Die riskante Suche nach der Wahrheit – Manda Scotts „Hen’s Teeth“

Mitten in der Nacht erhält Kellen einen Anruf. Ihre Ex-Freundin Bridget ist tot. Sie eilt zu der Farm, die sie mal gemeinsam besessen und bewohnt haben und findet Bridget friedlich entschlafen im Bett vor. Herzinfarkt sagt der herbeigerufen Hausarzt, eine Überdosis Temazepam sagt die Gerichtsmedizinerin. An einen Selbstmord glauben aber weder Kellen noch Bridgets neue Freundin Caroline. Nun ist es an den beiden Frauen und ihren Freundinnen, die Umstände von Bridgets Tod aufzuklären. Dass sie sich dabei selbst in tödliche Gefahr begeben, versteht sich von selbst. Denn Bridget wusste mehr, als sie wissen durfte und je mehr die selbsternannten Ermittlerinnen erfahren, umso knapper wird ihre Zeit.

„Bridget? Mentor, teacher, friend and, a long, long time ago, my lover. The only one who ever counted.“

Von der Story her ist Hen’s Teeth erstmal ein ganz normaler Krimi, der in Glasgow und dem ländlichen Umland der Stadt angesiedelt ist. Was dieses Buch aus der Masse herausstechen lässt, ist der Umstand, dass nahezu alle handelnden Personen homosexuelle Frauen sind. Wer es nicht ist, ist Polizist, ein Pony oder potenziell verdächtig. Und ich glaube, das war auch der Grund, weshalb Hen’s Teeth für den Orange Prize for Fiction nominiert war. Der literarische Anspruch ist nämlich nicht unbedingt literaturpreisverdächtig. Das ist nun aber auch nichts, was ich von einem Krimi erwarten würde. Als Krimi aber funktioniert die Geschichte sehr gut. Die Frauen, die an der Aufklärung des Mordes beteiligt sind, ergänzen sich zufällig ziemlich gut und so ist es kein Problem für sie, in der Pathologie herumzuschnüffeln, Laborergebnisse zu bekommen und sich in IT-Systeme einzuhacken. Letzteres ist übrigens sehr charmant (und selbstverständlich) auf dem Stand von 1996. So gibt es eine sehr schöne Szene, in der sehr viele wertvolle Minuten verstreichen, weil die unglaubliche Menge mehrerer hundert MB auf einen Stapel Disketten kopiert werden muss.

Scott_HensTeeth

So spannend der Plot an den meisten Stellen ist, so sehr geraten manche Figuren aber auch ins Hintertreffen. An vielen Punkten sind sie einfach nicht gut greifbar und die Charakterisierung gerät recht flach. Wichtig war der Autorin allerdings die bedingungslose Freundschaft zwischen den Frauen, die bestehen bleibt, so groß die persönlichen Differenzen auch sein mögen. Die meisten Beteiligten kennen sich seit Jahren und auch, wenn die persönliche Nähe nicht sehr groß ist, so besteht doch keine Sekunde ein Zweifel daran, dass sie sich gegenseitig helfen werden, bis Bridgets Tod aufgeklärt und am besten auch gesühnt ist. Im Gegensatz zur Charakterisierung der Figuren gelingt es der Autorin übrigens ziemlich gut, Orte zu beschreiben und Atmosphären einzufangen. So gut, dass man sich zwischendrin fast schon wünscht, eine schottische Farm mit einer Küche zu haben, auf deren Boden man morgens um zwei Kaffee trinken kann.

Hen’s Teeth ist wie gesagt keine literarische Meisterleistung, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es das jemals sein sollte. Es ist ein sehr spannend und klug konstruierter Wissenschafts-Krimi, auf den das Wort „Frauenliteratur“ zumindest in soweit zutrifft, als das beinahe jede relevante Person eine ist. Man darf annehmen, dass auch Männer das Buch lesen können. Mir auf jeden Fall hat diese eiskalt kalkulierende und dabei sehr warmherzige Detektivinnentruppe großen Spaß gemacht.


Manda Scott: Hen’s Teeth. The Women’s Press 1997. 298 Seiten. Erstausgabe 1996 im gleichen Verlag. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht und auch die Originalausgabe kriegt man im Moment nur antiquarisch.

Das Zitat stammt von S. 9

Mit diesem Roman war Manda Scott 1997 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

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