Vom Besitz und seinen Folgen – „The Empire of Things“ von Frank Trentmann

Wer hin und wieder einen Blick auf die Seitenleiste dieses Blogs wirft, wird festgestellt haben, dass unter „Was ich gerade lese“ seit drei Monaten unbeweglich ein Bild klebte. The Empire of Things ist ein Monumentalwerk über die Geschichte des Konsums, des materiellen Besitzes, seiner Entwicklung und seiner jetzigen Ausprägung. Trentmann hat sieben Jahre lang gearbeitet an dieser Abhandlung von der Ming-Dynastie bis heute. Rund 600 Jahre Konsumgeschichte deckt er damit ab. Ein sehr umfangreiches Quellenverzeichnis belegt, dass er sich gründlich mit dieser Thematik befasst hat. Die Entwicklung des privaten Besitzes legt er dar mit Inventarlisten aus Haushaltsauflösungen, mit Wirtschaftsstatistiken und den Ergebnissen soziologischer Studien. Dabei geht es im nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu kritisieren, dass ein Konsum heutiger Größenordnung auf Dauer nicht tragbar sein kann. Dabei könnte man das gerade hinter dem Titel der deutschen Übersetzung Die Herrschaft der Dinge vermuten. Detailliert legt Trentmann dar, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen das Konsumverhalten in aller Welt über die Jahrhunderte geformt und verändert haben.

Trentman_EmpireOfThings
Sechs der statistisch 10.000 Dinge ich besitze.

Dass Konsum nicht gleich Konsum ist, wird wenig überraschen. Interessant sind aber die Hintergründe, die Trentmann darlegt und erklärt. Auch mit einigen Mythen räumt er dabei auf. Viele Erklärungsmodelle stellt Trentmann als vereinfachend dar, liefert selbst aber nicht an allen Stellen eine befriedigendere Erklärung. Interessant sind seine Betrachtungen der Hintergründe von Konsum, die oft außer Acht gelassen werden. Zahlreiche Faktoren verändern Konsum, ohne dass das primäre Ziel gewesen wäre. Vor allem eine verbesserte Infrastruktur, die erstmal nur um ihrer Selbst willen existiert, kann mitunter enorme Auswirkungen haben. Trentmanns Fokus liegt vor allem auf den anglophonen Ländern sowie Deutschland, Frankreich, Skandinavien China und Japan. Andere Nationen werden weit weniger detailliert betrachtet, was aber mag der vorhandenen Datenlage geschuldet sein mag.

Spannend dargestellt ist auch die wechselnde Rolle der Konsumierenden. Von beinahe machtlosen Kund*innen, die mehr oder weniger regelmäßig von Kaufleuten über den Tisch gezogen wurden, wurden sie zu einer eigenen relevanten und starken Bevölkerungsgruppe. Am Ende sind natürlich alle Menschen Konsument*innen, diese Rolle wird aber sehr unterschiedlich stark ausgelebt. Mit dem erstarken von Verbraucherorganisationen gewannen sie eine ungeheure Macht, die heute durch die Möglichkeit direkter Beschwere über Bewertungsplattformen größer ist denn je. Gerade für Frauen ergab sich durch den Konsum eine frühe Machtposition. Zwar hatten sie kein Wahlrecht, waren aber oft für den Einkauf eines Haushalts verantwortlich. Schon sehr früh entstanden Initiativen, die sich für Zucker aus sklavenfreier Herstellung einforderten oder Standards formulierten, nach denen die Fabrikangestellten in England entlohnt und behandelt werden sollten. Was sich heute in Öko- und Fairtrade-Siegeln fortsetzt, war eine sehr frühe Möglichkeit, Druck auf Produzenten auszuüben.

If we want to be able to protect the future, we need to have a more rounded understanding of the process by which we reached the present.

Über die Jahrhunderte wandelte sich der Besitz von Dingen von einer reinen Notwendigkeit zu einer Möglichkeit der Selbstdarstellung und -findung. Über nach außen getragenen Besitz kann man viel demonstrieren: Reichtum, Gruppenzugehörigkeit, Geschmack. Deshalb wäre es auch sehr naiv anzunehmen, man könne die Menschen in absehbarer Zeit dazu bringen, sich von diesen Gewohnheiten zu trennen.

