Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

Shylock Is My Name ist der zweite Teil der Hogarth Shakespeare-Reihe und zugleich ein Zitat Shylocks aus dem Stück „The Merchant of Venice“, auf deutsch „Der Kaufmann von Venedig“. Das Stück wird oft für seinen ziemlich unverhohlenen Antisemitismus kritisiert und sehr unterschiedlich interpretiert. Einige Interpreten unterstreichen, dass auch der Jude im Stück ein gleichberechtigter Mensch sei, andere sind der Ansicht, Shylock habe einfach die Rolle des Bösewichts, des „Vice“, seine Boshaftigkeit habe also gar nichts mit dem Judentum zu tun. Wieder andere finden, Shylock sei nicht grausamer Täter sondern vielmehr das Opfer in der ganzen Angelegenheit. Aber worum geht es denn eigentlich? Grob zusammengefasst ist das hier die Story:

The Merchant of Venice

„I am a Jew. Hath not a Jew eyes? Hath not a Jew hands, organs, dimensions, senses, affections, passions; fed with the same food, hurt with the same weapons, subject to the same diseases, healed by the same means, warmed and cooled by the same winter and summer as a Christian is?“

Antonio, Kaufmann in Venedig, wird von seinem besten Freund Bassanio um Geld gebeten. Er will um die Hand der schönen Portia anhalten, doch fehlen ihm die finanziellen Mittel. Antonio hat gerade sein komplettes Geld in Schiffe und deren Fracht investiert, verspricht aber, seinen guten Ruf zu nutzen um Kredit bei einem Geldverleiher zu bekommen.

Von ihren bisherigen Verehrern ist Portia derweil ähnlich angetan wie die Prinzessin bei König Drosselbart. Der eine redet zu viel über sein Pferd, der nächste lacht zu wenig, der dritte ist lächerlich angezogen. Nur an einen Mann erinnert sie sich mit Wohlwollen – Bassanio.

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Shylock, Bassanio und Antonio in Verhandlung

Der hat mittlerweile dank Antonios Bürgschaft dreitausend Dukaten vom jüdischen Geldverleiher Shylock bekommen. Shylock ist ziemlich sauer auf Antonio, erstens weil er Christ ist und zweitens weil er ihn wegen seiner Religion oft beleidigt und lächerlich gemacht hat. Er schlägt ihm einen ungewöhnlichen Deal vor – statt der üblichen Zinsen verlangt er ein Pfund Fleisch, herausgeschnitten aus Antonios Körper, wenn er die Summe nicht in drei Monaten zurückzahlen kann. Antonio findet das eine witzige Idee und willigt ein, in wenigen Wochen werden seine Schiffe und sein Geld wieder da sein und dann muss er keine Zinsen zahlen.

Shylock steht unterdessen Ungemach ins Haus. Seine Tochter Jessica ist in den Christen Lorenzo verliebt und stiehlt sich, als sie eines Abends allein zu Hause ist, als Junge verkleidet und mit einem guten Teil seines Vermögens aus dem Haus um mit Lorenzo durchzubrennen. Aber auch für Antonio läuft es nicht gut. Gerüchte erreichen Venedig, dass einige seiner Schiffe gesunken seien.

Nur bei Bassanio ist alles, wie es sein soll. Er ist mittlerweile nach Belmont zu Portia gereist, hat um sie geworben und wurde erhört. Am nächsten Tag soll Hochzeit sein und auch Bassanios Begleiter Gratiano ist glücklich verliebt, er will Zofe Nerissa heiraten. Alles könnte so schön sein, wir sind aber in Akt III, in dem ja klassischerweise nochmal richtig was passieren muss. Und da kommt auch schon Nachricht von Antonio. Alle seine Schiffe sind gesunken und verschollen, er ist völlig pleite und der Jude will sein Fleisch. Mit 6.000 Dukaten schickt Portia Bassanio nach Venedig um die Schuld zu tilgen. Shylock zeigt sich ungerührt, er will Antonios Fleisch, so war es abgemacht.

