reden, von dem sie meinen, sie kennen sich diesbezüglich besser aus als ihr Gegenüber. Mir passiert das auch öfter. Wenn man mich zu einem Thema befragt, antworte ich. Kenne ich mich gut darin aus, beginne ich auch mal zu dozieren – allerdings losgelöst vom Geschlecht meines Gegenübers!

        Solche Menschen, die andere ungefragt an ihren Lebensweisen teilhaben lassen, sind schlichte Klugscheißer. Jedenfalls, wenn sie es Männern gegenüber tun. Tun sie es Frauen gegenüber, betreiben sie „Mansplaining“!

        Ich hatte in meinen Jobs auch schon Kolleginnen, die mir neben meinem Job auch das Leben, das Universum und den ganzen Rest erklärt haben. Ich käme aber nicht auf die Idee, das als eine den Frauen allgemein zugehörige Angewohnheit zu sehen. Täte ich das, wäre ich sexistisch.

        Wie gesagt, das ist nur meine Meinung. Und der darf jederzeit widersprochen werden. 😉

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        • Marion 21. Februar 2017 / 14:29

          Lieber Fraggle,
          natürlich sind nicht alle Männer furchtbare Mansplainer und es gibt es auch unter den Frauen unterträgliche Klugscheißerinnen.
          Dozieren und Kurzvorträge zu Fachgebieten können nervig sein, sind aber noch nicht automatisch mansplaining. Wenn mir mein Friseur erklärt, was Balayage ist, mansplaint er nicht sondern beantwortet meine Frage. Und auch wenn ich nicht gefragt habe – der Mann weiß halt mehr über Haare als ich. Wenn mein Teilchenphysiker-Bruder mir erklärt, was genau am CERN passiert, setzt er zurecht voraus, dass ich weniger über Physik weiß, als er. Es interessiert mich nicht immer, aber tatsächlich habe ich die Chance, etwas zu lernen.
          Wenn mir jemand ungefragt meinen Beruf erklärt, setzt er/sie voraus, dass ich weniger kompetent bin als er/sie. Nun hat jede Person natürlich eigene Schwerpunkte und Kompetenzen, aber einer Person, die einen kaufmännischen Beruf gelernt hat, muss man nun wirklich nicht erklären, was die USt ist.
          Nun ist es tatsächlich so, dass ich und viele Frauen, die ich kenne, die Erfahrung gemacht haben, dass Männer öfter glauben, mehr zu wissen als eine Frau, als umgekehrt. Vor ein paar Wochen zum Beispiel war ich bei einer Metzgerei und die dort arbeitende Metzgerin hat verzweifelt versucht einem Kunden zu erklären, dass man Leberwurst so wie er sie gerne hätte, gar nicht herstellen kann. Hat er nicht geglaubt. Hat er früher immer so gekauft. Bis ein männlicher Kollege ihm exakt das gleiche gesagt hat, dann war es auf einmal plausibel. Es sind übrigens vor allem ältere Männer, die dieses Verhalten an den Tag legen.
          Wir hatten mal einen Kollegen hier, der von nichts ne Ahnung hatte und auch nur ein paar Tage da war. Erstaunlich viele Kunden sind aber davon ausgegangen, dass er der Filialleiter sein muss und haben sich mit ihren Fragen an ihn gewandt. Weil männlich und jenseits der 45?
          Mit Frauen, gleich welchen Alters, passiert mir das hingegen nur sehr, sehr selten. Nicht nie, aber eben so viel seltener, dass ich da ein Muster erkenne. Es sind vor allem ältere Männer, die meinen, mir sagen zu müssen, wie ich meinen Job zu machen habe (auch wenn sie selbst keinen Tag in dem Job gearbeitet haben), ob mein Autokauf klug war und welches Streugut ich einsetzen sollte. Und das gänzlich ungefragt. Einfach aus Nettigkeit, weil ich offenbar zu blöd bin, einen Bürgersteig zu streuen.
          Und dieses Verhaltensmuster ist ein Problem und es ist eben vor allem ein von Männern ausgeübtes. Natürlich nicht immer und nicht nur. Aber in einem erkennbaren Ausmaß.

