Einsam in Shirley Falls – „Amy and Isabelle“ von Elizabeth Strout

Isabelle Goodrow lebt mit ihrer Tochter Amy in der Kleinstadt Shirley Falls. Vor Jahren ist sie dort hingekommen, in der Hoffnung, einen Ehemann zu finden, nachdem Amys Vater jung verstorben ist. Bisher hat sie keinen Erfolg. Trotzdem wohnt sie immer noch in dem kleinen Haus, das sie als erstes gemietet hat, und das nur eine Übergangslösung sein sollte, bis sie mit ihrem neuen Partner zusammenziehen würde. Sie verdient ihr Geld in der Verwaltung einer Schuhfabrik, die der größte Arbeitgeber in der Stadt ist und in der sie es inzwischen zur Chefsekretärin gebracht hat. In genau diesen Chef ist sie heimlich verliebt, er aber macht keinerlei Anstalten, seine Ehe zu beenden.

Elizabeth Strout - Amy and Isabelle

Mit Tochter Amy hat sie derweil eine Menge Ärger. Sie pubertiert, hat Freundinnen, die auf einmal schwanger sind und raucht heimlich im Wäldchen hinter der Schule. Und als wäre das nicht schlimm genug, verliebt sich auch noch in ihren Mathelehrer Mr. Robertson, der sie mit auswendig gelernten Gedichten um den Finger wickelt. Wenn das ans Licht kommt, ist Isabelles Status in Shirley Falls endgültig am Ende. Seit sie in der Stadt wohnt, ist sie verzweifelt bemüht, in die „besseren Kreise“ zu kommen, engagiert sich in der Kirche und versucht, durch angemessene Lektüre ihre Bildung zu verbessern. Sie träumt davon, eines Tages unterhaltsame Dinner-Parties geben zu können, statt alleine auf dem Sofa zu sitzen. Auf ihre Kolleginnen im Büro, die zuviel essen, zuviel rauchen, und überhaupt keinen Sinn für Kultur haben, schaut sie ein wenig herab, würde das aber niemals offen zeigen. Zum Glück, denn nach und nach zeigt sich, dass gerade in diesen Frauen eine Menge Charakter steckt.

„She was different. She was Isabelle Goodrow and she was going to read.“

Amy and Isabelle ist ein charmanter Kleinstadt-Roman, der die Themen Freundschaft, Nähe und Distanz in verschiedenen Konstellationen und Bedeutungen bearbeitet. Es ist die Geschichte einer nicht ganz unkomplizierten Mutter-Tochter-Beziehung, die im Kern aber von Vertrauen geprägt ist und von Frauen-Freundschaften, die auf bedingungsloser Solidarität fußen. Über weite Teile ist der Roman ein überzeugendes Porträt des Kleinstadtlebens, in dem auch die gesellschaftlichen Konflikte der frühen 1970er-Jahre deutlich werden, die auch etliche Weltbilder im Roman ins Wanken bringen. So gut das über weite Teile des Romans funktioniert, so bemüht rund und friedlich ist dann das Ende. Im letzten Viertel des Romans ist Strout sehr eifrig bemüht, alle unrealistischen Träume platzen zu lassen und jeden Konflikt (auch die, die gar nicht schlimm waren) zu entschärfen. Das Ende ist ein rosarotes Wohlfühl-Paket, das keine Wünsche an ein versöhnliches Happy-End offen lässt. Man hätte Amy und Isabelle ein spannenderes und weniger konventionelles Ende gewünscht.


Elizabeth Strout: Amy and Isabelle. Random House New York 1998. 303 Seiten. Lieferbar bei Simon & Schuster. Eine deutsche Übersetzung von Margarete Längsfeld ist unter dem Titel Amy & Isabelle bei btb lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 83.

Mit diesem Roman war Strout 2000 auf der Shortlist für den Orange Prize. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction“.

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