Unterdessen reisen Portia und Nerissa, verkleidet als Männer, ebenfalls nach Venedig. Dort angekommen betritt Portia als der Rechtsgelehrte Balthazar die gerade laufende Verhandlung Shylock vs. Antonio. Portia/Balthazar macht auf einen entscheidenden Fehler im Vertrag aufmerksam: dort ist nur die Rede von Fleisch, nicht von (immerhin christlichem) Blut. Shylock kann das Fleisch also nur haben, wenn dabei kein Blut vergossen wird. Das kann natürlich nicht funktionieren. Da Shylock aber vor dem Gericht auch schon die Tilgung der Schulden durch einfache Zahlung ausgeschlagen hat, kriegt er jetzt gar nichts und muss außerdem Antonio, da er sein Leben bedroht hat, die Hälfte seines Besitzes geben. Allerdings nicht, so der großherzige Antonio, wenn Shylock Christ wird und verspricht, sein ganzes Geld seiner Tochter Jessica und deren Mann zu vermachen.

Und so sind alle glücklich – außer dem Juden Shylock, der, wie ich finde, einen ziemlichen Arschtritt von der Mehrheitsgesellschaft bekommen hat. Aber Jacobson eilt zu seiner Rettung.

Shylock Is My Name

„The individual Jew brings the collective Jew with him into any room. It’s the collective Jew that Christians see.“

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Für seinen Roman lässt Jacobson Shylock an einem ungemütlichen Wintertag in Nordengland wiederauferstehen. Der wohlhabende Kunsthändler Strulovitch trifft ihn auf dem jüdischen Friedhof, als er das Grab seiner kürzlich verstorbenen Mutter besucht. Jedes mal wenn er dort ist, sieht er Shylock, der am Grab seiner sehr früh verstorbenen Frau Leah sitzt, mit ihr spricht, ihr vorliest und den Verlust von Tochter Jessica lamentiert. Strulovitch, der selbst um seine Frau Kay trauert, die seit einem Schlaganfall sprach- und bewegungslos im Bett liegt, ist fasziniert von ihm und nimmt ihn mit nach Hause.

Zu Hause ist die Hölle los. Seine Tochter Beatrice, gerade 16, hat Beziehungen zu nicht-jüdischen Männern! Strulovitch selbst war in erster (kurzer) Ehe mit einer Nicht-Jüdin verheiratet, wofür sein Vater ihn verstoßen hat. Nun wiederholt sich das Drama mit Beatrice, die er an den Haaren aus einem Club zerrt, und das alles nur weil er sie liebt. So zumindest sieht er das. Der leiderprobte Shylock warnt ihn: er hätte im Nachhinein lieber eine Tochter gehabt, die einen Christen heiratet, als gar keine Tochter mehr. Überhaupt wird dieser Geist aus dem Theaterstück Strulovitchs Gewissen und Berater. Denn Strulovitch ist drauf und dran, die gleichen Fehler zu machen wie Shylock vor hunderten von Jahren. Von Beatrices neuem Freund Gratan verlangt er – quasi – ein Pfund seines Fleischs. Um zu beweisen, dass er dem Judentum zugewandt ist, soll er sich beschneiden lassen*. Beatrice hält ihren Vater ob dieser Forderung für völlig übergeschnappt und haut mitsamt neuem unjüdischen Freund nach Venedig (oy gevalto, we’re on the Rialto!) ab.

Nun sitzt Strulovitch da und muss weitere Verhandlungen mit Beatrices Freunden Plurabelle (reiche Erbin) und d’Anton (ihr bester Freund) führen. Plurabelle hat von ihrem Vater ein gigantisches Anwesen, genug Geld für ästhetische Chirurgie und den Namen Anna Livia Plurabelle Cleopatra A Thing Of Beauty Is A Joy Forever Wiser Than Solomon Christine geerbt. Möglicherweise ist der Name ein nicht sehr guter Witz über die Princess Tiaamii Crystal Esther und Heavenly Hiraani Tiger Lily heißenden Kinder der neureichen britischen High-Society. Generell versucht Jacobson in diesem Roman zu oft zu witzig zu sein. Wahrscheinlich ist er sogar witzig und trifft halt meinen Humor nicht, was will man machen. Plurabelle und einige andere Charaktere in Shylock Is My Name sind offen antisemitisch. Meistens äußern sie ihre Vorbehalte aber als nett gemeinten Witz und überspitzen alte Stereotype wie große Nasen und skrupellose Geldgier. Shylock will keine Witze mehr hören, überhaupt keine. Es gibt keine netten Witze, so seine Erfahrung über die Jahrhunderte.

