Ernst Haffner: Blutsbrüder

In den frühen 1930ern, als die wirtschaftliche wie soziale Lage in Deutschland nicht sehr rosig war, berichtete Ernst Haffner erstmals von den Blutsbrüdern, einer Clique, wie es sie in Berlin zu dieser Zeit massenhaft gab. Die Gruppe besteht aus jungen Männern und Jungen, zum Teil nicht älter als 15 Jahre, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern leben und sich, so gut es eben geht, auf der Straße durchschlagen. Sie betteln, prostituieren sich und stehlen, schlafen in billigen Herbergen und vertrödeln die Zeit in warmen Kneipen.

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Die Blutsbrüder bilden einen festen und solidarischen Verbund, teilen was sie haben und schützen die anderen. An die Zukunft denkt man nicht. Wenn einer mal dreißig, vierzig Mark hat, werden die noch am gleichen Abend versoffen, auch wenn man von dem Geld einen ganzen Monat lang eine billige Miete zahlen könnte. Sie alle wissen, dass ihre Zukunft ohnehin nicht viel zu bieten hat. Nach der verkorksten Jugend mit Strafanzeigen, Ausbrüchen aus Fürsorgeanstalten und Gefängnisaufenthalten glaubt keiner mehr, noch groß was erreichen zu können. Nach außen verhalten die Jungen sich gleichgültig bis skrupellos und können auch recht brutal werden.

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Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

In einer Berliner Zeitung erscheint 1929 ein Artikel über Käsebier, einen mittelprächtigen Varieté-Sänger in der Hasenheide. Der Text ist die reine Verlegenheitslösung, es ist sonst gerade nichts zur Hand und leer lassen kann man die Seite ja schlecht. Die Hasenheide wird zum neuen Montmartre erklärt, der Sänger in den höchsten Tönen gelobt, und schon springt der nächste Journalist drauf an, schließlich will man nicht hinterherhinken, wenn es einen neuen Star zu entdecken gilt. Von heute auf morgen sind die Vorstellungen restlos ausverkauft und Berlins bessere Gesellschaft strömt in Scharen heran um Schlager zu hören wie „Wer mit mir will, der komme mit, wer mich nicht will, der jeht alleene“. Bald schon tritt Käsebier im schicken Wintergarten an der Friedrichstraße auf. Es erscheinen Bücher, Käsebier spricht im Radio, zu Weihnachten gibt es Käsebier-Puppen für die Kleinen und für die Großen Käsebier-Zigaretten und -Schuhe. Ein eigenes Theater soll für ihn gebaut werden, ein Prachtbau am Kurfürstendamm mit Geschäften und Wohnungen darin.

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Fünf. Zwei. Vier. Neun.

Im letzten Jahr plante Jörg Mielczarek die Herausgabe einer Literaturzeitschrift, die Texte aus der 5249 Tage dauernden Zeit der der Weimarer Republik abdrucken sollte. Das Ziel der zugehörigen Crowdfunding-Kampagne konnte leider nicht erreicht werden, aber da die erste Ausgabe da schon fast fertig war, ist sie jetzt als Ausgabe 0 doch erschienen.

Mielczarek befasst sich seit Jahren mit Texten aus der Zeit der Weimarer Republik. Unter dem Titel Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften hat er auch ein Buch über diese Epoche veröffentlicht. Bei seinen Recherchen stieß er auf zahlreiche Texte, die heute interessierten LeserInnen nicht mehr so ohne weiteres zugänglich sind, bzw. mühsam zusammengesucht werden müssen. Zur Zeit der Weimarer Republik wurden beispielsweise viele Texte, durchaus auch längere, nur in Zeitschriften veröffentlicht. Darunter findet sich vieles, das heute auch noch lesenswert ist, wenn man denn weiß, wo man es findet.

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