Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

Unklar ist auch, warum der Erzähler die Befehle des Lotsen überhaupt ausführt. Denn eigentlich sollte es umgekehrt sein – Phineas ist der Prinz eines alten und längst ausgelöschten Volks und der Lotse sein Untergebener. Oder sein Feind, diese Frage steht auch immer wieder im Raum. Der Erzähler ist der letzte Überlebende seiner Familie, aufgewachsen als ganz normales Kind bei einer unscheinbaren Pflegefamilie in Deutschland. Die zeitlichen Ebenen sind in diesem Roman ebenso wenig relevant wie die räumlichen. Der Erzähler wurde vor dem 13. Jahrhundert geboren, jetzt lebt er im 21. Jahrhundert, er kann in New York in die U-Bahn steigen und dann in Kiel aus dem Bus. Einst war er Prinz, jetzt unterrichtet er Philosophie an einem Gymnasium in Norddeutschland.

Der Einstieg in den Roman ist wirklich sehr drastisch und eigentlich auch ziemlich abschreckend. Es wird danach viel harmloser, aber gelegentliche Gewalt-Exzesse bleiben den ganzen Roman über nichts aus. Immer wieder führt das zu einer Schuldfrage zurück. Denn wir, so der Erzähler, sich auf Heidegger berufend, lassen im Leben „eine sich zu einer regelrechten Schleppe verzweigende Spur an Nichtgetanem zurück – und das ist unsere Schuld“ (182) Die menschliche Zivilisation ist in seiner Erfahrung nur durch eine hauchdünne Schicht von der Barbarei, von unvorstellbaren Grausamkeiten, vom Bruch jedes denkbaren Tabus getrennt.

Zur Illustration zieht der Erzähler immer wieder das Gemälde „Das Floß der Medusa“ des französischen Malers Théodore Géricault heran. Hintergrund ist die Geschichte der französischen Fregatte Méduse, ein so schicksalhaft aufgeladener Name, dass der Roman schlecht wäre, hätte Ecker sich ihn ausgedacht. Hat er aber nicht.

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Das Floß der Medusa – Le Radeau de la Méduse. Öl auf Leinwand, Théodore Géricault 1819. Louvre.

Die Méduse lief 1816 vor der westafrikanischen Küste auf Grund und war nicht zu befreien. Das Schiff wurde evakuiert, allerdings standen bei weitem nicht genug Boote zur Verfügung, weshalb 147 Menschen auf ein eilig zusammengezimmertes Floß verfrachtet wurden. Die Boote sollten dieses an Land ziehen. Das Floß allerdings behinderte die Boote in ihrer Fahrt so sehr, dass die Leinen gekappt wurden und das Floß mitsamt seinen Passagieren seinem Schicksal überlassen wurde. 13 Tage später wurden die Überlebenden 15 Männer von der Argus (was hab ich gerade über Namen gesagt?) aufgenommen. Der Vorfall löste einen Skandal aus, als besonders grausam und schockierend wurde dabei der Kannibalismus bewertet, der schon nach sehr kurzer Zeit aufgetreten war. Der Erzähler scheint darüber nicht sehr verwundert oder gar schockiert zu sein.

Kannibalismus als eines der ganz großen Tabus menschlichen Zusammenlebens wird immer wieder thematisiert. Daneben auch diverse andere menschliche Abgründe wie die Taten des Serienmörders Joel Rifkin, der eines seiner Opfer ebenfalls im damaligen Valencia Hotel fand und über den der Erzähler beängstigend viel weiß.

Der Bahnhof von Plön ist eine fast nicht in Worte fassbare Mischung aus Phantastik, Splatter, Thriller und Detektivroman, eine rührende Freundschaftsgeschichte kommt auch vor und auch ein bisschen Entwicklungsroman. Die Genregrenzen sind gänzlich egal und ständig werden vorm Auge des Lesers Erzählstrukturen zu Klump gehauen und neu zusammengesetzt. Klingt anstrengend, ist ein einziger großer Spaß. Es ist eine einzige Freude zu sehen, was dieser Autor mit Literatur anstellt. Und wie er eine unzählbare Menge unterschiedlichster Diskurse mit dem eigentlichen Plot verwebt, der ja selbst auch schon genug zu bieten hat.

Wie auch in Eckers anderen Romanen muss man sich seine Hinweise mühsam zusammensuchen, während der Erzähler unzusammenhängendes berichtet und Erinnerungslücken vorgibt. Und natürlich gibt es am Ende einen Plot Twist, den ich nicht erwartet hätte und bei dem ich mich frage, wie um alles in der Welt ich das die ganze Zeit übersehen konnte. Und ob man es überhaupt hätte sehen können. Wie auch Fahlmann werde ich diesen Roman irgendwann ein zweites Mal lesen müssen, er hat das Zeug dazu. Während ich bei Fahlmann über Nächte träumte, ich sei ein Käfer in einem Hotel ohne Ausgang, aus dessen Wände Gesichter kamen, wachte ich beim Lesen dieses Romans zwei mal auf in der völligen Überzeugung, im Bett neben mir läge eine verweste Leiche, die irgendwie beleidigt war wegen meiner unbestimmten Tatbeteiligung oder zumindest wegen einer fehlenden expliziten Nicht-Beteiligung. Das waren zwei echt beschissene Nächte, allerdings ist es eine hoch anzurechnende Leistung, dass ein Buch mich soweit bringt, das passiert eigentlich nie.