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          • fraggle99 21. Februar 2017 / 14:53

            Vielen Dank für die Antwort! Zugegeben, die genannten Beispiele lassen mich mit dem Kopf schütteln. 😉 Leute gibt es… 🙂

            Anhand der Beispiele, und auch allgemein, habe ich den Eindruck gewonnen, dass das dann ein generationsbedingtes Verhalten sein dürfte. Aus Zeiten übernommen, in denen das „schwache Geschlecht“ eben wirklich noch so wahrgenommen wurde und Frauen noch ihre Ehemänner fragen mussten, ob sie einer bezahlten Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen. Dann gibt sich das im Laufe der Jahre möglicherweise von selbst… Zumal man den älteren Herren ihr jahrzehntelang antrainiertes Verhalten nur schwer austreiben dürfte. 😉

            Ich persönlich bin aber etwas zu jung, um mit solchen Verhaltensweisen aufgewachsen zu sein. Gott, endlich bin ich mal für irgendetwas zu jung! 🙂

            Dennoch fühle ich mich als Mann in der Debatte irgendwie unter Generalverdacht gestellt. Und ich stelle mir die Frage, inwieweit sich das in Zukunft auf Kommunikation auswirkt. Wenn Männer immer erst 5 Minuten überlegen müssen, wie ihre Aussage aufgenommen werden könnte, werden Männer in Zukunft noch wesentlich weniger reden, als sie es ohnehin schon tun. 🙂 Ob das ein Verlust ist, sei mal dahingestellt… 😉

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            • Marion 21. Februar 2017 / 15:38

              Auf gar keinen Fall will ich hier einen Generalverdacht aussprechen. Es ist, wie gesagt, meiner Erfahrung nach bei Männern eher zu beobachten, aber bei weitem nicht bei allen. Es gibt ganz hervorragende Männer, denen es niemals einfallen würde, meine Kompetenz aufgrund meines Geschlechts in Frage zu stellen.
              Ob das Problem ein generationsbedingtes ist, weiß ich nicht. Schön wäre es ja, wenn diese Strukturen nicht ’nachwachsen‘ würden.

              Und natürlich können, dürfen und sollen Männer reden. Das Problem ist ja nicht das, was sie sagen, sondern die Einstellung die dahinter steht, nämlich dass Frauen nicht so besonders klug sind. Wenn man das nicht glaubt, gerät man auch eigentlich nicht in Mansplaining-Gefahr und -Verdacht.
              Vielen würde es auch schon helfen, wenn sie nicht nur reden, sondern auch zuhören würden. Hätte der Mann im obigen Beispiel auf Solnits Begleitung gehört, hätte er schon viel richtig gemacht. Hätte der Mann in der Metzgerei irgendwann mal gedacht „soso, die Frau ist also Metzgerin, sicher weiß sie viel über Wurst, mehr als ich auf jeden Fall“, hätte er auch einiges retten können. Reden ist die eine Sache, Zuhören die andere. Man kann immer in die Gefahr kommen, Leuten Dinge zu erzählen, die sie schon wissen. Das passiert mir und dir und allen, die das lesen. Man muss sich halt fragen, aus welchen Gründen es passiert.

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      • literaturreich 21. Februar 2017 / 13:11

        Danke für den hinweis auf die Autorinnenseite. Ich werde mich bei den Essays mal umtun, ist einiges interessantes dabei.
        Feminismus als Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt, brauchen wir alle zu jeder Zeit und an jedem Ort. Ich werde nie verstehen, wie man das bestreiten kann.

