Come to the Cabaret – „Alles ist Jazz“ von Lili Grün

Mal wieder ist die junge Schauspielerin Elli ohne Engagement. Damit ist sie nicht alleine im Berlin der späten 20er. Die Vermieterin will ihre 40 Mark Zimmermiete und auf dem Tisch stehen seit Tagen nur mehr Würstchen mit Salat. Da ist schon eine Linsensuppe ein echter Lichtblick. Der viel größere Lichtblick aber ist Kollege und Freund Hullo: auch er hat die ewige Beschäftigungslosigkeit satt und beschließt, ein eigenes Kabarett zu gründen. Jazz soll es heißen, Sinnbild und Rhythmus einer neuen, einer modernen Zeit. Verrucht, aber nicht mondän. Und selbstverständlich gibt es dort auch eine Rolle für die talentierte Elli. Mit der neuen Möglichkeit, wieder tätig und kreativ zu werden, blüht sie auf. Sogar den Ärger mit Roland kann sie darüber vergessen. Roland ist ihr Freund, hat aber auch kein Geld und kann sie nur Mittwochs und Samstags sehen, weil er an den anderen Tagen studieren muss. Bald aber verbringt Elli sowieso jeden Tag bei den Leuten von Jazz um Nummern zu erfinden, einzustudieren und Texte zu lernen.

„Hauptsache ist, man spielt, Hauptsache ist, man lebt!“

Elli ist, trotz ihrer prekären Lage, eine hinreißend sorglose Hauptfigur, die darin an einige Figuren von Irmgard Keun erinnert. Sie überzeugt mit einer Mischung aus Unschuld, Eitelkeit und Abgebrühtheit. Elli weiß, wohin sie will und ist bereit, dafür einiges zu opfern. Ihre Prinzipien hat sie dennoch: sie bleibt bei keinem Mann, der nicht gut ist zu ihr, so viele Vorteile er sonst auch haben mag. Da isst sie lieber wieder Würstchen mit Salat.

Die Versuchung ist groß, den Roman vor dem biographischen Hintergrund seiner Autorin zu lesen. Auch Lili Grün stammte, ebenso wie Elli, aus Wien, von wo aus sie sich auf den Weg nach Berlin machte, in der Hoffnung, dort bessere Arbeitsbedingungen als Schauspielerin zu finden. Auch sie beteiligte sich, nachdem andere Erfolge ausblieben, an der Gründung eines Kabaretts, das immerhin Hanns Eisler zu seinen Unterstützern zählen konnte. Der Erfolg blieb dennoch mäßig. Sie kehrte nach Wien zurück, von wo aus sie 1942 ins Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert wurde. Ihre Romane gerieten seitdem weitgehend in Vergessenheit.

Nun erscheinen ihre Texte wieder beim Aviva Verlag, was ein sehr verdienstvolles Unterfangen an. Alles ist Jazz ist ein Roman, aus dem der Zeitgeist der 1920er spricht. Die Charaktere sind ein bunter Haufen, aus dem nur einige gesondert hervorstechen. Das Erzähltempo ist flott und drängt nach vorne, unaufhaltsam dem sicheren Erfolg entgegen. Oder eben auch nicht. Scheitern ist für Elli durchaus eine Option, verzweifeln aber nicht. Wer weiß – vielleicht ist der Durchbruch ja jetzt wirklich nur noch ein Vorsprechen entfernt. Für eine 19jährige, die locker auch als 15 durchgeht ist alles noch drin.


tl;dr: Alles ist Jazz erzählt sehr charmant und ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit von der blutjungen Elli, die im Berlin der späten 20er von der ganz großen Schauspielkarriere träumt. Grüns Werk blieb lange ohne Beachtung, verdient diese aber durchaus.


Lili Grün: Alles ist Jazz. Aviva Verlag 2015, 216 Seiten. Herausgegeben von Anke Heimberg.

Das Zitat stammt von S. 178.

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