Das Leben nach der Bombe – „Burnt Shadows“ von Kamila Shamsie

Hiroko Tanaka hat sich gerade mit dem deutschen Immigranten Konrad Weiss verlobt, als die Bombe über Nagasaki abgeworfen wird. Die drei Kraniche, die auf dem Rücken ihres Kimonos eingestickt waren, brennen sich als ewige Erinnerung an diesen Tag in ihre Haut. Konrad stirbt nur wenige hundert Meter von ihr entfernt. Zwei Jahre später packt Hiroko die Sehnsucht nach der weiten Welt und sie reist nach Indien, wo Konrads Schwester lebt, die den Briten James Burton geheiratet hat. Ursprünglich wollte sie dort nur kurz vorbeischauen, doch dann bleibt sie über Monate, wird eine enge Freundin von Konrads Schwester und verliebt sich in Sajjad Ashraf, einen Angestellten des Ehepaars. Sie schlägt alle Warnungen in den Wind und entschließt sich, ihn zu heiraten.

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Es ist und bleibt Hirokos Schicksal, von den Unwägbarkeiten der Geschichte und den Verstrickungen der Politik hin und her geworfen zu werden. Der Mann, in den sie sich verliebt, ist Moslem und kann nach der Spaltung von Indien und Pakistan nicht mehr in seiner Heimatstadt Delhi leben. Die beiden starten ein neues Leben in Karachi. Einmal von der Macht der Bombe in die Welt hinaus geschleudert, scheint Hiroko nichts mehr schrecken und halten zu können. Sie leidet auch nur wenig darunter, dass sie in der neuen Nachbarschaft immer als fremd gilt und ob ihrer mangelnden Religiosität mit großem Argwohn beäugt wird. Ihrem Sohn Reza macht es viel mehr zu schaffen, dass er aufgrund seines Aussehens als fremd erkannt wird.

„She was a woman who had learnt that she could leave everything behind, and survive.“

Auch die Familie Burton hält es nach dem Ende der kolonialen Ära nicht mehr in Indien. James zieht zurück nach England, seine Frau landet in New York. Doch je weiter die geografischen Distanzen werden, so intensiver scheinen sich die Beziehungen zwischen den Familien zu entwickeln. Insbesondere die Söhne, Harry Burton und Reza Ashraf, haben eine innige Beziehung, die lange Zeit vor allem darauf beruht, das Reza den älteren Harry tief bewundert, vor allem für seine amerikanische Staatsbürgerschaft.

Alle Handelnden in diesem Roman sind getrieben von den Ereignissen ihrer Zeit. Der Bombenangriff auf Nagasaki, die Unabhängigkeit Indiens, ein drohender atomarer Konflikt zwischen Indien und Pakistan, die Kriege in Afghanistan und nicht zuletzt die terroristischen Angriffe auf das World Trade Center und damit radikaler Islamismus sind die Eckpunkte des Romans. Während das im ersten Teil des Romans, etwa bis zur Unabhängigkeit Indiens, gut funktioniert, wirkt es danach teilweise etwas bemüht. Kein Mitglied der beiden Familien kann sich jemals den Fängen der Kriege entziehen, sie werden zum Roten der Faden ihrer gemeinsamen Geschichte. Harry und Reza arbeiten am Ende für das CIA in Afghanistan, Harrys Tochter Kim wird Sicherheitsingenieurin und plant Gebäude, die sich nicht so leicht in die Luft sprengen lassen.

Die Darstellung der Charaktere ist durchweg gelungen, besonders da, wo die Geschichte sich auf Hiroko konzentriert, die in der Katastrophe ihrer Jugend Stärke und Unabhängigkeit findet. Auch die Beziehungen der Charaktere untereinander sind sensibel geschildert. Mit den vielen verschiedenen Konflikten aber werden so viele Ebenen eingeführt und so viele Themen angeschnitten, dass der Roman an Fokus und letztlich, besonders gegen Ende, auch an Spannung verliert.


tl;dr: Burnt Shadows erzählt das Leben zweier Familien, deren Biographien von Kriegen bestimmt werden, angefangen vom Bombenangriff auf Nagasaki bis zum Angriff auf das World Trade Center und den daraus folgenden Einmarsch in Afghanistan. Während das im ersten Teil sehr gut funktioniert, wird die Geschichte gegen Ende zusehends überladen und unfokussiert.


Kamila Shamsie: Burnt Shadows. Bloomsbury 2009. 363 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Ulrike Thiesmeyer ist 2009 unter dem Titel Verglühte Schatten bei Bloomsbury Berlin erschienen. Den Verlag gibt es nicht mehr, antiquarisch kann man das Buch aber problemlos kriegen.

Das Zitat stammt von S. 135.

Der Roman war 2009 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

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