Wanderung mit schwerem Gepäck – „Elijas Lied“ von Amanda Lasker-Berlin

Es sind drei ungleiche Schwestern, die an einem kühlen Morgen aus dem Bus am Rande des Moors steigen, um noch einmal den Weg gemeinsam zu gehen, den sie früher schon gemeinsam mit den Eltern erkundet haben. Durch das Moor, durch den toten Wald und hinauf auf einen hohen Berg, von dem aus man die ganze Umgebung sehen kann. Elija, die älteste, wurde mit einem Gendefekt geboren und lebt nun in einer WG in Berlin, wo sie als Schauspielerin arbeitet, zuletzt sogar mit einem Solo-Stück, auf das sie sehr stolz ist. Noa arbeitet vormittags in einer seelenlosen Firmenkantine und am Nachmittag als Sexualbegleiterin für pflegebedürftige Menschen. Und Loth, die jüngste der drei, lebt offen rechtsradikal in einem patriotischen Wohnprojekt und ist, schön wie sie ist, ein Internet-Star der Szene. 

Das Verhältnis zwischen den Schwestern ist deutlich abgekühlt, seit Loth aus dem Elternhaus ausgezogen ist. In ihrer Jugend war sie noch als Punk unterwegs, hat seitdem aber eine Kehrtwende in Richtung Faschismus hingelegt. Ihre Familie ist überfordert von ihrer zunehmenden Radikalisierung und reduziert den Kontakt auf ein Minimum. Doch es war Loths Idee, die Schwestern noch einmal zusammen zu holen um alte Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Nach langem Zögern lassen Noa und Elija sich endlich auf den Vorschlag ein, aber schon bald bereut Loth ihren Plan. Die Schwestern nerven sie und bremsen sie aus auf dem Weg zum Gipfel. Vor allem Elija ist ihr ein ständiger Klotz am Bein mit ihrer Träumerei und den schlecht gebundenen Wanderschuhen. Während die Schwestern durchs Moor stapfen, erfährt man in kurzen Episoden mehr über ihre Leben, die sonst kaum einen Berührungspunkt haben. 

Bei Elija und Noa sind die Themen Behinderung und Sexualität ein häufiges Thema. Elija hat zu Hause einen Freund, mit dem sie zusammen lebt und mit dem natürlich auch Sexualität ein Thema ist. Noas Aufgabe als Sexualbegleiterin ist es, alle paar Wochen Pflegebedürftige zu besuchen und für ihre sexuelle Befriedigung zu sorgen – soweit sie das denn beurteilen kann. Die Männer, die meist auf Auftrag ihrer Angehörigen hin ihre Kunden sind, können ihre Wünsche verbal zumindest nicht mitteilen. Bei Elija hat das Thema noch eine viel größere Tragweite. Sie wünscht sich sehnlich ein Kind, kann aber nicht mehr schwanger werden, seit sie in ihrer Jugend ohne ihre Einwilligung und auf Wunsch ihrer Eltern sterilisiert wurde. Loth bringt eine politische Thematik in den Roman. Sie ist Teil eines rechtsradikalen Wohnprojekts in Halle, das sich mühelos als der Identitären Bewegung identifizieren lässt. Sie tritt regelmäßig bei Demos auf und ist im Internet ein Star der rechten Szene, wofür sie ständig neue Bilder und Videos liefern muss. Für sie ist es schon stressig, dass sie beim Wanderausflug dank fehlendem Empfang nicht regelmäßig ihre Nachrichten checken kann.

