Verknotete Geschichten – „Die Flucht der Bärin“ von Joanna Bator

Nur auf den ersten Blick hat Joanna Bator dieses Mal einen Kurzgeschichtenband veröffentlicht. Hintergründig sind alle Geschichten miteinander verbunden und geben nach und nach den gemeinsamen Kern frei.

Bitternis, der letzte Roman von Joanna Bator, erzählt eng verwoben eine generationsübergreifende Geschichte, die sich an den Frauen einer Familie entlanghangelt. Der Umfang: Mehr als 800 Seiten. Ihr neustes Buch, die Flucht der Bärin, scheint als Erzählungsband der Kurzform ein Gegenprogramm zu liefern. Doch wer glaubt, dieses Mal ohne umfangreichen Stammbaum auszukommen, wird schnell enttäuscht.

Mit Marianna Polna beginnt es, einer älteren Dame, die beschließt, ihrem Leben ein Ende setzen zu wollen, bevor die gefürchtete Demenz es ihr unmöglich macht. Ob sie es tut oder nicht, bleibt zunächst offen, vergessen sollte man ihren Namen aber nicht. Die Texte in Die Flucht der Bärin sind in sich geschlossen, das Ende meist offen, und es braucht eine Weile bis man merkt, dass es im Grunde ein locker gestrickter Roman ist, den Bator hier geschrieben hat. Vielen Figuren begegnet man wieder, bei anderen ist man froh, sie los zu sein.

Zu letzteren gehört sicher die titelgebende Figur aus „Das Ungeheuer“, die nach Moder riechend eines Tages vor der Tür steht, eine groteske und bedrohliche Mischung aus Mensch und Ratte, die man so schnell nicht wieder los wird. Überhaupt ist die Grenze zum Fantastischen in diesen Texten nie weit und schon gar nicht klar gezeichnet. Die Geschichten sind ausnahmslos aus der Ich-Perspektive erzählt und das oft genug von Figuren, die bedrohlich nahe am Realitätsverlust zu sein scheinen. In „Grüne Knollenblätterpilze“ fragt man sich, ob die Erzählerin möglicherweise schon unter ihrem Einfluss steht, als sie die geisterhaften Jungen im Wald beobachtet, und ob der Mann mit dem Hund sie auch sieht. Und ob es diesen Mann mit dem Hund überhaupt gibt.

„Und nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Häuser, Meere, ausgedachte Wesen! Wir begegnen einander nicht zufällig, nichts und niemandem begegnen wir zufällig!“

– S. 168

Die Flucht der Bärin lässt einen nicht so schnell abschließen mit den einzelnen Geschichten. Man muss aufmerksam bleiben und auf Details achten, um am Ende die verworrene und grausame Familienchronologie verstehen, die Knoten des sauber geknüpften Netzes erfühlen, das die Geschichten zusammenhält. Wer Bator schonmal gelesen hat, wird einige Motive wiedererkennen und auch einige Orte, allen voran die Bergbaustadt, die schon so oft Heimat ihrer Geschichten war. Und sogar auf dem Friedhof trifft man noch eine alte Bekannte, die dort ihre letzte Ruhe gefunden hat.

Bator stellt surreale Grenzgänge neben die ganz realen Herausforderungen des Alltags. Fast ausschließlich erzählt sie davon aus der Perspektive von Frauen, die sich behaupten müssen, die einen Umgang finden müssen mit neuen Situationen und manchmal wirklich sehr außergewöhnliche Wege finden. Die Autorin verbindet die einzelnen Episoden geschickt und so, dass man nie ahnt, wo der nächste Faden einen hinführen wird. Die Flucht der Bärin ist eine herausfordernde, aber auch wirklich sehr interessante und spannend konstruierte Lektüre.


Joanna Bator: Die Flucht der Bärin.
Suhrkamp 2026, 317 Seiten.

Aus dem Polnischen (OT Ucieczca niedźwiedzicy, 2022) von Lisa Palmes.

978-3-518-43285-3


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