Sarah Waters: Fingersmith

Susan Trinder wächst in den 1860ern in London auf. Sie lebt südlich der Themse, in der Lant Street, einer der düstersten und fiesesten Ecken der Stadt. Ihre Mutter ist als Mörderin gehängt worden, von ihrer Ziehmutter lernt sie vor allem Stehlen und Betteln.

SarahWaters_FingersmithEines Tages taucht Mr Rivers in der dunklen Behausung auf und macht Susan ein verlockendes Angebot. Er hat ein Auge auf Maud Lilly geworfen, eine junge Dame aus gutem Haus, die eine Menge Geld erbt, wenn sie heiratet. Susan soll nun Zofe und Vertraute von Maud werden, letztere von einer Heirat mit Mr Rivers überzeugen und anschließend helfen, sie schnellstmöglich ins Irrenhaus zu bringen. Für sie selbst springt dabei ein ganz ordentlicher Anteil am Erbe raus, ordentlicher auf jeden Fall als alles, was sie sich in ihrem Leben erträumt hätte.

Ohne große Gewissensbisse macht Susan sich also auf nach Buckinghamshire, wo die naive und ahnungslose Maud Lilly zusammen mit ihrem wunderlichen Onkel im trostlosen, abgelegenen Haus Briar lebt, das seinen ehemaligen Glanz schon lange verloren hat. Das schüchterne Mädchen in Mr Rivers Arme zu treiben, verspricht ein leichtes Unterfangen zu werden.

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Ann Patchett: The Magician’s Assistant

 Sabine ist die Assistentin und Ehefrau des berühmten Magiers Parsifal. Und sie liebt ihn von ganzem Herzen. Obwohl Parsifal nur Männer liebt, bleibt sie ihm über lange Jahre treu ergeben, lebt mit ihm und seinem Lebensgefährten Phan in einer luxuriösen Villa in Los Angeles. Als Phan stirbt und Parsifal kurz darauf schwer erkrankt, heiratet er Sabine endlich, vor allem, um ihr die Erbschaftssteuer zu ersparen. Nach seinem dann doch unerwartet schnellen Tod hat Parsifals Anwalt eine überraschende Neuigkeit für Sabine. Im Testament des Magiers wird nicht nur sie selbst großzügig bedacht, sondern auch eine Familie Fetters aus Alliance, Nebraska – Parsifals Familie. Die ist nämlich nicht, wie Parsifal immer erzählte, bei einem tragischen Unfall komplett ausgelöscht worden. Seine Mutter Dot und die beiden Schwestern Bertie und Kitty erfreuen sich bester Gesundheit und kündigen nun ihren Besuch in LA an.

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Der Start ist holprig. Sabine hält wenig von den Hinterwäldlern aus dem Fly-over State mitten im nirgendwo, die darauf bestehen, dass Parsifal Guy Fetters heißt. Als Dot dann noch erzählt, dass der Sohn gebrochenen Herzens den Kontakt abgebrochen habe, weil sie seine Homosexualität nicht akzeptieren konnte, scheint es endgültig vorbei zu sein mit den gerade geknüpften Familienbanden. Doch über ein paar Drinks in der Hotelbar kommt man sich dann doch näher und auf einmal scheint ein Besuch Sabines in Nebraska kein abwegiger Gedanke mehr zu sein.

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Eleanor Catton: The Rehearsal

EleanorCatton_TheRehearsal„Masks or faces? That’s what I keep asking myself. Masks or faces?“

Eleanor Catton dürfte vielen aufgrund ihres Romans Die Gestirne bekannt sein, für den sie 2013 den Man Booker Prize bekam und der im Winter 2015 auch in deutscher Übersetzung recht erfolgreich war. Diesem Erfolg ist es wohl auch zu verdanken, dass nun auch ihr Erstling The Rehearsal im Taschenbuch unter dem Titel Die Anatomie des Erwachens erschienen ist.