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      • SätzeundSchätze 21. Februar 2017 / 19:36

        Selbst wenn man deutlich klar macht, dass man selbst in der Lage ist, seinen Job zu stemmen – das hilft tatsächlich nicht. Ich bin jetzt über 50 und mache meinen Job sehr gut – und immer noch erlebe ich Situationen, in denen Männer mir erklären, was ich wie zu tun habe.
        Zugleich erlebe ich aber auch jüngere Kolleginnen, die dann ganz devot in Bewunderungshaltung übergehen – anstelle sich mit mir zu solidarisieren. Das sind Alltagsgeschichten – nicht existentiell, aber sie sind da. Und deshalb schon ist Feminismus nicht obsolet.
        Was aber viel dringlicher ist: Dass mit den ganzen Ängsten und Vorbehalten, die jetzt wieder geschürt werden, mit den ganzen -Ismen wie Rassismus, Antisemitismus usw. immer auch Frauenfeindlichkeit einher geht. Die ist wieder am Zunehmen, die Rechten propagieren bestimmte Frauenrollen. Oder schauen wir auf den Macho im Weißen Haus resp. im Kreml. Von daher ist es wichtig, feministisch zu handeln und für unsere Rechte einzutreten.

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  2. Juliane 21. Februar 2017 / 13:53

    Liebe Marion,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Nachdem ich gerade „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski gelesen habe, bin ich nun regelrecht „angefixt“ vom Feminismus. Also wandern Solnits Essays umgehend auf meine Wunschliste.
    Zu der Diskussion hier in den Kommentaren kann ich nur sagen, dass Feminismus unbedingt nötig ist, überall auf der Welt. Es ist doch besonders bezeichnend, dass gerade in unserer westlichen, vordergründig fortschrittlichen Gesellschaft, Frauen (aber auch andere Personengruppen wie beispielsweise LGBTI*-Menschen) immer noch anders behandelt werden, als (weiße) Männer. Im Mansplaining zeichnen sich diese althergebrachte Machtstrukturen ab, die es gilt, aufzubrechen.
    Ich habe das auch schon oft erlebt…endlose Belehrungen und Erklärungen von (vor allem älteren) Männern. Horror. Ein verbale Abwehr hilft da oft auch nicht, sondern wird eher überhört. Deshalb finde ich solche Bücher wie dieses unglaublich wichtig. Manchmal sitzt man ja so tief in den Strukturen, dass man sie selbst schon gar nicht mehr hinterfragt.

    Liebe Grüße
    Juliane

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    • Marion 21. Februar 2017 / 15:40

      Liebe Juliane,
      da hast du recht, manchmal merkt man es selbst nicht mehr. Manchmal muss man erst darüber lesen und denkt „Alter, du hast recht, das passiert mir die ganze Zeit! Und ich halte das für normal!“
      Gut, dass es einem manchmal jemand sagt 🙂

      Alles Liebe,
      Marion

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  3. Christian - Alles Evolution 21. Februar 2017 / 19:11

    „Die Emanzipation der Frau wurde oft als Bewegung dargestellt, die darauf abzielt, die Macht und Privilegien von Männern zu beschneiden oder sie ihnen ganz wegzunehmen, als handelte es sich um ein armseliges Nullsummenspiel, bei dem immer nur ein Geschlecht frei und mächtig sein kann. Aber wir sind entweder gemeinsam frei oder gemeinsam unfrei.“

    Das scheint mir tatsächlich einer der Hauptgesichtspunkte des Feminismus zu sein: Sie gehen von einem sehr einseitigen Nullsummenspiel aus, in dem Macht und Gewinnen zB sehr einseitig betrachtet wird und Kooperationsgewinne unterschlagen werden.

    Denn Führungspositionen bedeuten ja nicht einfach Macht und Geld, sondern 60+ Stundenwochen mit erheblichen Stress, jederzeitige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit etc.

    Das man sich das vielleicht duchaus berechtigerweise ersparen möchte und lieber einen normaleren Job, evtl sogar Teilzeit und dafür mehr Zeit mit Kindern und Familie haben möchte und das man es sogar als angenehm empfinden kann, wenn ein Partner einen in diesem Zusammenhang finanziell den Rücken freihält kommt darin nicht vor.

    Solange der Feminismus nicht betrachtet, dass das Leben der Dax-Geschäftsführer-Ehefrau durchaus bequemer sein kann als selbst Geschäftsführer eines Dax Unternehmens zu sein wird er nicht vorankommen.

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    • Marion 21. Februar 2017 / 20:12

      Nun, in dem Zitat steht ja, dass es gerade KEIN Nullsummenspiel sein darf und kann.

