Ann Patchett: The Magician’s Assistant

 Sabine ist die Assistentin und Ehefrau des berühmten Magiers Parsifal. Und sie liebt ihn von ganzem Herzen. Obwohl Parsifal nur Männer liebt, bleibt sie ihm über lange Jahre treu ergeben, lebt mit ihm und seinem Lebensgefährten Phan in einer luxuriösen Villa in Los Angeles. Als Phan stirbt und Parsifal kurz darauf schwer erkrankt, heiratet er Sabine endlich, vor allem, um ihr die Erbschaftssteuer zu ersparen. Nach seinem dann doch unerwartet schnellen Tod hat Parsifals Anwalt eine überraschende Neuigkeit für Sabine. Im Testament des Magiers wird nicht nur sie selbst großzügig bedacht, sondern auch eine Familie Fetters aus Alliance, Nebraska – Parsifals Familie. Die ist nämlich nicht, wie Parsifal immer erzählte, bei einem tragischen Unfall komplett ausgelöscht worden. Seine Mutter Dot und die beiden Schwestern Bertie und Kitty erfreuen sich bester Gesundheit und kündigen nun ihren Besuch in LA an.

Patchett_MagiciansAssistant

Der Start ist holprig. Sabine hält wenig von den Hinterwäldlern aus dem Fly-over State mitten im nirgendwo, die darauf bestehen, dass Parsifal Guy Fetters heißt. Als Dot dann noch erzählt, dass der Sohn gebrochenen Herzens den Kontakt abgebrochen habe, weil sie seine Homosexualität nicht akzeptieren konnte, scheint es endgültig vorbei zu sein mit den gerade geknüpften Familienbanden. Doch über ein paar Drinks in der Hotelbar kommt man sich dann doch näher und auf einmal scheint ein Besuch Sabines in Nebraska kein abwegiger Gedanke mehr zu sein.

„What if you were born in Alliance, Nebraska, only to find that you looked your best in a white dinner jacket?“

Sabine fällt es schwer zu verstehen, warum Parsifal ihr nie die Wahrheit sagen konnte. Wie er so komplett und endgültig mit seiner Vergangenheit, mit seiner Herkunft abschließen konnte, dass sie nicht einmal seinen eigentlichen Vornamen kannte. In der verschneiten Weite Nebraskas hofft sie, Antworten zu finden.

Die Familie, die Sabine auf den folgenden Seiten kennenlernt, ist von unerwarteten Krisen geschüttelt, aber auch von seltener Wärme und einer völlig selbstverständlichen Fürsorge geprägt. Es ist aber auch keine besonders außergewöhnliche oder spannende Familiengeschichte, die Patchett erzählt. Der Fokus der Geschichte liegt darauf, wie die unterschiedlichen Personen mit der Erfahrung des Verlusts umgehen. Sabine, die den Mann verloren hat, den sie über Jahre angebetet hat und der doch immer unerreichbar blieb, Dot, die ihren Sohn nun endgültig verloren weiß, nachdem sie so lange nichts von ihm gehört hatte. Langsam wächst im Haus der Fetters eine neue Gemeinschaft zusammen, die nur aus diesem Verlust heraus entstehen konnte und zwei Lebensrealitäten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, nähern sich an.

Patchett widmet sich in diesem Roman den Frauen der Familie Fetters sowie Sabine und ihrem bisherigen Leben. Die Tatsache, dass Sabine über lange Jahre die Assistentin eines Zauberers war, spielt tatsächlich auch eine Rolle, ist aber nicht in dem Ausmaß erheblich, wie der Titel es vermuten lässt. Gelegentlich wird die Kunst der lllusion und der Ablenkung thematisiert, ohne aber eine neue Ebene in die Handlung zu bringen. Nur Guys Bühnencharakter Parsifal ist von wirklicher Relevanz, denn nur diese Wandlung ermöglicht es ihm, den völligen Bruch mit seiner Familie zu vollziehen. Sabines Assistentinnen-Tätigkeit hingegen scheint ihr nur beeindruckende Karten-Misch-Skills eingebracht zu haben.

Was bleibt ist eine schöne und runde Familiengeschichte, die sehr lesbar ist, auf mich aber auch keinen großen Eindruck gemacht hat. Die Magie und die Sensation, die fantastische Welt hinter den Kulissen, auf die der Titel hoffen lässt, fehlen. Aber vielleicht ist es ja auch das, was Patchett kommunizieren wollte – am Ende sitzt die wunderschöne Frau im Glitzerkleid auch nur im Schlafanzug zu Hause und telefoniert mit ihren Eltern.


Ann Patchett: The Magician’s Assistant. Fourth Estate 2002. Erstausgabe GB Fourth Estate 1998. Meines Wissens nicht in deutscher Übersetzung erschienen.

Das Zitat ist von S. 38.

Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

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