Sue Black: Alles, was bleibt

Sue Blacks Arbeit dürfte auf viele Menschen erstmal abschreckend und verstörend wirken: sie ist forensische Anthropologin. Wenn irgendwo eine nicht identifizierbare Leiche gefunden wird, ist es ihre Aufgabe, herauszufinden, wie dieser Mensch einmal hieß, wo er gelebt hat und ob es vielleicht noch eine Familie gibt, die in Ungewissheit lebt und der es helfen kann, die vermisste Person wenigstens ordentlich zu beerdigen.

20181017_182315-1.jpg

Black arbeitet dabei nicht nur in ihrer Heimat, dem schottischen Dundee, sondern gehört auch einem internationalen Team an, das gerufen wird, wenn es irgendwo auf der Welt eine Menge Leichen zu identifizieren gilt. So war sie beispielsweise nach dem Kosovokrieg damit betraut, Menschen zu identifizieren, die in Massengräbern verscharrt wurden. Als ein Tsunami die Asiens traf und mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen, tat ihr Team das möglichste, die Toten sicher zu identifizieren. Die Hinweise, welche die Toten dabei geben, sind sehr spannend und den meisten sicher unbekannt. Klar, Knochenlängen sagen etwas über die Größe des Menschen, Verknöcherungsgrade etwas über das Alter aus. Aber wer weiß denn schon, dass man irgendwo im Kopf eine winzige Höhle namens otische Kapsel hat, die sich beim ungeborenen Kind entwickelt, sich danach nie wieder verändert und für immer Rückschlüsse darauf zulässt, welcher Umgebung die schwangere Mutter zum Zeitpunkt des fraglichen Entwicklungsstadiums ausgesetzt war?

Weiterlesen

Jürgen Goldstein: Blau – Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Als ein Flaneur will Jürgen Goldstein sich in seinem Buch dem Blau nähern und „eine Wunderkammer seiner Bedeutungen“ öffnen. Eine Wunderkammer, so führt er aus, war eine Sammlung von Fundstücken, die der Besitzer für schön, bemerkenswert oder bewahrenswert hielt. Im Gegensatz zum Museum stand dahinter nicht der Anspruch einer geordneten, katalogisierten Sammlung, die den Besucher systematisch informiert und bildet. So ist auch Goldsteins Herangehensweise. Er betrachtet verschiedene Blaus in Kunst und Kultur, ohne dabei aber den Anspruch zu haben, eine vollständige Kulturgeschichte zu verfassen. Die Auswahl seiner Fundstücke ist zudem gänzlich subjektiv und unterliegt keinen definierten Kriterien.

Goldstein_Blau

Goldstein schreibt über Blue Notes ebenso wie Yves Kleins patentiertes Blau und die Entwicklung der Blue Jeans. Er berichtet von der Restaurierung von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ und der Blauen Blume und natürlich darf auch Goethes Farblehre nicht fehlen. Auch der religiöse Aspekt der Farbe wird behandelt, sowohl im Christentum als auch in anderen Weltreligionen. Goldsteins Auswahl ist angenehm offen und vielfältig, dafür müssen aber auch wichtige Blaus außen vor bleiben, wie der Autor selbst auch anmerkt. Das Buch ist sehr informativ und kurzweilig geschrieben und man entdeckt, wie es in einer Wunderkammer ja auch sein soll, einige überraschende Fundstücke, die man sonst vermutlich übersehen hätte. An einigen Stellen allerdings erschien mir der Bezug zum Blau ein wenig sehr weit hergeholt.

Weiterlesen

Bernhard Kegel: Ausgestorben um zu bleiben. Dinosaurier und ihre Nachfahren.

Es ist fast zehn Jahre her, da habe ich für ein paar Wochen bei einer Familie mit einem sechsjährigen Sohn gewohnt, der Dinos mochte. Ich sagte, dass ich auch Dinos mag und hatte verloren. Als Zeichen seiner besonderen Wertschätzung für unser gemeinsames Interesse gab es ab da jeden Abend Dino-Quiz und zwar die verschärfte Variante, der Sechsjährige war nämlich Asperger-Autist und mit „ungefähr“ nicht zufrieden.

