Literaturwissenschaft oder BWL, selbst gekochtes Abendessen oder Instant-Ramen: Das sind so Fragen, vor denen man manchmal steht. Junko Takase konfrontiert ihre Figuren in Richtig gutes Essen ständig mit der Wahl zwischen Sicherheit und Leidenschaft.

Ein richtig gutes Essen macht jeden Tag ein bisschen besser, bringt eine kleine Freude in den Alltag und macht eine Feier mit Freunden erst komplett. So sehen das viele Menschen, nicht aber Nitani. Er hat überhaupt kein Verständnis dafür, warum alle Welt immer so ein Gewese ums Essen macht. Er isst allein der Selbsterhaltung wegen und könnte er ausschließlich mit Instant-Ramen ein gesundes Leben führen, wäre er ein glücklicher Mann. Sein durchdachtes Ernährungskonzept gerät ins Wanken, als er Kollegin Ashikawa in sein Leben lässt und damit auch ihre Kochkünste. Überzeugt davon, dass man gutes Essen zu einem guten Leben braucht, bekocht sie ihn so oft es geht, und begeistert noch dazu das Kollegium mit selbst gebackenen, kunstvoll verzierten Kuchen.
Junko Takase nutzt das Essen, um von Beziehungen, gesellschaftlichen Strukturen und persönlichen Erwartungen zu erzählen. Denn auch, wenn Nitani Essen und Gesellschaft gerne komplett trennen würde, geht das natürlich nicht. Er blickt mit Verachtung auf Menschen, die sich für gutes Essen begeistern und glaubt, sie seien gefräßig, wenn sie sich nach der Arbeit noch mit dem Kochen einer ganzen Mahlzeit abmühen. Essen und Gefühle müssen für ihn getrennt sein. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er ein immer gleich aussehendes Essen haben kann, das eine ihm völlig unbekannte Person für eine ihr völlig unbekannte Person produziert hat. Mit Sorgfalt, aber ohne jede Emotion. So würde er gerne sein ganzes Leben leben.
Doch leider lebt er in einer Kultur, in der sich vieles ums Essen dreht. Wer geht mit zum gemeinsamen Mittagessen, wer sitzt wo am Tisch, wer begeistert sich am meisten für die wirklich fantastischen Kuchen der Kollegin? Sicher nicht Nitani und auch nicht seine Mitarbeiterin Oshio, die schon längst nicht mehr einsieht, dass Ashikawa ständig früher geht, Arbeit liegen lässt, und sich dann alle Sympathien mit Schlagsahne und Obst-Deko zurückerobert.
Takase erzählt diese Geschichte abwechselnd in der dritten Person und aus der Perspektive von Oshio, die mit Unverständnis und wachsendem Ekel auf die Beziehung blickt, die sich zwischen Nitani und Ashikawa entwickelt und von der nur Nitani glaubt, sie sei völlig geheim. Dabei sitzt er regelmäßig abends mit Oshio im Izakaya, trinkt ein Bier nach dem anderen und lästert mit ihr über die unerträgliche Ashikawa, die lieber bunt verzierte Kuchen backt, statt ihren Job zu machen. In einem Umfeld, in dem es fast unmöglich ist, Missfallen und Konflikte offen auszusprechen, und in dem niemand aus der Rolle fallen will, droht in dieser Konstellation bald eine Eskalation.
Richtig gutes Essen spielt in einer stark reglementierten Gesellschaft, in der Konventionen viel wert sind. Das Essen ist dabei nur ein Aspekt und ein Ausdruck dessen, was einem wichtig ist. Es ist eine love language, ein Stein des Anstoßes, eine Rückversicherung der eigenen Werte und nicht zuletzt ein Mittel zum Leben. Takase erzählt davon sehr nüchtern und distanziert, sodass es zu Beginn gar nicht so leicht ist, Fuß zu fassen in diesem Text, der so glatt zu sein scheint. Bis zuletzt bleiben die Figuren ein wenig fern und fremd, insbesondere Ashikawa, über die zwar viel gesprochen wird, die aber selbst weitestgehend im Dunkeln bleibt.
Takase gelingt es dennoch, in der Kürze der Form viel zu erzählen über eine Arbeitswelt, die auf Vernunft, persönlichen Verzicht und Anpassung ausgerichtet ist, in der die persönlichen Vorlieben oft hintenanstehen müssen. Darüber hinaus ist Richtig gutes Essen aber auch ein gelungener, wenn auch etwas steriler Roman über die erlaubten und versagten Freuden des Lebens.


