Hans Pleschinski: Königsallee

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„Geschickt, wie er über Jahrzehnte Erfundenes um lebensschwache Luxusgestalten verscherbelt hatte, über die fast nie zu lesen war, wovon sie ihr Dasein bestritten, welcher Krankenkasse sie angehörten, Buchfiguren, die nie einen Autoreifen wechselten.“

1954 steigt Thomas Mann während einer Lesereise nebst Frau Katia und Tochter Erika im Düsseldorfer Hotel Breidenbacher Hof ab. Was er nicht weiß: im gleichen Haus befindet sich der eben erst aus Asien heimgekehrte Klaus Heuser, eine längst vergangene, aber unvergessene Liebe des Schriftstellers.

Erika Mann bemerkt den vertrauten Namen beim Eintrag ins Gästeregister – keinesfalls dürfen Klaus und ihr Vater aufeinander treffen, das würde der gealterte Nobelpreisträger, immerhin schon 79, nicht verkraften! Kurzentschlossen sucht sie Klaus und dessen jetzigen Partner Anwar in ihrem bescheidenen Zimmer in der obersten Etage des Hauses auf.

Und damit beginnt die erste „große Begegnung“. Erika setzt Klaus nicht nur darüber in Kenntnis, dass sie ihn nicht auf der Lesung ihres Vaters sehen möchte, sie legt auch einen kurzen Abriss über die letzten Jahre vor sowie eine grobe Skizze ihrer politischen und künstlerischen Ansichten. Nicht, dass das uninteressant wäre. Es ist nur als aus der Luft gegriffener Vortrag sehr hölzern. Kaum ist sie weg, folgt ihr Ernst Bertram, einst enger Freund Thomas Manns, dann wegen seiner Sympathie zu den Nazis in Ungnade gefallen. Er fleht, Klaus möge ihn wieder mit dem alten Freund versöhnen. Auch das in starrem Monolog.

Und nicht einmal beim Abendessen weitab des Hotels ist Klaus und Anwar Ruhe vergönnt. Erst monologisiert erzürnt ein alter Schulfreund über Homosexualität und Drückebergertum, dann bittet vom Nebentisch Golo Mann ausufernd, dem entfremdeten Vater sein neustes Buch nahe zu legen.

Zwischendrin gibt es Lichtblicke. Szenen, in denen Figuren sich tatsächlich unterhalten und keine Vorträge gehalten werden. Berichte über die letzten Jahre, die nicht als Monolog sondern einfach als erzählender Text daher kommen. Beschreibungen der Stadt, des geschäftigen Hotel-Foyers, des Rhein-Ufers. Doch leider ist das höchstens 1/3 des Buchs. Und bei alldem lauert auch immer noch eine Mann-Anspielung und das keinesfalls immer subtil. Russinnen, die Türen zum Speisesaal zuschlagen, ein Lift-Boy namens Armand, der von Lissabon träumt und ein kleiner Herr mit Namen Friedemann. Fast wird man paranoid beim Lesen – sollte die dicke Holländerin mir was sagen oder ist die einfach nur so da? Aus welcher Erzählung kenne ich diesen Fahrradunfall?

Wenn man sich fertig gefreut hat, dass man seinen Mann so gut kennt, kann man noch über gebildete Witze lachen. Drollig, wie die Kellnerin Worschestersoße zur Worcestersauce sagt. Ein Glück weiß ich es besser.

Der Einstieg in den Roman fällt leicht. Die ersten Szenen, in denen Klaus nach langer Abwesenheit wieder nach Deutschland kommt und Thomas Mann im Hotel empfangen wird, machen Spaß. Es ist eine Art Bilderbogen der jungen Bundesrepublik. Doch danach wird es zäh und zäher. Und zwar, weil das Buch nicht nur ein Roman über Thomas Mann und seine Liebe zu Klaus Heuser sein will, sondern auch ein Roman über Katia Mann und ihre Eltern und alle ihre Kinder, über das Exil der Manns, das Exil an sich, über Ernst Bertram, Stefan George und die Schuldfrage nach dem Krieg, über Kommunismus, Homosexualität und nicht zu vergessen Thomas Manns Gesamtwerk und dessen Rezeption während und nach dem Krieg.

Um das alles in einen Roman zu quetschen muss man diverse Kunstgriffe anwenden und Pleschinski entscheidet sich vor allem für den Monolog. In einigen Kapiteln geht es zu wie in Peter Steiners Theaterstadl. Leute poltern rein, erzählen was und gehen wieder, die erstaunten Bleibenden beraten die neuen Informationen, doch da kommt schon die nächste Figur mit der nächsten Geschichte. Das Potenzial, welches die unerfüllte Liebe und das Wiedersehen von Klaus Heuser und Thomas Mann gehabt hätte, bleibt in diesem Tumult größtenteils ungenutzt.


Hans Pleschinski: Königsallee. dtv 2015. € 9,90, 400 Seiten. Originalausgabe: C. H. Beck 2013.

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2 Gedanken zu “Hans Pleschinski: Königsallee

  1. flattersatz 22. November 2015 / 10:20

    hmmm…. das buch liegt bei mir im stapel, deine besprechung macht mir nicht gerade mut, es auch anzupacken… 😉

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    • March Hare 22. November 2015 / 10:36

      Die allgemeinen Reaktionen auf dieses Buch waren SO positiv! Ich habe im ganzen Feuilleton nicht eine wirklich schlechte Kritik gelesen (vielleicht auch nur nicht gefunden) und bei lovelybooks, goodreads etc ist der Roman auch recht gut bewertet. Er scheint also nicht allen so kolossal auf die Nerven gegangen zu sein 🙂

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