Der erste Stegosaurus lebte vor etwa

a) 157 Millionen Jahren
b) 167 Millionen Jahren
c) 177 Millionen Jahren

Na? Wer hätte es gewusst?*

Einem Sechsjährigen eine Antwort schuldig zu bleiben ist schwer genug, einem sechsjährigen Asperger-Autisten eine Antwort schuldig zu bleiben ist schlicht unmöglich und die einzig richtige Antwort die ich hatte war „Ich habe keine scheiß Ahnung. Null. Ich mag Dinos, ich weiß aber nichts über sie. Außer, dass sie irgendwie groß sind. Und wenn ich noch einen Abend dieses dämliche Quiz machen muss – obwohl ich es schätze, dass du dir die Fragen offenbar selbst ausdenkst – schieße ich mir in den Kopf.“ Das konnte ich nicht sagen weil es unhöflich gewesen wäre und es hätte mir auch nichts gebracht, weil der Sechsjährige nur Niederländisch sprach und so konnte ich nur sagen „Ik weet het niet. Sorry.“ und mir vornehmen, ein Buch zum Thema zu lesen.

Weiterlesen

Einige Bemerkungen über Brot und Sauerteig sowie zwei Bücher darüber

Seit ziemlich exakt zwei Jahren wohnt in meiner Küche ein Sauerteig. Er heißt Ryen und ist mir ein völliges Rätsel. Ich gebe ihm Mehl und Wasser und er macht daraus, was immer ihm in den Sinn kommt. Manchmal ist er riesig und kriecht über den Rand seines Glases, manchmal ist er pelzig, manchmal riecht er nach alten Äpfeln und manchmal wie etwas, worüber man dringend mit einem Gynäkologen sprechen sollte. Wovon das abhängt – ich weiß es nicht. Ich schätze von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber die nehme ich offenbar anders wahr als Ryen. Aber egal, wie fies er gerade aussieht, er ist mir immer und zuverlässig eine große Hilfe beim Brotbacken. Auch das habe ich mit Ryens Entstehung vor zwei Jahren fast komplett selbst in die Hand genommen. Ich glaube, meine Brote sind nicht mal so besonders gut, aber wenn ich manchmal doch ein Brot kaufen muss, weil ich schlecht geplant habe, erinnert es mich immer wieder daran, wie gut es im Vergleich dann doch oft ist. (Sicher ist mein Brot schlechter als das eines Bäckers, der das seit Jahren macht und jeden Morgen im Steinofen frische Brote und so weiter – aber find das mal! Und bezahl das mal auf regelmäßiger Basis)

Es gibt ein Alltags-Standard-Brot, das ich sehr oft mache und das relativ viel zugesetzte Hefe enthält. Das macht es schnell und sicher. Manchmal, wenn ich die Zeit habe, Vorteige anzusetzen und abschätzen kann, ob ich in 14+3+2 Stunden Zeit haben werde, ein Brot zu backen, backe ich kompliziertere, die ohne zugesetzte Hefe auskommen und nur mit dem arbeiten, was ohnehin im Sauerteig-Ansatz ist. Ab da wird es dann spannend. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung, wie viel Hefe Ryen gerade hat (es sieht nach viel aus, aber das kann täuschen) und deshalb auch keine Ahnung, wie das Brot werden wird. Wie aus diesem traurigen, grauen Brei aus Mehl und Wasser und Salz und sonst nichts ein unfassbar leckeres 1,5 kg-Brot wird, das mich zuverlässig eine ganze Woche ernähren kann, erstaunt mich immer wieder. Außerdem ist es eine nette Übung in „wird schon werden“. Ich kann da nichts machen. Hefe mag es warm, ich kann den Teig also wärmer lagern, wenn ich finde, dass er zu langsam geht, aber sonst… Das wird ein nicht so tolles oder ein fantastisches Brot und mein Einfluss darauf ist begrenzt, das werde ich akzeptieren müssen. Diese Laissez-faire-Haltung vertreten bei weitem nicht alle Hobby-BäckerInnen und in vielen Foren liest man von Leuten, die extra Wärmeschränke haben, in denen sie den Sauerteig bei x Grad fallend auf y Grad mit Mengenangaben, die meine Waage noch gar nicht erfasst… Mal im Ernst, wer hat denn Zeit für sowas?

