Familiäre Erwartungshaltung – „Stay With Me“ von Ayòbámi Adébáyò

Als Akin und Yejide sich das erste mal im Kino begegnen, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Wenige Jahre später sind sie verheiratet und eigentlich glücklich. Zum perfekten Glück fehlt den beiden allerdings ein Kind, das findet vor allem Akins Familie und seine Mutter. Ihr Sohn muss einen Nachkommen zeugen, komme was wolle. Nachdem man bei diversen Untersuchungen kein Problem feststellen kann, schleppt Akins Mutter Yejide von Wunderheiler zu Wunderheiler, damit ihre Stieftochter bloß endlich schwanger wird. Als das nichts hilft, greift sie zu einer pragmatischen Lösung: Akin braucht einfach eine Zweitfrau, die mit der jungen Funmi auch schnell gefunden ist.

Yejide ist schockiert. Sie selbst ist die Tochter einer ersten Ehefrau und wurde von den weiteren Frauen ihres Vaters immer so schlecht behandelt, dass für sie nie etwas anderes in Frage kam, als eine monogame Ehe. Und nun ist da Funmi. Nach der Wut kommt bald die Angst. Was, wenn Funmi vor ihr schwanger wird? In einem letzten Versuch besucht Yejide einen weiteren Wunderheiler, der ihr verspricht, dass sie wenigen Tagen schwanger sein wird. Doch obwohl Yejides Bauch dicker und dicker wird und sie sogar die Tritte des Kindes spürt, ist beim Ultraschall nichts zu sehen. Akins vorsichtige Andeutungen, dass sie vielleicht wirklich nicht schwanger sein könnte, strapazieren die ohnehin unter Druck stehende Ehe noch weiter.

„Women manufacture children and if you can’t you are just a man. Nobody should call you a woman.“

Stay With Me ist ein beeindruckender Roman über das große Drama des unerfüllten Kinderwunsches. Im Fall von Yejide und Akin ist es nicht nur ein Problem, mit dem das Ehepaar zu kämpfen hat. Es stehen gleich noch zwei Großfamilien dahinter und machen ordentlich Druck, vor allem auf Yejide. Dass sie nicht schwanger wird, ist allein ihre Schuld und ihr Problem. Ob es vielleicht auch an Akin liegen könnte, fragt niemand, nicht einmal Yejide. Die schwierige Situation der beiden ist eine beinahe universelle. Ganz klar nigerianisch ist der Hintergrund, vor dem sich das Drama abspielt. 1983 geriet die politische Stabilität des Landes ins Wanken, nachdem bei Wahlen Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden. Im Roman zählt auch Yejide zu jenen, die bei der Wahl ihre Stimme abgaben in der Überzeugung, ihrem Land stehe eine sichere Zukunft bevor. Stattdessen kam es zu einem Militärputsch, der in eine zehn Jahre dauernde Militärdiktatur führte. Im Roman bekommt nur die Anfänge dessen mit, beklemmend genug ist es aber da schon.

Erzählt wird der Roman abwechselnd von Yejide und Akin, jeweils aus der Ich-Perspektive. Das schafft eine ausgeglichenere Stimmung in diesem Roman, der sonst wohl sehr zu Yejides Gunsten ausgefallen wäre. Die beiden Stimmen ergänzen sich, ohne in einen Dialog zu treten und es wird immer deutlicher, wie dieses Ehepaar, das die besten Voraussetzungen hatte, glücklich zu sein, an den Erwartungen zerbricht, die ihr Umfeld an sie hat. Yejide und Akin, beide moderne, erfolgreiche Menschen schaffen es nicht, sich gegen die traditionellen Familienregeln aufzulehnen. Ein Thema, das privater kaum sein könnte, wird zum Familien-Politikum und ein Zustand, den man nicht erzwingen kann, zur einzigen Waffe im Kampf um die Ehe. Mit Stay With Me ist Adébáyò ein starkes Debüt gelungen, differenziert erzählt und mitreißend geschrieben.


tl;dr: Adébáyò erzählt in Stay With Me von einer Familie, die an einem nicht erfüllten Kinderwunsch zu zerbrechen droht. Weil Yejide nicht schwanger wird, überzeugen ihre Schwiegereltern ihren Mann Akin, eine Zweitfrau zu nehmen. Differenziert und überzeugend erzählt Adébáyò vom Kampf um eine Ehe, in dem die einzige Waffe eine Schwangerschaft sein kann.


Adébáyò, Ayòbámi: Stay With Me. Canongate 2018. 298 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Maria Hummitzsch ist unter dem Titel Bleib bei mir bei Piper erschienen.

Das Zitat stammt von S. 47

Adébáyò war mit diesem Roman 2017 auf der Shortlist für den Baileys Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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