Josephine Baker gehört unbestritten zu den Größen des Showbusiness. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, da war sie gerade über vierzig Jahre alt, wurden ihre Memoiren veröffentlicht. Das Leben, von dem sie da erzählen kann, ist aber bei weitem nicht nur fearless and free.

Josephine Baker war vieles – eine exotische Sensation, Sängerin, Tänzerin, Grund zur Warnung für die katholische Kirche. Und jenseits dessen Teil der französischen Armee, engagiert gegen Rassismus, katastrophal im Umgang mit Geld. Über mehrere Jahre hat sie dem französischen Journalisten Marcel Sauvage von ihrem wirklich außerordentlichen Leben erzählt. Ab 1926 bis nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten die beiden lose an den Erinnerungen, die 1949 erstmals unter dem Titel Mémoires de Joséphine Baker erschienen.
1906 in Missouri geboren, war ihr der Weg zum Weltstar nicht in die Wiege gelegt. Erstmals verheiratet wurde sie mit 13, fügte sich aber nicht in die Rolle der Ehefrauen und stand sechs Jahre später das erste Mal in Paris auf der Bühne. Als Schwarze Schönheit im Bananen-Rock wurde sie zur internationalen Legende – und das nicht immer zu ihrer Freude. Oft fühlte sie sich missverstanden, grotesk zur Schau gestellt und zu Unrecht verrufen.
Bakers Ton ist dabei aber nie bitter und selten ernst. Es passt wohl auch nicht zu der Figur, die sie über Jahrzehnte sorgsam aufgebaut hat. Dabei hatte sie und ihr Engagement durchaus sehr ernste Seiten. Über viele Jahre half sie der französischen Armee, unter anderem indem sie Nachrichten über Grenzen schmuggelte. Einem Weltstar wie der Baker guckt schließlich niemand in die Handtasche. Auch ihr Kampf gegen Rassismus, vor allem in den USA, war ihr ein großes Anliegen, erst recht, nachdem sie Rassentrennung bei einer Reise durch die Staaten am eigenen Leib erfahren musste.
„Just like in central Europe, I was damned, a scandal, a femme fatale, a horrifying demon who lived off human hearts and ground glass. They even said I ate live rabbits and kept their bloody feet a lucky charms.“
– S. 80
Sauvage hat die Berichte und Anekdoten aus den einzelnen Gesprächen herausgelöst und thematisch zusammengefasst. Angesichts der langen Entstehungszeit ist das sicher sinnvoll, allein um Redundanzen zu vermeiden. Es führt allerdings auch dazu, dass die Themen sich an einigen Stellen so sehr ballen, dass es beim Lesen ein wenig ermüdet. Das letzte Kapitel beispielsweise, in dem alles versammelt steht, was sie über andere Größen ihrer Zeit zu sagen hat, habe ich nur noch quergelesen. Und das Kapitel, in dem sie sich über Juden in New York und im Showbusiness auslässt, hätte ich besser gar nicht gelesen.
Josephine Baker nimmt an keiner Stelle ein Blatt vor den Mund, ist klar in ihren Vorwürfen und Meinungen, natürlich aber auch hochgradig subjektiv in ihrer Schilderung der Ereignisse. Viele der hier genannten Daten ihres Lebens sind belegt und ihr Engagement ist ebenso unstrittig wie der Erfolg ihrer legendären Auftritte. Dennoch gibt es Passagen, in denen man sich fragt, wie die anderen Beteiligten davon erzählen würden. Josephine jedenfalls erzählt charmant, leichtfüßig, im Plauderton. Und das, obwohl sie unter ihrem Ruhm oft genug sehr gelitten hat und den stetigen Blick der Öffentlichkeit satt hatte. Ihre Fröhlichkeit wollte sie sich nie nehmen lassen, ihr Talent zum Unterhalten sah sie als Verpflichtung an.
Josephine Baker in ihren eigenen Worten bietet einen nahen und vermutlich recht authentischen Blick auf die legendäre Persönlichkeit. Objektiv und in allen Belangen historisch akkurat ist der Text dabei sicher nicht – wie es eben so ist mit den Erinnerungen. Und die Gespräche enden recht früh, die letzten dreißig Jahre in Bakers Leben, die adoptierten Kinder, ihre Rede beim Marsch auf Washington, die große Pleite, das alles findet man hier nicht mehr. Fearless and Free ist eben keine klassische Biographie, sondern bietet vielmehr einen ausgesuchten Blick hinter die Kulissen im Leben einer Frau, von der bis heute alle reden.
Josephine Baker und Marcel Sauvage: Fearless and Free. A Memoir.
Vintage Classics 2026, 249 Seiten.
Aus dem Französischen (OT Mémoires, Phébus 2022) übersetzt von Anam Zafar und Sophie Lewis.
Eine deutsche Übersetzung von Sabine Reinhardus und Elsbeth Ranke ist bei Reclam unter dem Titel Tanzen, Singen, Freiheit erschienen.