Weiterlesen

Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben

Mit der Aussage, dass Hartz IV nicht Armut bedeute, hat Jens Spahn sich vor einigen Wochen in die Herzen der Republik katapultiert und eine Diskussion darüber ausgelöst, was Armut in Deutschland eigentlich bedeutet. Dieser Frage widmet sich Kathrin Hartmann auch in ihrem Buch mit dem Untertitel „die neue Armut in der Konsumgesellschaft“. Armut hat in Deutschland ist im internationalen Vergleich noch relativ harmlos. Auch wer nur sehr wenig Geld hat, hat Zugang zu einer medizinischen Versorgung und Bildungseinrichtungen, die im internationalen Vergleich gut dastehen. Und unter der absoluten Armutsgrenze von derzeit 1,25 $ liegt in Deutschland wohl kaum jemand, auch nicht Ulf, der an meiner Bushaltestelle wohnt.

Armut ist allerdings bei sehr vielen Menschen auch mit großer Scham verbunden. Es ist peinlich, sich bei der Tafel anstellen zu müssen, weil das Geld für Lebensmitteleinkäufe mal wieder nicht reicht. Kein Geld zu haben für neue Kleidung, einen Kinobesuch oder um mit Freunden essen zu gehen, bedeutet von vielen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen zu sein. Nichts davon braucht man zum Überleben, aber man braucht es eben als Teil eines „normalen Lebens“, als Teil einer gesellschaftlichen Teilhabe. Zudem kritisiert Hartmann Projekte, bei denen es nur vordergründig um eine Annäherung zwischen Armen und Wohlhabenden geht, wie das ihrer Erfahrung nach beispielsweise bei der Tafel ist. Hier finden die gesellschaftlichen Schichten nicht zueinander, es ist ein Austeilen von Almosen durch Reiche an Arme, von denen erwartet wird, dass sie dankbar annehmen, was ihnen angeboten wird.

Weiterlesen

Sarah Bakewell: At the Existentialist Café

Existentialisten sind blasse, magere Gestalten, die den Tag in Cafés verbringen und kettenrauchend über das Dasein philosophieren. So zumindest die popkulturelle Darstellung. Tatsächlich haben viele der heute bekannten PhilosophInnen, die im Allgemeinen dieser Strömung zugerechnet werden, größere Teile ihrer Zeit in Cafés verbracht, darunter auch Sartre, Beauvoir und der weit weniger bekannte Raymond Aron, die Bakewell zusammen an einen Tisch setzt und Aprikosencocktails trinken lässt. Das dürfte in dieser Konstellation auch wirklich häufiger passiert sein, auch noch bevor der Begriff des Existentialismus geprägt wurde und alle noch von der Phänomenologie sprachen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland für akademisches Aufsehen sorgte.