      Und das ist auch überhaupt nicht das Ziel. Wenn eine Frau Dax-Gattin sein will, warum denn nicht? Wer gerne Hausfrau und Mutter sein möchte, kann das jederzeit machen.
      Dax-Gattinnen sind aber recht selten im Vergleich zu Elektriker-Gattinnen oder Fernfahrer-Gattinnen. Während die Dax-Gattin auch nach einer evtl. Scheidung oder dem Tod des Ehepartners relativ sicher dastehen dürfte, ist die Situation in vielen anderen Einkommensverhältnissen eine ganz andere, aber das ist schon eigentlich ein anderes Thema.

      Es geht nicht darum, dass jede Frau Dax-Geschäftsführerin sein soll oder muss, es geht darum, dass sie die gleiche Chance haben sollte eine zu sein, wenn sie es denn lieber sein will als zu Hause zu bleiben oder Teilzeit zu arbeiten.

      Umgekehrt heißt das auch, dass es für Männer ebenso möglich sein muss, nicht der einkommensstarke Part einer Beziehung zu sein und dafür nicht belächelt zu werden. Ich kenne mindestens zwei Männer, die lieber zu Hause geblieben wären bei ihren Kindern, die davon aber Abstand genommen haben, weil ihre Frauen so schlecht bezahlt sind, dass sie nicht den kompletten Unterhalt stemmen können und einer tatsächlich einfach deshalb, weil sein soziales Umfeld die Idee lächerlich fand und er sich dafür geschämt hat. Ein weiterer Freund von mir ist seit zwei Jahren mehr oder weniger vom Einkommen seiner Freundin abhängig und leidet nicht nur deshalb darunter, weil er selbst gerne ein Einkommen hätte, sondern vor allem, weil der soziale Druck riesig ist.

      Diese Männer sind also auch in Situationen, die ihnen nicht lieb sind, die sie derzeit aber nicht ändern können oder wollen, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse es ihnen unmöglich oder zumindest unnötig schwer machen.

      Wäre es für Frauen wie Männer gleichermaßen normal, Hauptverdienende einer Familie zu sein, wäre vieles für viele sehr viel einfacher. In dem Modell ist auch ne Menge Platz für Dax-Gattinnen.

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      • Christian - Alles Evolution 21. Februar 2017 / 20:49

        „Nun, in dem Zitat steht ja, dass es gerade KEIN Nullsummenspiel sein darf und kann.“

        Dam müsste der Feminismus sich das vorhalten lassen, den er besteht ja üblicherweise aus einer Konflikttheorie, die auf einen Machtkampf zwischen Gruppen, zumindest aber Mann und Frau abstellt.

        „Und das ist auch überhaupt nicht das Ziel. Wenn eine Frau Dax-Gattin sein will, warum denn nicht? Wer gerne Hausfrau und Mutter sein möchte, kann das jederzeit machen.“

        Darum ging es doch gar nicht. Es ging darum, dass die Dax-Gattin in der Theorie des gegenwärtigen Feminismus dennoch als abhängig und unterdrückt gilt. Immerhin verdient sie weniger als Männer und wird insoweit benachteiligt. Die Vorteile, die sie durch diese Rollenverteilung hat, werden zB in allen Gender Pay Gap Theorien vollkommen ausgeblendet oder kennst du eine, die so etwas berücksichtigt?

        „Dax-Gattinnen sind aber recht selten im Vergleich zu Elektriker-Gattinnen oder Fernfahrer-Gattinnen“

        Das Juristenehepaar, bei dem er in einer Kanzlei arbeitet und sie auf einer Halbtagsstelle Richterin ist oder das Lehrerehepaar, bei dem sie Halbtags arbeitet oder auch das Paar, bei dem der Mann im Schichtbetrieb in einer großen Firma gutes Geld verdient und sie ihren Beruf aufgibt gibt es aber auch. Und auch die Elektikergattin, die halbtags arbeitet und ansonsten die Kinder betreut kann Vorteile haben.