Der Roman hat im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Einer davon ist einer Gruppe von Mädchen gewidmet, die alle die gleiche Highschool besuchen und (zumindest größtenteils) Saxophon-Unterricht bei der gleichen Lehrerin haben. Eine von ihnen, Victoria, hat eine kürzlich aufgedeckte Affäre mit Mr Saladin, dem Leiter der Schulband. Da sie vorübergehend suspendiert ist, bekommt ihre kleine Schwester Isolde alle Aufmerksamkeit ab, die negative wie die positive. Der zweite Handlungsstrang konzentriert sich auf Stanley, einen Jungen, der gerade die Schule beendet hat und nun das Glück hatte, einen der begehrten Plätze an der örtlichen Schauspielschule zu bekommen. Die Handlung deckt in etwa ein Jahr ab, in dem an der Schule die ersten Übungen durchgeführt werden, sich die ersten persönlichen Verstrickungen entwicklen und schließlich für die große Abschlussaufführung geprobt wird.

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Hans Pleschinski: Königsallee

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„Geschickt, wie er über Jahrzehnte Erfundenes um lebensschwache Luxusgestalten verscherbelt hatte, über die fast nie zu lesen war, wovon sie ihr Dasein bestritten, welcher Krankenkasse sie angehörten, Buchfiguren, die nie einen Autoreifen wechselten.“

1954 steigt Thomas Mann während einer Lesereise nebst Frau Katia und Tochter Erika im Düsseldorfer Hotel Breidenbacher Hof ab. Was er nicht weiß: im gleichen Haus befindet sich der eben erst aus Asien heimgekehrte Klaus Heuser, eine längst vergangene, aber unvergessene Liebe des Schriftstellers.

Erika Mann bemerkt den vertrauten Namen beim Eintrag ins Gästeregister – keinesfalls dürfen Klaus und ihr Vater aufeinander treffen, das würde der gealterte Nobelpreisträger, immerhin schon 79, nicht verkraften! Kurzentschlossen sucht sie Klaus und dessen jetzigen Partner Anwar in ihrem bescheidenen Zimmer in der obersten Etage des Hauses auf.

Und damit beginnt die erste „große Begegnung“. Erika setzt Klaus nicht nur darüber in Kenntnis, dass sie ihn nicht auf der Lesung ihres Vaters sehen möchte, sie legt auch einen kurzen Abriss über die letzten Jahre vor sowie eine grobe Skizze ihrer politischen und künstlerischen Ansichten. Nicht, dass das uninteressant wäre. Es ist nur als aus der Luft gegriffener Vortrag sehr hölzern. Kaum ist sie weg, folgt ihr Ernst Bertram, einst enger Freund Thomas Manns, dann wegen seiner Sympathie zu den Nazis in Ungnade gefallen. Er fleht, Klaus möge ihn wieder mit dem alten Freund versöhnen. Auch das in starrem Monolog.

Und nicht einmal beim Abendessen weitab des Hotels ist Klaus und Anwar Ruhe vergönnt. Erst monologisiert erzürnt ein alter Schulfreund über Homosexualität und Drückebergertum, dann bittet vom Nebentisch Golo Mann ausufernd, dem entfremdeten Vater sein neustes Buch nahe zu legen.

Zwischendrin gibt es Lichtblicke. Szenen, in denen Figuren sich tatsächlich unterhalten und keine Vorträge gehalten werden. Berichte über die letzten Jahre, die nicht als Monolog sondern einfach als erzählender Text daher kommen. Beschreibungen der Stadt, des geschäftigen Hotel-Foyers, des Rhein-Ufers. Doch leider ist das höchstens 1/3 des Buchs. Und bei alldem lauert auch immer noch eine Mann-Anspielung und das keinesfalls immer subtil. Russinnen, die Türen zum Speisesaal zuschlagen, ein Lift-Boy namens Armand, der von Lissabon träumt und ein kleiner Herr mit Namen Friedemann. Fast wird man paranoid beim Lesen – sollte die dicke Holländerin mir was sagen oder ist die einfach nur so da? Aus welcher Erzählung kenne ich diesen Fahrradunfall?