In einer historischen Betrachtung des Konsums sieht Trentmann eine Möglichkeit, diesen neu zu betrachten und daraus im besten Fall Rückschlüsse zu ziehen, wie Konsum künftig gestaltet und gesteuert werden kann, so dass nicht immer mehr und mehr Ressourcen verbraucht werden und noch mehr Abfall entsteht. Denn auch wenn „die Herrschaft der Dinge“ zu Gunsten von Dienstleistungs-Konsum sehr langsam abnimmt, ist damit noch lange keine Lösung gefunden.


Frank Trentmann: The Empire of Things. Penguin 2017. 862 Seiten. Erstausgabe Allen Lane 2016. Eine deutsche Übersetzung von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert ist unter dem Titel Die Herrschaft der Dinge bei DVA und Pantheon lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 18.

3 Gedanken zu “Vom Besitz und seinen Folgen – „The Empire of Things“ von Frank Trentmann

  1. gerlintpetrazamonesh 30. Juli 2019 / 5:16

    klingt nach einem interessanten Buch. Über einen Absatz hier bin ich freilich gestolpert, nämlich dass es erst im Lauf der Zeit zu einer Wandlung vom Konsum des Notwendigen zu einem Luxuskonsum gekommen sein soll. Geht das, falsch wie es ist, aus dem Buch hervor? Freilich, die allermeisten Menschen mussten sich mit dem Nötigsten und oft noch ein bißchen weniger als diesem begnügen. Aber dafür gab es seit undenklich langem schon die sogenannten Eliten, die in relativem Saus und Braus lebten und dies vor allem auch darstellen wollten. WEnn irgendwo irgendwelche alten Gräber ausgehoben werden suchen die Forscher doch sogleich nach den untrüglichen Kennzeichen sozialen Status‘. Schmuck und Waffen. Und noch dies und das. Dies gilt bis ins Mittelalter, dies gilt für die Antike, dies gilt bis in die steinerne Zeit hinein. Ja, ein ägyptischer Herrscher, ein indischer, ein Wikingerhäuptling betrachtete sogar seine Gefolgsleute, nicht zuletzt das Weibsvolk als geeignete Grabbeigaben, wo käme man im wie auch immer gearteten Jenseits ohne Dienstboten und Sex hin! Dem Schluß, dass der Luxuskonsum neuesten Datums sei muß also klar widersprochen werden, umgekehrt natürlich, und dies ist es ja vor allem was unseren Planeten beutelt, ist es so, dass der erreichte Luxus für die Masse, in dem wir leben ohne tägliche Not ums Brot, tatsächlich eine unglaublich revolutionäre Neuerung ist. Das ist ja ein großes Problem unserer Wohlhabenden und Reichen und Superreichen. Wie, verflixt noch mal, hebe ich mich denn (sichtbar) von Krethi und Plethi ab?

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    • Marion 30. Juli 2019 / 7:27

      Nein, das geht so nicht aus dem Buch hervor. Natürlich hat es immer schon einige gegeben, die sich Luxusgüter leisten konnten. Was aber kulturhistorisch relativ neu ist, ist dass sehr viele Menschen sich mehr Dinge leisten können als sie strenggenommen brauchen. Auch die Zugänglichkeit zu bestimmten Rohstoffen oder Materialien hat sich sehr stark verändert. Zudem hat sich auch die Menge immaterieller Konsumgüter enorm gewandelt, ebenso wie natürlich deren Konsum. Wer muss denn wirklich ins Restaurant oder Kino gehen?
      Luxuskonsum an sich ist also natürlich nichts Neues, allerdings ist der „Luxus“ für die sehr breite Masse neu, wobei sich auch die Definition von Luxus wieder und wieder neu definiert. Irgendwann mal galten als Luxus ja auch eigene Badezimmer, ein Fernseher, ein drittes Hemd, ein Telefonanschluss eine Waschmaschine… Zumindest in den Industrieländern würde wohl kaum noch jemand zustimmen, dass dieser Besitz unter Luxus fällt.

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  2. gerlintpetrazamonesh 30. Juli 2019 / 18:32

    sehr richtig. Wir hierzulande leben inzwischen in einer Gesellschaft, in der der gute alte Mundraubparagraph abgeschafft wurde (für die Jugend: es ging straffrei aus, wer aus reinem Hunger etwas für den Momentanbedarf zu essen klaute, etwa eine Semmel. Gilt nicht mehr, da offiziell niemand hierzulande Hunger leiden muß/kann/darf!), dagegen ist ein Fernseher nicht mal Kuckuckaffin, also pfändbar. Manchem Obdachlosen wird das wie Hohn vorkommen.

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