Strulovitch und Shylock erörtern derweil in privaten Debatten ihre Meinung zum Verhältnis von Juden und Christen und Shylocks Rolle in der beinahe blutigen Kaufmann-Geschichte. Dabei gerät das Gespräch ziemlich oft auf Fragen, die im Stück aufgeworfen werden und Jahrhunderte später noch nicht beantwortet werden können. Durch die Jahre weiser geworden, hat Shylock nun aber zumindest Ansätze. Er sieht, dass Strulovitch auf dem besten Weg ist, in das gleiche Unglück zu rennen wie er auch und versucht, ihn daran zu hindern. Die Gespräche über das Shakespeare-Stück und die Rolle, die Shylock darin spielt, sind durchaus interessant. Shylock selbst reflektiert als Dramenfigur über das, was er getan hat oder besser getan hätte. Jacobson hat über Shakespeare gelehrt, gelesen und geforscht, das schlägt sich auch in diesem Roman nieder.

Als Ergänzung zum Stück und zur weiteren Erläuterung ist dieser Roman toll. Als eigenständiges Werk allerdings konnte er mich gar nicht überzeugen. An zu vielen Stellen fand ich den Humor zu bemüht und das Gespräch zu breitgetreten und die ganze Geschichte in sich nicht sehr schlüssig, etliche Charaktere zudem hoffnungslos platt oder grotesk überzeichnet. Unbedingt sollte man, bevor man den Roman liest, das Stück gelesen haben, sonst entgehen einem eine Menge Anspielungen und Zitate und zudem verliert man auch noch den erhellenden Sekundärliteratur-Faktor.

* Das ist kein Pfund, ich weiß. Viele Forschende sind aber heute der Meinung, dass das Pfund Fleisch Shylocks verklausulierte Forderung nach Antonios Vorhaut gewesen sei. Außerdem habe ich mal gelesen, dass eine ausgebreitete Vorhaut so groß ist wie eine Postkarte, was ich schon enorm finde.


William Shakespeare: „The Merchant of Venice“. Erste bekannte Aufführung 1605, erster Druck 1600. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 195-218. Deutsche Übersetzung: „Der Kaufmann von Venedig“. Lieferbar u.a. bei Reclam.

Howard Jacobson: Shylock is My Name. Penguin UK 2016. 277 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe Hogarth 2016. Deutsche Übersetzung unter dem Titel Shylock.  KNAUS 2016. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. 288 Seiten, € 19,99.

Illustration aus Mary & Charles Lamb: Tales from Shakespeare. 1901.

Die Zitate stammen aus Akt III, Szene 1 bzw. S. 67

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3 Gedanken zu “Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

  1. literaturreich 6. Dezember 2016 / 16:42

    Ich freue mich schon auf mein Weihnachtsferien-Projekt: alle vier bisher erschienenen Hogarth Shakespeare Adaptionen zu lesen. „Shylock “ kommt ja bei dir nicht ganz so gut weg. Da ich aber zum Kaufmann, seitdem ich ihn letztes Jahr im Globe Theater sehen durfte ( da war Shylock auch eine nicht negativ besetzte Figur), eine ganz gute Beziehung pflege, bin ich nicht entmutigt. Schöne Besprechung jedenfalls!

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    • Marion 6. Dezember 2016 / 18:47

      Das ist aber ein schönes Projekt! Ich bin gespannt, was du sagst. Am meisten freue ich mich ja auf Atwood. Aber das wird wohl noch etwas dauern, bis ich dazu komme…

      Gefällt 1 Person

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