Wenn man sich fertig gefreut hat, dass man seinen Mann so gut kennt, kann man noch über gebildete Witze lachen. Drollig, wie die Kellnerin Worschestersoße zur Worcestersauce sagt. Ein Glück weiß ich es besser.

Der Einstieg in den Roman fällt leicht. Die ersten Szenen, in denen Klaus nach langer Abwesenheit wieder nach Deutschland kommt und Thomas Mann im Hotel empfangen wird, machen Spaß. Es ist eine Art Bilderbogen der jungen Bundesrepublik. Doch danach wird es zäh und zäher. Und zwar, weil das Buch nicht nur ein Roman über Thomas Mann und seine Liebe zu Klaus Heuser sein will, sondern auch ein Roman über Katia Mann und ihre Eltern und alle ihre Kinder, über das Exil der Manns, das Exil an sich, über Ernst Bertram, Stefan George und die Schuldfrage nach dem Krieg, über Kommunismus, Homosexualität und nicht zu vergessen Thomas Manns Gesamtwerk und dessen Rezeption während und nach dem Krieg.

Um das alles in einen Roman zu quetschen muss man diverse Kunstgriffe anwenden und Pleschinski entscheidet sich vor allem für den Monolog. In einigen Kapiteln geht es zu wie in Peter Steiners Theaterstadl. Leute poltern rein, erzählen was und gehen wieder, die erstaunten Bleibenden beraten die neuen Informationen, doch da kommt schon die nächste Figur mit der nächsten Geschichte. Das Potenzial, welches die unerfüllte Liebe und das Wiedersehen von Klaus Heuser und Thomas Mann gehabt hätte, bleibt in diesem Tumult größtenteils ungenutzt.


Hans Pleschinski: Königsallee. dtv 2015. € 9,90, 400 Seiten. Originalausgabe: C. H. Beck 2013.

Ali Smith: How to be both

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How to be both habe ich eigentlich nur gelesen, weil es im Umfeld jedes relevanten Literaturpreises des vergangen Jahres herumlungerte. Beim Booker Prize, beim Folio Prize, beim Costa Book of the Year, beim Bailey’s Award – überall, wo dieses Buch nominiert sein konnte, war es nominiert. Den Klappentext fand ich erst abschreckend. Eine Geschichte, erzählt von einer 16jährigen und einem Renaissance-Maler? Besten Dank. Am Ende hab ich es dann doch probiert und war entgegen jeder Erwartung begeistert.

Ein Teil des Buchs wird erzählt von Francesco del Cossa (im Buch Francescho geschrieben), einem italienischen Renaissance-Maler, der vor allem für seine Fresken im Palazzo Schifanoia in Ferrara bekannt ist – dieser Maler und diese Fresken existieren tatsächlich. Der andere Teil des Buchs wird erzählt von einem englischen Mädchen namens George, das in Cambridge aufwächst. Georges Mutter sieht Bilder aus dem Palazzo Schifanoia und ist so fasziniert von einer der Figuren, dass sie sofort ein Hotelzimmer bucht und mit ihren Kindern nach Italien reist. Dies ist eine der letzten Erinnerungen von George an ihre Mutter. Wenige Monate später stirbt die Mutter unerwartet und George bleibt zurück mit ihrem kleineren Bruder und dem Vater, der mit der Situation nicht umgehen kann. George ist von da an besessen von einem von Franceschos Bildern und fährt fast jeden Tag in ein Museum, um es zu sehen. Dort taucht eines Tages Francescho höchstpersönlich auf – körperlos, denn er ist seit Jahrhunderten tot. So kann er George aber auf Schritt und Tritt folgen und all die Kuriositäten der modernen Welt beobachten.

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