Margaret Atwood: Lady Oracle

Joans Mutter wünscht sich eine hübsche, grazile Tochter, die zum Ballett geht, bei den Pfadfinderinnen beliebt ist und reizende Kleider tragen kann. Joan ist dick, hat keine Freundinnen und ihr Part bei der Ballettaufführung wird in letzter Minute gestrichen. Ihr Körper ist der Hauptschauplatz der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die es nicht schafft, wirkungsvoll einzugreifen, weder mit Bestechungen noch mit untergeschummelten Abführmitteln. Ihr Gewicht ist Joans Weg der Mutter zu zeigen, dass sie sie hasst und die wirkliche Machtposition innehat indem sie sich schlicht weigert, das repräsentable Töchterchen zu sein.

atwood_ladyoracleIhre einzige Freundin und Verbündete ist ihre Tante Louise, mit der sie eine Vorliebe für Liebesschnulzen und Essen teilt. Als Louise stirbt, hinterlässt sie Joan einen Großteil ihres Vermögens und eine zweite Identität – Joan unterschlägt die Geburtsurkunde und hat bald einen Pass, ein Konto und einen Autorenvertrag unter dem Namen Louise K. Delacourt. Zufällig hat Joan nämlich entdeckt, dass sie ein schriftstellerisches Talent für Kostümromanzen hat und davon ganz gut leben kann. Eher zufällig produziert sie dabei auch einen Gedichtband mit dem Namen Lady Oracle, das einzige Buch, das jemals unter ihrem richtigen Namen erscheint.

„It was true I had two lives, but on days off I felt that neither of them was completely real.“

Nun ist Joan tot, tragisch ertrunken im Lake Ontario. Louise K. Delacourt hat sich mit einem Koffer voll nasser Klamotten und einem halben Manuskript nach Terremoto abgesetzt, einem verschlafenen Nest nahe Rom. Dort sitzt sie nun in einer nicht sehr komfortablen Ferienwohnung und hofft, dass ihr Mann Arthur oder zumindest ihre Affäre Chuck sie findet.

Lady Oracle beginnt mit dem Tod Joans und rollt retrospektiv die Geschichte auf, die beinahe zwangsläufig zu diesem frühen Ableben führen musste. Auf dem Weg trifft man auf einige sehr interessante Charaktere, unter ihnen der Politaktivist Arthur, ein faschistischer polnischer Graf und der Performance-Künstler „The Royal Porcupine“, der an „con-create poems“ arbeitet und mit dem Joan eine Affäre beginnt. Ihre Ehe nämlich ist eigentlich schon lange verloren, beide Seiten sind nach dem ersten großen Glück schwer voneinander enttäuscht. Für Joan ist es besonders schwer, sie traut sich nicht, dem ernsthaften Arthur von ihrer Tätigkeit als Kitsch-Autorin zu erzählen und erfindet dauernd neue Jobs, um ihr Einkommen zu erklären, das zeitweise deutlich über seinem liegt. Arthur hadert derweil mit der Unfähigkeit und Unwilligkeit seiner Frau im Haushalt.

Sowohl die Geschichte als auch die Charaktere sind höchst skurril. Joan kämpft ihr ganzes Leben lang mit den Minderwertigkeitsgefühlen, die sie aus ihrer Zeit als dicker Teenager behalten hat. Leichter macht sie es sich damit nicht. Doch aus ihrer einsamen Zeit hat sie sich auch die Fähigkeit bewahrt, alleine und ohne Unterstützung sein und handeln zu können. Obwohl sie so unsicher ist im Umgang mit anderen und sich oft so unterlegen fühlt, ist sie eigentlich eine starke und agile Frau. Sie kann sich nur sehr selten durchsetzen und handelt oft gegen ihren Willen, ist im Grunde aber schnell und smart. Nachdem sie als junge Frau wenig sexuelle Aufmerksamkeit bekommen hat, ist sie nach einem drastischen Gewichtsverlust überrascht und häufig überfordert von den Avancen, denen sie sich plötzlich ausgesetzt sieht. Joan/Louise glaubt, dass sie mehrere Leben auf einmal lebt und ist mit ihren Persönlichkeiten unterschiedlich zufrieden. Durch dieses ambivalente Verhältnis zur eigenen Person wird sie zu einer tragikomischen Figur. Ergänzt wird die Protagonistin von einer ganzen Sammlung von Personen, die ebenso merkwürdig und unnahbar scheinen wie sie. Nur gelegentlich zeigen sie Gefühle und Verletzlichkeit, was dann aber umso rührender wirkt.

In Lady Oracle glänzt Atwood mit allen Mitteln der Erzählkunst. Der Roman ist ebenso witzig und skurril wie rührend und traurig. Die Autorin vereint eine hoffnungslose Familiengeschichte mit einer selbst im Roman fiktiven Geheimagenten-Geschichte und zieht eine Figur nach der anderen aus dem Hut, was der Geschichte streckenweise ein recht rasantes und atemloses Tempo verleiht. Unterbrochen wird die Handlung von Auszügen aus den Kostümromanzen, die Louise K. Delacourt schreibt. Das Ende hat mich, wie ich zugeben muss, ziemlich schwer enttäuscht, auf dem Weg dahin aber war ich allerbestens unterhalten.


Margaret Atwood: Lady Oracle. Little, Brown Book Group. 375 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe André Deutsch 1977. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Lady Orakel für April 2017 bei Piper angekündigt.

Das Zitat stammt von S. 236.

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6 Gedanken zu “Margaret Atwood: Lady Oracle

    • Marion 24. Januar 2017 / 19:59

      Ich auch, extrem gerne. Gerade bin ich auf den letzten Seiten von Alias Grace und mag es sehr. Ich mag auch ihren Humor und finde, dass sie an vielen Stellen wirklich richtig witzig ist.

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  1. literaturreich 25. Januar 2017 / 16:49

    Alias Grace hat mir auch sehr gut gefallen, mal sehen, ob ich hier mal reinschaue. Klingt interessant. Zunächst freue ich mich aber auf Atwoods „Hexensaat“. Viele Grüße!

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    • Marion 25. Januar 2017 / 17:10

      Das muss ich natürlich auch noch lesen. Lady Oracle ist schon ganz anders als Alias Grace, was ja auch einfach am Stoff liegt. Dieses hier liest sich leichter weg und ist viel weniger düster.

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  2. buechergoere 13. Februar 2017 / 22:22

    Also, ich glaube ich habe gerade richtig Lust bekommen, Margaret Atwood zu lesen und mir scheint, das von Dir hier vorgestellte Buch ist ein guter Einstieg – oder?

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    • Marion 13. Februar 2017 / 23:46

      Das ist es, liebe Büchergöre! Es ist eines der leichteren von Atwood – sie hat ja sonst auch viel dystopisches geschrieben, da ist das hier schon deutlich leichtfüßiger.

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