        „Während die Dax-Gattin auch nach einer evtl. Scheidung oder dem Tod des Ehepartners relativ sicher dastehen dürfte, ist die Situation in vielen anderen Einkommensverhältnissen eine ganz andere, aber das ist schon eigentlich ein anderes Thema.“

        Das ist ein Risiko, natürlich. Aber auch das kann man ja kalkulieren. Und sogar abfangen, wenn man danach neu heiratet und wieder nach der gleichen Rollenverteilung lebt.

        „Es geht nicht darum, dass jede Frau Dax-Geschäftsführerin sein soll oder muss, es geht darum, dass sie die gleiche Chance haben sollte eine zu sein, wenn sie es denn lieber sein will als zu Hause zu bleiben oder Teilzeit zu arbeiten.“

        Hat sie doch. Aber wie soll sie Chancen verwerten, wenn sie ihren Beruf darauf ausrichtet, dass er zwar geringere Karrierechancen hat, aber dafür – zB weil öffentlicher Dienst – gut das Aussetzen und die Teilzeit ermöglicht?
        Eine interessante Studie dazu habe ich hier besprochen, da sieht man auch gut, wie sich unterschiedlich Vorstellungen trotz jeweiliger Hochbegabung in anderen Jobs niederschlagen:
        https://allesevolution.wordpress.com/2014/12/03/mathematisch-hochbegabte-mannern-und-frauen-und-ihre-leben/

        „Umgekehrt heißt das auch, dass es für Männer ebenso möglich sein muss, nicht der einkommensstarke Part einer Beziehung zu sein und dafür nicht belächelt zu werden“

        Da bin ich voll bei dir. Aber Frauen finden Einkommen bei einem Partner nach wie vor sehr wichtig. Sie bewerten, auch wenn ihnen das häufig nicht bewußt ist, Partner mit einem besseren Job als deutlich attraktiver.

        „Diese Männer sind also auch in Situationen, die ihnen nicht lieb sind, die sie derzeit aber nicht ändern können oder wollen, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse es ihnen unmöglich oder zumindest unnötig schwer machen.“

        „die gesellschaftlichen Umstände“ ist immer interessant. Da geht aus meiner Sicht immer etwas unter, dass es die Erwartungen und Einstellungen von Männern und Frauen sind.

        „Wäre es für Frauen wie Männer gleichermaßen normal, Hauptverdienende einer Familie zu sein, wäre vieles für viele sehr viel einfacher. In dem Modell ist auch ne Menge Platz für Dax-Gattinnen.“

        Warum wäre es dann einfacher? Was sagt dir, dass Frauen sich dann wohler fühlen würden und nicht überwiegend damit ganz zufrieden sind?
        Vielleicht gibt ihnen „Hauptverdiener“ einfach weniger als Männern. Männern gibt dafür vielleicht beruflicher Status und Erfolg mehr.

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        • Marion 21. Februar 2017 / 23:11

          Es gibt sicher zu viele Theorien und Strömungen im Feminismus, als dass ich das hier verallgemeinern wollte oder könnte. In meinem Verständnis von Feminismus (und auch Solnit geht in diese Richtung) geht es aber keinesfalls um einen Kampf gegen Männer. Ich mag Männer, ehrlich. Einige meiner besten Freunde… Aber auch meine allerbesten Freunde verdienen es nicht, für die gleiche Leistung besser entlohnt zu werden als ich.

          Die geldwerten Vorteile eines gut verdienenden Mannes nutzen ja nur den Frauen, die sich in einer Beziehung mit einem Mann befinden. Abhängig und unterdrückt sind da erstmal zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn ich selbst aber gar kein Geld verdiene oder nur so wenig, dass ich davon meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten könnte, bin ich von meinem Partner abhängig. Ob er mich auch unterdrückt, ist eine andere Frage. Nun habe ich einen und sogar einen, der mich finanziell unterstützen könnte, sollte es denn aus irgendwelchen Gründen mal nötig werden. Das aber auch nur, weil ich mich entschieden habe, in einer heterosexuellen Paarbeziehung zu leben. Viele Frauen tun das nicht, weil sie nicht an Männern interessiert sind, weil sie nicht an Paarbeziehungen interessiert sind oder weil sie an Paarbeziehungen durchaus interessiert sind, aber keinen passenden Partner finden. Die verdienen dann x% weniger und haben überhaupt keinen Vorteil von irgendwas. Dieses Modell funktioniert also nur, wenn man ein sehr traditionelles Familienbild zugrunde legt.

