Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Erzählt wird Meine geniale Freundin von Elena, genannt Lenù, die mittlerweile erwachsen ist und deren lebenslange Freundin Lila plötzlich verschwunden ist. Sie glaubt, dass sie durch das Aufschreiben der gemeinsamen Geschichte eine Spur finden kann, die sie zu Lila führt.

ferrante_meinegenialefreundin„So war unsere Welt, voller Wörter, die töteten: Krupp, Tetanus, Flecktyphus, Gas, Krieg, Drehbank, Trümmer, Arbeit, Luftangriff, Bombe, Tuberkulose, Vereiterung.“

Lenù und Lila wachsen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einem ärmlichen Viertel Neapels auf. Ihre Kindheit ist geprägt von Gewalt und derbem Umgang untereinander, Verletzungen und Todesfälle sind nicht erschreckend sondern Normalität. Das Leben der Kinder spielt sich ausschließlich innerhalb des Viertels, des Riones ab. Keine der beiden war jemals am Meer oder hat die anderen Gegenden Neapels gesehen. Erst als Jugendliche erleben sie die reicheren Ecken der Stadt und haben dann oft Ärger wegen der ungehobelten Umgangsformen ihrer Freunde.

Lenù ist ein braves und ernsthaftes Mädchen und zunächst fürchtet sie Lila, die viel aggressiver und offener ist als sie und auch nicht davor zurückschreckt, Ärger mit der verehrten Lehrerin Maestra Oliviero anzufangen. Doch als die beiden Mädchen sich erst einmal angenähert haben, entwickeln sie eine innige Freundschaft, die durch nichts zerstört werden kann und bis ins Erwachsenenhalter andauert.

Obwohl Lila fast klüger ist als Lenù, gelingt es nur letzterer, sich auf der weiterführenden Schule zu bewähren. Maestra Oliveiro kann ihre Eltern überzeugen, dass das Geld für die Bildung ihrer Tochter gut angelegt ist. So kann Lenù schließlich sogar das Gymnasium besuchen, eine Schule, die außerhalb des Rione liegt und von der sie noch nie gehört hat. Lila bleibt im Rione, bricht die Schule ab und beginnt, in der Schusterwerkstatt ihres Vaters zu arbeiten. Die Lebensrealitäten der beiden Mädchen driften immer mehr auseinander, Lila bleibt Teil dessen, was Maestra Oliveiro verächtlich als „den Pöbel“ bezeichnet, während Lenù ihre „geniale Freundin“ wird.

Meine geniale Freundin ist auf italienisch schon 2011 erschienen und wurde schon vor einiger Zeit auf englisch übersetzt, womit ein „Ferrante Fever“ ausgelöst wurde. Dieser Roman sowie die drei folgenden, in denen die Geschichte weitergeführt wird, wurden Bestseller im englischsprachigen Raum. Sowohl das Feuilleton als auch etliche bekannte AutorInnen wie Jami Attenberg oder Jonathan Franzen äußerten sich begeistert. Leider fällt es mir schwer, diese überbordende Begeisterung nachzuvollziehen. Der Roman ist eine solide Freundschaftsgeschichte, aber er ist so, so langsam. Sogar mir zu langsam. Die Kindheitstage der beiden Mädchen sind, bis auf einige Zwischenfälle, erwartbar unspektakulär. Sie verlieren ihre Puppen, haben Ärger mit den Jungs, gehen in die Schule, schwänzen auch ein mal die Schule, verlieben sich, verlieben sich nicht, kriegen Liebeserklärungen, haben Ärger mit Elten und Geschwistern. Lila ist erst sehr unscheinbar, wird dann aber wunderschön, Lenù kriegt als erste ihre Tage. Was halt so passiert, irgendwo zwischen sieben und sechzehn. Das einzig außergewöhnliche und mitunter erschreckende ist das Ausmaß der Gewalt, die im Viertel herrscht und zum Alltag gehört. Allerdings ist diese Gewalt so sehr Teil der Normalität, dass es nicht mal besonders schrecklich ist, dass Lilas Vater ihr im Streit den Arm bricht.

Für so viel Alltag sind 422 Seiten eine ganze Menge Platz, auch wenn der Stil überzeugend ist und die Geschichte durchaus einen nostalgischen Charme hat. Es fällt mir schwer, so richtig was zu dem Buch zu sagen, weil ich gar nicht so genau weiß, was ich davon halten soll. Ich habe mich nicht gelangweilt, ich fand die Lektüre aber auch nicht sehr unterhaltsam und ich nehme irgendwie so gar nichts mit. Vor allem fand ich die Beschreibung der Umgebung ziemlich flach, das viel beschworene Flair des Rione hat sich mir nicht erschlossen und auch das Ensemble der zahlreichen Nebenfiguren blieb ziemlich platt und zum Teil stereotyp. Ferrante hat es nicht geschafft, mich so für ihre Charaktere zu begeistern, dass ich auch an den weiteren drei Bänden interessiert wäre, ich habe bei diesem ersten zum Teil ja schon gekämpft. Erst ganz am Ende, in der letzten Szene des Romans, zeichnet sich eine Entwicklung Lenùs ab, die auf mehr hoffen lässt. Fairerweise muss ich zugeben, dass ich nach all dem Hype und all dem Lob ziemlich hohe Erwartungen an den Roman hatte und die konnte er eben nicht erfüllen. Als nettes Buch nebenbei ist Meine geniale Freundin durchaus gut zu lesen, aber es ist eben nicht die Offenbarung, zu der es erklärt wird.


Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp 2016. 422 Seiten, € 22,-. Originalausgabe: L’amica geniale. Edizioni e/o 2011.

Das Zitat stammt von S. 32/33.

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10 Gedanken zu “Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

  1. letteratura 17. Januar 2017 / 12:44

    Ich lese gerade den zweiten Teil, und mir gefällt es nach wie vor. Es stimmt schon, alles wird hintereinander weg erzählt, dramatische Höhepunkte gibt es nicht oder kaum, aber für mich funktioniert es trotzdem, ich finde, dass man sehr hineingezogen wird in die Geschichte und auch in das ganze Umfeld. Aber es gibt ja durchaus noch mehr kritische Stimmen, und ich frage mich auch, ob der ganze Hype, der um die Serie gemacht wird, ihr nur gut tut oder nicht doch auch falsche oder zu hohe Erwartungen geweckt hat…

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    • Marion 17. Januar 2017 / 19:12

      Ich glaube, dass da wirklich zum Teil falsch Erwartungen geweckt wurden, zumindest bei mir. Andererseits habe ich nun auch wirklich schon einige begeisterte Meinungen gehört und offenbar fanden es viele Leute gut genug, um auch den zweiten Teil zu kaufen. Im Moment stehen sie immerhin nebeneinander auf der Bestsellerliste.
      Und wie gesagt – gut unterhalten war ich ja, das ist absolut kein schlechtes Buch. Nur war es eben nicht DAS literarische Ereignis des Jahres.

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  2. dj7o9 17. Januar 2017 / 16:19

    Habe das Buch kürzlich in einer „zu Verschenken“ Box gefunden und werde es daher sicher irgendwann mal ausprobieren. Aber ähnlich wie bei Knausgard bei dem ich vorher skeptisch war, ob es mir gefallen wird und bei dem es sich dann auch bestätigt hat, dass es nix für mich ist, habe ich das Gefühl auch Frau Ferrante könnte nicht mein cup-of-tea sein.

    Versuche ganz offen dranzugehen, wenn ich es dann irgendwann mal angehe und dann melde ich mich hier noch mal und gebe Rückmeldung 🙂 Liebe Grüße …

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  3. literaturreich 17. Januar 2017 / 17:50

    Deine Rezension trifft meine Meinung exakt. Ich war von ersten Teil auch ziemlich enttäuscht, nicht schlecht, aber wo sollten die ganzen Superlative stecken. Der zweite Teil, den ich wirklich erst nach einigem Zögern und weil er ein Rezensionsexemplar war, gelesen habe, hat mich dann aber doch unerwartet stark gepackt. Langsam bleibt es zwar, da kann ich keine Entwarnung geben, das gefällt mir persönlich auch gut, aber es wird viel interessanter. Ich bin sehr froh, dem zweiten Band eine Chance gegeben zu haben und freue mich jetzt sehr auf die beiden nächsten Bände.

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  4. Andrea 20. Januar 2017 / 16:25

    Hi, ich bin gleich gucken gekommen da Du mich vorhin besucht hast.

    Und was sehe ich? Eine Rezension zu dem Buch/der Reihe dass ich mir für dieses Jahr unbedingt vorgenommen habe, weil es allen so gefallen hat!
    Die Crux ist, jetzt wo ich noch eine etwas verhaltene Meinung gelesen habe, interessiert es mich natürlich noch mehr. 😀
    Selbst wenn es doch „nur eine solide Freundschaftsgeschichte“ ist, ich glaube so eine kann die Welt gut gebrauchen. Es ist sonst immer so viel Liebe, Liebe, Liebe…

    Mir gefällt, dass Du in Deine Rezension noch den Hintergrund des Buches recherchiert und dazu einiges geschrieben hast!

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  5. Christina 23. Januar 2017 / 19:37

    Ich glaube, mir würde es wie dir ergehen: Zu hohe Erwartungen wegen des ganzen Hypes und weil man überall dieses Buch sieht, seit Monaten. Ich habe es als E-Book und noch keinen Blick reingeworfen. Vielleicht ein Fehler. Aber im Moment reizt der Roman mich nicht.

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