An Bord der Nautilus – „Heligoland“ von Shena Mackay

Viele Jahrzehnte ist es her, dass Celeste Zylberstein und ihr Mann Arkadi den Traum von einem ganz besonderen Haus hatten. Der kreative Mittelpunkt der Nachbarschaft sollte es sein, Herberge und Atelier für Kreative und Schaffende. Im Süden Londons errichteten sie gemeinsam das „Nautilus“, ein architektonisch gewagtes Gebäude, das tatsächlich lange Zeit Ort legendärer Partys und Heimat großer Künstler war. Arkadi ist schon vor langer Zeit verstorben und Celeste und der Dichter Francis sind die einzigen beiden Bewohner, die sich noch an die großen Zeiten erinnern können. Nur Guss Crabs findet derzeit noch Unterschlupf bei ihnen. Der ist allerdings eher Antiquitätenhändler denn Künstler und kürzlich bei seiner Frau rausgeflogen. Auch am Gebäude sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen und die ein oder andere Renovierung ist dringend nötig. Erste Hilfe naht in Form von Rowena Snow, die ab sofort als Haushälterin mit im Haus lebt und zumindest für grundlegende Ordnung sorgt.

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Rowena, Kind einer pakistanischen Mutter und eines britischen Vaters, ist größtenteils ohne ihre Eltern im Internat aufgewachsen. So richtig Fuß fassen konnte sie danach nie. Ihre neue Stelle klingt für sie, die Lyrik immer geliebt hat, ausgesprochen verheißungsvoll. Immerhin lebt auch ein Dichter im Haus, in dessen Zirkel sie nun Zugang zu finden hofft.

„You should have seen us in our palmy days – the Sturm und Drang, the ideological wrangling. We even had a duel once.“

Shena Mackays Roman beschreibt auf unterhaltsame Art das Leben zweier alternder Bohemiens, deren Glanzzeiten schon lange in der Vergangenheit liegen. Während Celeste und Francis früher die Welt zu gehören schien, sind sie nun ebenso überfordert und verunsichert wie viele ihre Altersgenossen. Die Busfahrpläne sind kompliziert, die Jugend rüpelhaft und Handwerker auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Aber das Projekt aufgeben kommt natürlich auch nicht in Frage. Eine große Handlung hat der Roman nicht, es ist eher eine Aneinanderreihung von Miniaturen voller skurriler Charaktere und Ereignisse, die einem roten Faden folgen. Dieser Teil der Erzählung ist durchsetzt von den teils schmerzvollen Erinnerungen Rowenas an das Aufwachsen unter Fremden und ihren bisherigen Werdegang. Heligoland ist ein stilsicher geschriebenes, unterhaltsames und sympathisches, schmales Buch für zwischendurch.


Shena Mackay: Heligoland. Jonathan Cape 2003. 199 Seiten. Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht ausfindig machen.

Das Zitat stammt von S. 31.

Mit diesem Roman war Mackay 2003 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt „Women’s Prize for Fiction„.

2 Gedanken zu “An Bord der Nautilus – „Heligoland“ von Shena Mackay

    • Marion 28. Januar 2020 / 12:44

      Ich schätze, das war ne Limited Edition….
      Andererseits hab ich das Buch von medimops gekauft, da findet man ja alles drin. Steine würden mich nicht mal wundern.

      Gefällt 1 Person

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