Berta, Barbara, Violetta und Kalina bilden eine Reihe von Frauen, mit denen das Leben es nicht unbedingt gut gemeint hat. Ungewollte Schwangerschaften, gewalttätige Männer, geplatzte Träume – erst Kalina gelingt es, sich daraus zu lösen und sich einen Überblick zu verschaffen, die Geschichte ihrer Vorfahrinnen zu erzählen. Ein Roman der Kategorie „Frau findet altes Amulett auf Speicher und erzählt dann eine Familiengeschichte“ ist es aber – zum Glück – nicht.

Als Berta Koch in Sokołowsko aufwächst, heißt es noch Görbersdorf und gehört zu Deutschland. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und so ist es nun ihre Aufgabe, ihren Vater in der Metzgerei zu unterstützen und ihn bei Laune zu halten. Leicht macht er ihr das Leben dabei nicht. Regelmäßig lässt er sie auf einen Stuhl zeigen und nötigt sie, ihre Körperteile zu benennen. Spitzbein, Eisbein, Hinterkeule. Und was man daraus machen könnte, wäre sie ein Schwein. Pökeln und Kochen. Schweine zerlegen, Nutrias häuten, Pökeln und Wursten, das kann Berta. Dabei träumt sie von einer anderen Zukunft und sieht aus dem Fenster der Wurstküche sehnsüchtig den Zügen hinterher, die direkt am Haus vorbei fahren und sie nach Prag bringen könnten, ins goldene Prag, von dem sie träumt. Dort will sie leben, am besten mit dem Jungen mit den dunklen Locken, der eines Sommers als Gehilfe eines fliegenden Händlers im Dorf auftaucht, so viel von der Welt gesehen hat, und Bertas Leben auf den Kopf stellt.
Seine Tochter wird der Weltenbummler nicht kennenlernen, so lange bleibt er gar nicht. Als Barbara wächst sie im katholischen Waisenhaus auf. Weder hübsch noch drollig ist sie und hat es so weder bei den Schwestern noch bei potentiellen Adoptiveltern leicht. Erst nachdem das Land um sie herum ein anderes geworden ist und sie mühsam chleb, mleko, dziewczynka gelernt hat, interessiert sich das Ehepaar Serce für sie und nimmt sie mit in eine bescheidene Wohnung und in ein Leben, in dem es Zuckerwatte gibt und manchmal einen Krapfen. Man ahnt: So zuckersüß wird es nicht bleiben. Barbaras Ersatz-Eltern sind schwer vom Krieg traumatisiert und leben an der Armutsgrenze, so wie die meisten im Wohnblock am Bergmannplatz in Wałbrzych, dem Ort, an dem fast alle Romane Joanna Bators spielen, und in dem man so eng wohnt, dass man das Schicksal der anderen zwangsläufig teilt. Dennoch bleibt Barbara in dieser Wohnung, auch nach dem Tod ihrer Adoptiv-Eltern, auch nach dem Tod ihrer großen Liebe, zieht ihre Tochter Violetta dort groß und später auch noch deren Tochter Kalina. Und so wird dieser schmucklose Ort zum vorläufigen Mittelpunkt der Biographien.
Als Kalina aufwächst, liebt sie ihre schrullige Oma, ihre Babcia Bunia, heiß und innig. Von ihrer Mutter Violetta erwartet sie nicht viel. Nur hin und wieder lässt sie sich in der kleinen Wohnung am Bergmannplatz blicken, meistens, wenn wieder einer ihrer Träume geplatzt ist. Wie ihre Oma Berta träumt sie von einer goldenen Zukunft, von einem mondänen Leben in der Stadt, wie sie es aus den Romanen kennt. Doch allzu oft sieht sie sich mit der tristen Realität konfrontiert, die schon damit beginnt, dass sie die zwanzig Kilo einfach nicht los wird, die sie während ihrer Schwangerschaft zugenommen hat und dass einfach kein Prinz kommt, um sie zu erretten. Dass sie sich während einer längeren Abwesenheit Barbaras selbst um Kalina kümmern muss, empfindet sie als Zumutung. Kalina allerdings auch.
„Violetta mit V und Doppel-t hatte für jede Gelegenheit ein passendes Zitat – nur für mich, sagte sie, fehlten ihr die Worte.“
– S. 11
Dennoch, oder vielleicht deshalb, lässt das Leben ihrer Mutter sie nicht los. Viele Jahre später kauft sie ein Haus in Sokołowsko und begibt sich dort, ohne es so richtig zu wissen, an die Ursprünge ihrer eigenen Geschichte. Von hier aus beginnt sie zu suchen, zu forschen, engagiert sogar einen Detektiv. Nach und nach treten Gestalten aus der dunklen Vergangenheit. Allen voran Kalinas Vater, über den ihre Mutter kaum je ein Wort verloren hat, aber auch andere Wegbegleiterinnen von Berta, Barbara und Violetta. Die Biographien, die sich hier entwickeln, sind nicht die klassischen „starken Frauen“, die einer jungen Frau Inspiration und Halt sein können. Die Leben, die hier erzählt werden, sind geprägt von Krieg, Tod, Trauer und Verlust, von zerstörten Träumen, Gewalt und Unterdrückung in ganz unterschiedlichen Formen. Erst Kalina scheint es zu gelingen, sich davon zu befreien und davon zu erzählen. Wie auch ihre Vorfahrinnen geht sie große Teile ihres Weges alleine. Ihr engster Gefährte wird ein riesiger Hund, den sie mit dem Haus in Sokołowsko übernimmt und dessen Ahnenreihe enger mit der ihren verknüpft ist, als sie zunächst weiß.
Joanna Bator erzählt von den Frauen ohne Pathos und Generationen-Kitsch. Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern wechselt zwischen den Frauen und ihren Zeiten und mit jedem Wechsel der Perspektive wird ein kleines Stück Biographie aufgedeckt, entwickelt sich nach und nach eine Geschichte, die auf der einen Seite eine ganz besondere ist, aber eben auch zeigt, dass diese Frauen ihr Schicksal mit vielen anderen teilen. Häusliche Gewalt, Alkoholismus, Armut – im Wohnblock am Bergmannplatz ist es eher ungewöhnlich, wenn man davon nicht betroffen ist. Ungewöhnlich ist in der Familie Koch-Serce vielleicht ein Hang zu roher Gewalt, aber da würde ich vorgreifen.
Wie so oft gelingt es Bator mit ihrer klaren Sprache eine packende und spannende Geschichte zu erzählen, mit starken, schlüssigen und nahbaren Charakteren und mit einem ganz kleinen Hauch Unerklärlichem, in Bitternis verkörpert durch den Heiler und Hellseher Bazyl Ochęduszko und den mysteriösen fliegenden Händler Nasrallah, der in immer neuen Inkarnationen durch die Zeiten zu wandern scheint. Sie verbinden diese Geschichte, die beginnt, als das Deutsche Reich noch existiert und Wölfe um die Dörfer schleichen und endet, als man in Warschau Hummus mit getrockneten Tomaten isst. Eine lohnende Reise durch die Jahrzehnte!


