Geheimnisse unter Geschwistern – „My Sister the Serial Killer“ von Oyinkan Braithwaite

Korede, Krankenschwester aus Lagos, nimmt es ernst mit der Sauberkeit. Und das nicht nur in der Klinik, wo sie den Hausmeister ständig zu gründlicherer Arbeit antreiben muss, sondern auch als Tatortreinigerin. Letzteres übt sie selbstverständlich höchst diskret und privat aus, allerdings auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Denn ihre Schwester Ayoola ist eine Serienmörderin, zumindest wenn man „Serie“ als mindestens drei definiert. Man lernt die beiden Schwestern kennen im Badezimmer von Femi, dem letzten Freund von Ayoola. Femi lebt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, und die beiden Schwestern haben alle Hände voll zu tun, sowohl seine Leiche als auch jede Spur des blutigen Verbrechens zu beseitigen.

„I bet you didn’t know that bleach masks the smell of blood.“

Trotz der routinierten Reinigungsarbeit sind die nächtlichen Einsätze für Korede nicht leicht. Besonders die Beseitigung von Femis sterblichen Überresten fällt ihr schwer, obwohl oder gerade weil sie ihn nie kennengelernt hat. Ayoola und er waren erst seit kurzem ein Paar. Ihrer Schwester erzählt Ayoola, sie habe sich von ihm bedroht gefühlt und in Gegenwehr zugestochen. Das erzählt sie nun schon zum dritten Mal. Korede fällt auf, dass die Stiche in den Rücken gingen, was eine unmittelbare Abwehrhandlung ausschließt, aber sie hat keine Lust, das zu diskutieren. Für Korede wird die Sache aber schnell richtig ernst, als Tade, Arzt und Kollege, sich in Ayoola verguckt. Auf Tade hat sie nämlich schon lange ein Auge geworfen und hat überhaupt keine Lust, seine Leiche eines Nachts über ein Brückengeländer zu werfen.

Braithwaite_MySisterTheSerialKiller.jpg

Ayoolas Mordserie wird mit unbeschwerter, wenn auch höchst morbider Selbstverständlichkeit erzählt. Schwestern machen eben manchmal Dummheiten und dann muss man ihnen aushelfen – kein großes Ding. Und obwohl Korede von ihrer ewig bevorzugten Schwester mit dem populären Instagram-Account ganz schön oft genervt ist, steht sie ihr immer zur Seite und würde sie niemals ausliefern. Bei allem absurden Humor hat der Roman aber auch dunklere, ernstere Untertöne. Der Vater der beiden Mädchen scheint ein brutaler Tyrann gewesen zu sein, der seine Töchter gerne schnell und gewinnbringend verheiraten wollte. Sein früher Tod gilt den Schwestern und ihrer Mutter als Glücksfall. Dass die Brutalität des Vaters etwas mit den gewalttätigen Überreaktionen Ayoolas zu tun haben könnte, wird nicht explizit benannt, scheint aber zumindest wahrscheinlich zu sein. Auch die Fallstricke konservativer Gesellschaftsbilder treten hin und wieder zu Tage, beispielsweise in Form einer Tante, die sich große Sorge macht um ihre Nichten, die mit Mitte zwanzig noch nicht verheiratet sind oder bei der Mutter, die sehr darauf bedacht ist, aus ihren Töchtern wenigstens gute Hausfrauen zu machen.

My Sister the Serial Killer ist ein absurder Roman mit viel morbidem Humor und ernsten Tönen. Das Erzähltempo und der knappe Umfang des Buches (die 226 Seiten sind sehr großzügig bedruckt) machen die Geschichte zu einer kurzweiligen, sehr unterhaltsamen, aber keineswegs platten Lektüre.


Oyinkan Braithwaite: My Sister the Serial Killer. Doubleday 2017. 226 Seiten. Auf deutsch ist das Buch in Übersetzung von Yasemin Dinçer unter dem Titel Meine Schwester, die Serienmörderin bei Aufbau erschienen.

Das Zitat stammt von S. 2.

2019 war Braithwaite mit diesem Roman auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

4 Gedanken zu “Geheimnisse unter Geschwistern – „My Sister the Serial Killer“ von Oyinkan Braithwaite

  1. johannaschreibtwas 16. Juni 2020 / 16:24

    Liebe Marion, deine Rezension kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Der Roman ist ganz frisch auf meinen Bücherstapel gewandert und jetzt freue ich mich noch mehr darauf, ihn zu lesen. Hört sich auf jeden Fall nach der perfekten Lektüre für einen entspannten Tag am See an. 🙂

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  2. Schnute 17. Juni 2020 / 8:08

    Dankeschön, das wandert gleich auf meine Leseliste. Den Titel hatte ich im Vorbeigehen mal gehört oder gelesen, aber nicht weiter beachtet. Das wird sich jetzt ändern.

    Gefällt 2 Personen

  3. andrea 27. Juni 2020 / 10:55

    Ich mochte das Buch auch sehr. Sehr erfrischend und neu und anders als andere Literatur aus Afrika. Ich weiß, Afrika ist ein ganzer Kontinent und man sollte nicht alles über einen Kamm scheren, aber so viel habe ich nun auch noch nicht gelesen, aber im Vergleich dazu tatsächlich neu und anders.

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    • Marion 27. Juni 2020 / 13:44

      Für mich war der Unterschied zu den anderen nigerianischen Autor*innen, die ich gelesen habe, vor allem der, dass der Roman ziemlich unpolitisch ist. Adichies Romane beispielsweise setzen sich ja immer sehr viel mit der Lage Nigerias bzw. der Lage von Nigerianer*innen im Ausland auseinander. Die Gesellschaft spielt hier natürlich auch eine Rolle, aber eine weit kleinere, das ist alles mehr auf die Familie konzentriert. Das macht das ganze auch weniger „ernsthaft“, wobei so ein Mord natürlich schon eine sehr ernste Angelegenheit ist und der dritte erst recht 🙂

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