Ich möchte mal sagen, dass Christopher Ecker in meinen Top 3 der besten deutschen Gegenwartsautoren ist. Witzel gehört natürlich auch dazu und den dritten Platz vergebe ich nicht, weil ich nicht weiß, an wen. Ecker ist auch der einzige Autor, ich schätze sogar weltweit, für den ich hundert Seiten lang über Leichenberge steige.

Übrigens habe ich keine Ahnung, was die Zeichnung auf dem Cover ist. Ich dachte lange, es sein ein Frosch aus Kartoffeln, was keinen Sinn ergeben mich aber auch nicht gewundert hätte. Nach der Lektüre scheint mir ein Steingrab wahrscheinlicher zu sein. (Update: Der Mitteldeutsche Verlag hat mir geholfen: Es ist ein Dolmen. Dolmen sind „Steintische“, die oft als Grabmäler dienten. Danke! Ich finde allerdings nach wie vor, dass einige Dolmen aussehen wie Krötendenkmäler.)


Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön. Mitteldeutscher Verlag 2016. 399 Seiten, € 22,95.

Das Zitat stammt von S. 138.

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5 Gedanken zu “Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

  1. Drittgedanke 31. Januar 2017 / 23:25

    So zwischen Wacken und Heide gibt es diesen Landschaftspark, „Archäologisch-Ökologisches Zentrum Albersdorf“. Dort kann man sich ’ne Menge Dolmen und Hünengräber anschauen. Ich meine, die Kartoffelkröte ist eine von denen…
    Da ich erstens den Ecker ganz interessant finde und zweitens aus Versehen mal in Plön gewohnt habe, kam ich absolut nicht umhin, den „Bahnhof von Plön“ zu kaufen. Ich hatte mich fürchterlich aufs Lesen gefreut – bin dann aber unterm Leichenberg eingeknickt. Was ich Ecker allerdings lassen muss: Der traut sich was!
    (Hast Du mal Henning Ahrens gelesen? Den finde ich ähnlich speziell!)

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    • Marion 1. Februar 2017 / 8:21

      Ah! Sogar mit Standortbestimmung, vielen Dank!
      Der Mitteldeutsche Verlag hatte mir gestern auch verraten, dass es ein Dolmen ist, dann allerdings haben sie erst noch ein kleines Gewinnspiel veranstaltet mit der Frage, weshalb ich noch nichts verraten habe.
      Ich war vor einigen Jahren mal mit einer Freundin in Dänemark. Sie hat Vor- und Frühgeschichte studiert und da gab es das Grab des superwichtigen Häuptling sowieso. Ganz in der Nähe vom Parkplatz, nur hundert Meter in die Richtung und dann gleich nach rechts,,, nach drei Stunden Herumgestapfe im Wald stellte sich heraus, dass wir auf dem falschen Parkplatz waren.
      Dass du an den Leichenbergen gescheitert bist, kann ich gut verstehen, ich hätte es auch fast nicht geschafft. Das war schon SEHR eklig. Von Henning Ahrens kenne ich gar nichts, aber der klingt spannend. Danke für den Tip!

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  2. thomas 5. April 2017 / 18:08

    hallo!
    Ich habe dies Rezension von dir vor ein paar Wochen gelesen und mir deswegen den Roman besorgt und gerade eben fertig gelesen. Wow! Was für ein Buch! Wahnsinn!
    Wie du oben schreibst gibts wenige Autoren (und vielleicht keinen deutschsprachigen) der solch ein gewaltiges „Ding“ veröffentlichen.
    Vielleicht sollte ich erst noch eine Nacht drüber schlafen aber so als direkte Reaktion bin ich erst mal ziemlich perplex. Was war das? Fantasy? SciFi? eine Killer-Autobiografie? Fiebertraum?
    Jedenfalls ein ordentliches Stück postmoderne Literatur höchster Güte. Die Kombination aus Spannung, Philosophie, Humor, Action, und was weiß ich noch alles… und das noch dazu in so einer schönen und geschliffenen Sprache.

    Auf jeden Fall muss ich erstens noch über den Roman nachdenken und mir klar werden was ich nicht vielleicht alles übersehen habe, zweitens alle anderen Romane von Ecker lesen (sind schon bestellt) und drittens würd ich glaub ich gerne über den Roman weiter reden (welchen Plot Twist meinst du, wie verstehst du das Ende,…?)

    Danke für die Empfehlung (also für diesen Blogeintrag hier) und vielleicht können wir ja noch ein paar Dinge besprechen?

    Gefällt 1 Person

    • Marion 5. April 2017 / 18:56

      Lieber Thomas,

      das freut mich aber, dass du dank meiner Empfehlung dieses Buch entdeckt hast und einer meiner Lieblingsautoren einen neuen und verdienten Fan hat.
      Dass man nach der Lektüre Gesprächsbedarf hat, kann ich gut verstehen 🙂
      Meiner Erfahrung nach bleiben auch danach noch etliche Punkte offen. Aber wenn du magst, schreib mir gerne unter schiefgelesen@gmx.net, dann spoilern wir mit unserer Diskussion nicht den Rest der potenziellen Leserschaft.

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