Bakewell_Cafe

Weiterlesen

Jhumpa Lahiri: Mit anderen Worten

Mit dem Untertitel Wie ich mich ins Italienische verliebte erzählt Jhumpa Lahiri in diesem Buch von ihrer Leidenschaft für und ihrem Weg zum Italienischen. Die Begeisterung für diese Sprache entdeckt sie schon früh bei einer Studienreise nach Florenz. In ihrem Leben hat sie keinerlei Verwendung fürs Italienische, dennoch beginnt sie es zu lernen, zunächst mit einem Selbstlernkurs und mäßigem Erfolg. Viele Jahre später unternimmt sie einen weit radikaleren Schritt und zieht mit ihrer Familie für drei Jahre nach Rom. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits eine gefeierte Schriftstellerin und hat mit The Lowland einen riesigen Erfolg gefeiert. Sie zieht in die Via Giulia, die in der römischen Altstadt liegt (falls das jemand wissen möchte: sie beginnt knapp südlich der Ponte Vittorio Emanuele II und verläuft dann, sich dem Tiber stetig annähernd, bis zur Ponte Sisto) und stürzt sich kopfüber in das Sprachabenteuer.

Lahiri_MitAnderenWorten

Weiterlesen

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht.

Als Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht schrieb und veröffentlichte, war die öffentliche Debatte noch nicht bei der „Zweiten Welle“ angekommen. Entsprechend aufsehenerregend waren ihre Thesen. Den Frauen, so Beauvoir läge kein „Frausein“ inne, es seien nicht Gene oder Hormone, welche die Frau zu dem machten, was sie in der Gesellschaft sei, sondern gesellschaftliche und hierarchische Strukturen. Die Frau würde bewusst als „das Andere“ definiert und konstruiert, als Objekt, das in der subjektiven Welt der Männer seinen Platz nur über letztere definieren kann.

Beauvoir_Das_Andere_Geschlecht

Weiterlesen

Kate Young: The Little Library Cookbook

Wir alle wissen, dass Essen aus Büchern meine erklärte Lieblings-Kategorie ist. Einige wissen auch, dass ich die Idee nur geklaut habe und zwar von der großartigen Kate Young. Kate Young ist eine Australierin, die seit fast einem Jahrzehnt in London lebt und unter anderem für den Guardian schreibt. Dort bin ich vor einigen Jahren auf ihre Kolumne „The Little Library Café“ gestoßen. Etwa alle vierzehn Tage erscheinen in dieser Reihe Rezepte aus und zu Romanen. Unter gleichem Namen betreibt Young einen Blog mit umwerfenden Fotos. Und nun ist endlich auch das Kochbuch zu dieser ganzen großartigen Geschichte erschienen.

KateYoung_LibraryCookbook

Auf 300 Seiten stellt Kate Young hundert Rezepte aus verschiedensten Romanen vor. Der Schwerpunkt liegt, wenig verwunderlich, sehr deutlich auf der angelsächsischen bzw. anglophonen Literatur. Die Ausnahmen kann man beinahe an einer Hand abzählen. Unterteilt sind die Rezepte nicht nach literarischen Gesichtspunkten (wie bei Yummy Books) sondern praxisbezogen nach den Tageszeiten before, around und after noon, dinner table, midnight feasts und celebrations, wobei bei letzteren Weihnachten nochmal ein ganz eigenes Kapitel bekommt. Wie auch in ihrem Blog sind die Bilder in diesem Buch wirklich toll, wenn auch nicht jedes Rezept eines bekommen hat. Sehr nützlich sind die Step-by-Step-Fotoanleitungen, welche die komplizierteren Rezepte bebildern.

Weiterlesen

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Im Alter von vier Jahren zieht Xifan Yang mit ihrer Mutter nach Deutschland. Sie folgen dem Vater, der schon einige Jahre zuvor für ein Studium ausgewandert ist. Für die chinesische Familie ist Europa ein Wunderland ungeahnter Möglichkeiten und Freiheiten. Die Eltern arbeiten hart, um ihrer Tochter eine leichtere Zukunft zu ermöglichen. Xifan lebt sich in Deutschland schnell ein und lernt die Sprache mühelos. China gilt da noch als rückständiges Land der Hundeesser und oft schämt sie sich für ihre Herkunft. Der von der Mutter aufgezwungene Chinesischunterricht ist eine lästige Pflichtübung, die Xifan ohne jede Begeisterung erledigt.

AlsDieKarpfenFliegenLernten.jpg

Weiterlesen