          Ob man eine Lebens- und Einkommenssituation als vorteilhaft empfindet oder nicht, hat natürlich sehr viel mit dem eigenen Lebensentwurf zu tun. Was für die einen der Traum ist, ist für andere reiner Horror und unvorstellbar. Natürlich kann jemand, der nicht 40+ Stunden arbeiten geht, viel Zeit für andere Dinge aufwenden, die nicht unbedingt Haushalt und Kinder sein müssen. Das ist ein Vorteil, zweifelsohne. Wie kalkulierbar das Risiko dieser Abhängigkeit ist, hängt eben sehr von den finanziellen Verhältnissen ab. Wer Glück hat und genug verdient, kann natürlich vorsorgen. Das ist aber lange nicht allen vergönnt und wenn die Kohle gerade bis zum Monatsende reicht, kann man auch schlecht kalkulieren. Wenn nichts da ist, was man teilen könnte, nützt einem auch der beste Ehevertrag nichts. Wenn man also seit 20 Jahren nichts verdient hat und kein Eigentum hat und keine smarte Altersvorsorge, kann es echt knapp werden. Dann bleibt halt die Grundsicherung. Erstrebenswert erscheint das sicher nur wenigen. Eben mal schnell neu heiraten – das Glück muss man erstmal haben. Und es ist eben nicht jeder Frau vergönnt, einen sicheren, flexiblen Job zu haben, den sie aussetzen kann oder in Teilzeit ausführen kann.

          Ob Frauen nun gerne Hauptverdienerin sind oder nicht, muss bitte jede für sich selbst entscheiden. Das kann man nun wirklich nicht generalisieren. Sicher geht es nicht allen Frauen so, dass sie gerne Karriere machen wollen und nicht alle Männer leiden unter ihrer Verantwortung. Wenn Frauen überwiegend zufrieden sind, können sie ja auch überwiegend in traditionellen Modellen bleiben. Es geht hier darum, dass diejenigen, die dies nicht sein wollen, die Möglichkeit haben, es anders zu machen und zwar unter gleichen Voraussetzungen wie Männer.

          Und einfacher wäre es, wenn Menschen jeweden Geschlechts in diesem Kontext weniger an Rollenbilder gebunden wären und mehr machen könnten, worauf sie Bock haben, was immer das ist. Wenn Frauen, die finanzielle Absicherung suchen, Männer finden, die gerne viel verdienen und Alleinversorger sein wollen, passen die ja super zusammen und können das so machen.

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  4. thursdaynext 22. Februar 2017 / 16:41

    Für mich bedeutet Feminismus schlicht den Frauen dieselben Rechte zuzugestehen wie den Männern. Nicht mehr nicht weniger. Einschliesslich des Rechtes frei über ihren Körper und ihre Sexualität zu verfügen. Eng gefasste Rollenbilder wie sie derzeit wieder auf dem Vormarsch sind sind hier kontraproduktiv.

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  5. Anne 22. Februar 2017 / 17:40

    Liebe Marion,
    ich habe das Buch auch gerade gelesen und war zwar nicht ganz so angetan, weil ich im Gegensatz zu dir, einige Essays nicht so gut lesbar fand, obwohl Solnit ansonsten einen wirklich guten Schreibstil hat. Die Analyse von Virginia Wolfs Werk war mir zum Beispiel zu wissenschaftlich. Nichtsdestotrotz gebe ich dir Recht, dass Solnit viele wichtige Themen anspricht und Mechanismen aufdeckt, die man auf den ersten und vielleicht auch auf den zweiten Blick nicht sieht. Wie gut Männer einem die Welt erklären können, obwohl sie vielleicht selbst viel weniger Ahnung von der Thematik haben als man selbst, hat wohl jede Frau schon mal erlebt…
    Viele Grüße
    Anne

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    • Marion 22. Februar 2017 / 22:17

      Liebe Anne,

      da hast du recht. Das Kapitel über Virginia Woolf war nicht ganz so kurzweilig 🙂
      Auch die Analysen von Werken von Fernández fand ich nicht besonders eingängig, aber das ist wohl einfach ihr Thema.