Die Charakterisierung der drei bei der Wanderung deckt sich nicht überall mit ihrem Alltag, der im Roman beschrieben wird. Besonders auffallend ist dies bei Elija. Zu Hause in Berlin ist sie ziemlich selbstständig und vor allem als Schauspielerin erfolgreich. In Gegenwart ihrer Schwestern wirkt sie kindisch, unselbstständig und bockig. Die drei Frauen werden vor allem auch über ihre Körperlichkeit beschrieben. Elija ist weich und rund, Noa mit ihren knallroten Haaren sinnlich und Loth, die offenbar an einer Essstörung leidet, knochig, hart und kantig. Dazu passt auch Loths politische Einstellung, die innerhalb der Familie offenbar für reichlich Zündstoff sorgt. Diese wird während der Wanderung allerdings gar nicht thematisiert. So ruft Loth, als sie endlich den Gipfel des Berges erreicht hat, einen Satz, der nicht näher beschrieben wird, wegen dem aber schon der Verfassungsschutz gegen sie ermittelt hat. Noa, die den Gipfel nur kurz nach ihr erreicht und den Ausruf gehört haben muss, legt ungerührt einen Arm um sie. Von Irritation oder Ablehnung, wenn auch nur unterschwelliger, keine Spur. Nur die spitzen Knochen der Schwester stören wieder einmal und halten Noa ein wenig auf Distanz. Loth dankt es ihr, indem sie auf dem Rückweg darüber sinniert, dass es so „Perverse“ wie ihre Schwester im Deutschland ihrer Träume gar nicht geben würde. Von Elija mal ganz zu schweigen. 

„Das ist der Weckruf. Das ist der Weckruf für eine neue Zeit. Für eine Zeit, in der es um was anderes geht als Behindertentheater und Ökojeans.“

Interessant ist der Umgang der Autorin mit der Sexualität pflegebedürftiger Menschen und Menschen mit Behinderungen. Dieses Thema ist mit einem starken Tabu beladen und für viele auch keine Frage, die man sich stellt. Darin, wie mit Elija umgegangen wird, zeigt sich auch, dass einigen Personengruppen jedes Mitsprache- und Entscheidungsrecht abgesprochen wird. Es sei besser für sie, sagt man Elija, wenn sie keine Kinder mehr bekommen könne. Elija allerdings sieht das völlig anders und ist von dem Eingriff auch zwanzig Jahre später noch traumatisiert. Kein Wunder, denn eine Aufarbeitung hat selbstverständlich nicht stattgefunden. Auch für Noa ist die Sexualbegleitung nicht immer einfach, wenn sie nur erahnen kann, ob sie das Einverständnis ihres Gegenübers hat. Mit diesen Themen hätte der Roman eigentlich schon genug Stoff gehabt und besonders für und mit Elija nimmt es auch viel Raum ein. Dass dann auch noch eine rechtsradikale Schwester mit dabei ist, ist fast schon zu viel der Themen. Erzählt wird der Roman durchgehend in einem sehr reduzierten, zarten und zurückhaltenden Ton, selbst da, wo es härter zur Sache geht. Die Gespräche zwischen den Schwestern sind rar und auf das nötigste beschränkt. Elijas Lied traut sich an so viele schwierige Themen, dass der Roman überladen wirkt. Alle drei Schwestern ecken in ihrem Alltag an und erfahren Ablehnung. Sei es aufgrund einer Behinderung, wegen des Berufs oder wegen der politischen Einstellung – für alle drei ist das Leben eine Herausforderung. Hinzu kommen nun die interfamiliären Konflikte, die da sind, aber niemals artikuliert werden. So wird die gemächliche Wanderung im Familienkreis zu einem Leistungsmarsch mit Übergepäck.


tl;dr: Elijas Lied ist ein engagierter Roman über drei sehr unterschiedliche Schwestern, der sich viele spannende Themen vorknöpft, am Ende aber unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht.


Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied. Frankfurter Verlagsanstalt 2020. 256 Seiten. Gelesen in der EBook-Ausgabe mit 160 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 129 der eBook-Ausgabe.

Dieser Roman ist auf der Shortlist für das Das Debüt 2020.

5 Gedanken zu “Wanderung mit schwerem Gepäck – „Elijas Lied“ von Amanda Lasker-Berlin

    • Marion 27. Dezember 2020 / 20:50

      Gerade das Thema fand ich ja spannend. Weil es sonst eben so tabuisiert wird und wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Menschen mit Behinderung oder Pflegebedarf weder Sex, noch ein sexuelles Bedürfnis haben. Also ja, das ist schon viel, aber man merkt eben auch, in welch eng gesteckten Grenzen man da sonst denkt.
      Allerdings ist die erste Szene, in der sie den jüngeren Mann in der Einrichtung besucht, exakt das, was ich mal in einer Reportage über eine Sexualbegleiterin gesehen habe, bis hin zur Bushaltestelle… Aber irgendwoher muss man seine Inspirationen ja haben.

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