Pestilenz und Phantasie – „Gemeinschaft der Aussätzigen“ von Julia Blackburn

1410 wird in einem kleinen Küstenort in England eine Meerjungfrau angespült. Ihr Finder glaubt sie tot und will sie beerdigen, doch als er mit Spaten und Hilfe zurückkehrt, ist von der sagenhaften Gestalt nur noch eine schwarze Locke übrig. Dennoch hebt man ein Grab am Strand aus und setzt die Haarsträhne bei. Von da an passieren wunderliche Dinge im Dorf. Ein Kind mit einem Fischkopf wird geboren, Blinde können wieder sehen und einige Einwohner haben plötzlich die Vision, nach Jerusalem reisen zu müssen.

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Erzählt wird das alles von einer Reflektorfigur, die von den Handelnden selbst gar nicht gesehen oder gehört wird. Nur eine Katze nimmt sie hin und wieder wahr. Diese Person lebt in der Gegenwart und nutzt das Dorf als Rückzugsort, wenn sie aus ihrem Leben fliehen will und es anders nicht kann. Es bleibt unklar, ob sie das Dorf als Ziel einer Phantasiereise nutzt, ob sie sich in Halluzinationen tatsächlich im tiefsten Mittelalter wähnt, oder ob die Reise in die Vergangenheit sogar eine Art Rückführung ist.

„Ich bin aus der Zeit herausgetreten, in der ich gelebt habe, und werde eine Weile hierbleiben, bis die Dinge sich ändern und vorübergehen.“

Blackburns Stärke liegt in ihrem Einfallsreichtum und ihren starken Bildern. Die märchenhafte Geschichte legt einen starken Start hin und die Schilderung des Dorfes und seiner Atmosphäre ist gelungen. Für die Charaktere allerdings gilt das nicht immer. Sie geraten ein wenig eindimensional und blass, einige kommen nie über ihre Berufsbezeichnung hinaus. Der schmale Roman gibt ihnen auch nicht viel Raum, sich zu entwickeln. Zudem fehlt es der Geschichte an einem klaren Handlungsstrang. Gemeinschaft der Aussätzigen liest sich wie ein langer Traum, der immer wiederkehrt und einen am Morgen leicht verstört aufwachen lässt. Hin und wieder gibt es ein kurzes Aufblitzen der Realität, einen kurzen Moment, in dem die Erzählfigur in der Gegenwart ankommt, aber sogleich wieder abtaucht in die mittelalterliche Phantasiewelt.

Julia Blackburn kreiert eine plastische Welt, in der vieles möglich ist. Dann aber gelingt es ihr nicht, diese Welt mit Leben und Erlebtem zu füllen. Die Motive der Handelnden bleiben größtenteils unklar, nur wenige starke Charaktere können die Geschichte ein kleines Stück weit tragen. Der Roman bleibt blass und schafft es nicht, einen in die verlockend erscheinende Phantasiewelt mitzunehmen.


tl;dr: Eine in der Gegenwart lebende Person taucht in eine mittelalterliche Phantasiewelt ab und man ist sich nicht ganz sicher, warum sie einem das erzählt.


Julia Blackburn: Gemeinschaft der Aussätzigen. Aus dem Englischen übersetzt von Isabella König. Berlin Verlag 2000. 237 Seiten. Originalausgabe: The Leper’s Companion. Pantheon 1999.

Das Zitat stammt von S. 13.

Mit diesem Roman war Blackburn 1999 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

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