Post-Sowjetische Trostlosigkeit – „Das Birnenfeld“ von Nana Ekvtimishvili

Das Birkenfeld liegt am Rande der georgischen Hauptstadt Tbilissi, in einem heruntergekommenen Außenbezirk, in dem die Straßen keine Namen, sondern Nummern haben. Direkt neben dem Feld liegt ein Internat für geistig beeinträchtigte Kinder, noch zu Sowjetzeiten errichtet und gemeinhin als Debilenschule bezeichnet. Eine der ehemaligen Schülerinnen ist die Protagonistin Lela, die mittlerweile zwar 18 ist, das Internat aus Mangel an Alternativen aber noch immer nicht verlassen hat. Es macht sich auch niemand die Mühe, sie bei der Suche nach Alternativen zu unterstützten oder auch nur hinauszuwerfen. So also bleibt sie, hält eine schützende Hand über ihre Lieblings-Kinder und schmiedet Mordpläne gegen Wano, ihren alten Geschichtslehrer, der sie als Kind über Monate missbraucht hat, was im Roman sehr explizit geschildert wird.

Besonders eng ist Lelas Verhältnis zum neunjährigen Irakli, den sie oft zu einer Nachbarin begleitet, von wo aus er seine Mutter anrufen kann. Die verspricht ihm wieder und wieder, ihn am nächsten Wochenende besuchen zu kommen und lässt sich dann doch nicht blicken. Für Irakli scheint es dennoch einen Weg aus dem Internat und dem Elend zu geben, als sich ein amerikanisches Paar für seine Adoption interessiert. Mit einer Emigration in die USA wäre er der erste Schüler, der es wirklich zu was gebracht hat im Leben.

„Lela kann sich nicht mehr daran erinnern, wann oder wie ihr Leben im Internat begonnen hat. Wo ist sie zur Welt gekommen? Wer war ihre Mutter? Von wem wurde sie verlassen?“

Ekvtmishvili berichtet aus einer äußerst ungemütlichen Welt, die für die meisten Menschen unsichtbar bleibt. Nicht einmal die Nachbarn der Schule verstehen, was es mit dem Internat und den dort internierten auf sich hat. Durchgehend im Präsens erzählt, ist die Handlung des Romans für die Lesenden allerdings unmittelbar und nah. Sowohl Personal als auch Ort sind sehr eingeschränkt. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es kaum einen Grund, das Gelände des Internats zu verlassen. Vom Viertel mal ganz zu schweigen. Sie hätten auch gar nicht die Erlaubnis dazu. Der Roman setzt sich vor allem zusammen aus kurzen, anekdotischen Erzählungen von Kindern, deren Ein- und Auszug aus dem Internat Lela erlebt hat und von Erlebnissen, die sie mit ihren ehemaligen MitschülerInnen teilt. Wirkliche Freude oder gar Glück sind ausgesprochen selten in diesen Episoden. Die Handlung, die den schmalen Roman zusammenhält, ist die Geschichte von der möglichen Adoption Iraklis, dem einzigen Hoffnungsschimmer, den das Internat seit Jahren erlebt hat.

Ekvtimishvili gelingt es in ihrem Debüt-Roman, eine klare Erzählstimme zu finden und die Trostlosigkeit des Kinderheims zu transportieren, ohne dabei platt an das Mitleid der Lesenden zu appellieren. Lela ist natürlich ein Opfer dieses Apparats, aus dem sie nicht ausbrechen kann, sie ist aber in ihrem Verständnis vor allem ein starker und selbstbestimmter Mensch mit einem beeindruckenden Durchsetzungsvermögen.


tl;dr: Finsterer Roman aus einem finsteren Internat mit sehr klarer und unmittelbarer Erzählstimme und beeindruckender Protagonistin.


Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld. Aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti. Suhrkamp 2018. Gelesen in der epub-Ausgabe, 147 Seiten. Lieferbar auch als Klappenbroschur. Originalausgabe unter dem Titel მსხლების მინდორი (Mskhlebis Mindori) erschienen bei Bakur Sulakauri Tiblissi.

Das Zitat stammt von S. 22

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