      Viele Grüße,
      Marion

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  6. jangeist 23. Februar 2017 / 5:55

    Oberflächlich wird die Abschaffung von Rollenbildern gefordert, aber in Wahrheit schafft der Feminismus bloß neue Rollenbilder. Eine Welt ohne diese würde ja bedeuten, dass man Menschen nur als Individuen betrachtet und sie nicht irgendwie einordnet.
    Hier wird aber der Mann auf seine „Mannhaftigkeit“ reduziert: Die Behauptung „Gewalt habe keine Rasse[…], aber ein Geschlecht“, oder der Begriff „mansplaining“ wie von Feministen benutzt zeigt ja, dass der Mann angegriffen wird aufgrund einer nur ihm zugeschriebenen, innewohnenden Natur.

    So ist es ein Paradox, wenn zum einen die absolute Gleichheit zumindest vorgegeben erwünscht (und natürlich als gegeben betrachtet) wird, zum anderen aber die Grundlage vieler feministischen Argumente die unterschiedliche Natur von Mann und Frau sind, auch wenn die natürlich nicht benannt wird, weil der Widerspruch sonst offensichtlich zu Tage träte.

    Ist es nicht so?

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    • Marion 23. Februar 2017 / 7:30

      So ist es nicht. Es geht nämlich nicht um absolute Gleichheit, es geht um absolut gleiche Rechte, was etwas ganz anderes ist.

      Es geht auch nicht um die ‚innewohnende Natur‘ der Geschlechter, die halte ich für großen Quatsch. Wenn aber tatsächlich so überproportional viele Männer gewalttätig werden, müssen wir uns mal fragen, ob da vielleicht in der Sozialisation was passieren könnte, das dazu führt. Ich sage das als eine Frau mit einem Aggressionspotenzial, das bei anderer Erziehung vermutlich schon zu einem dutzend Anzeigen geführt hätte. Friedlichkeit und Güte liegen nicht in meiner Natur.

      Viele der Straftaten die Männer gegen Frauen begehen, resultieren aus der Annahme, dass die Frau ihnen etwas schuldig sei. Liebe, Gehorsam oder sexuelle Gefälligkeiten. Sie glauben ein Recht an der Frau zu haben, das sie im Ernstfall mit Gewalt einfordern. Solnit führt dies weiter u.a. in diesem Essay aus http://rebeccasolnit.net/essay/a-rape-a-minute-a-thousand-corpses-a-year/

      Es geht nicht um eine angeborene, innewohnende Natur sondern um tradierte Machtstrukturen. Wir erinnern uns, dass Vergewaltigung in der Ehe noch gar nicht so lange eine Straftat ist, weil es offenbar irgendein männliches Recht auf Sex gab, das als relevanter zu beurteilen war als das der Frau auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit. Das ist nicht der individuelle Mann sondern eine hierarchische Struktur, die dieses Verhalten begründet und fördert.

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  7. Marion 23. Februar 2017 / 7:34

    Liebe Lesende und Kommentierende,

    ich habe mich entschlossen, die Kommentarfunktion für diesen Artikel zu beenden. Ich fand es bis hier einen sehr interessanten Austausch, nun bekomme ich für diesen Artikel aber wirklich außergewöhnlich viele Kommentare, von denen viele nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung verlangen.

    Ich habe gestern und in der nicht sehr erholsamen Nacht von gestern auf heute einen Entschluss gefasst, der eine sehr verstärkte Konzentration auf mein Privat- und Berufsleben erforderlich macht.

    Im Moment habe ich nicht die Kapazitäten mich nach Feierabend noch im Internet über Feminismus zu streiten und danke für euer Verständnis.

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