Mobilität neu denken – „Autokorrektur“ von Katja Diehl

Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind – zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man einen Blick auf Deutschlands Straßen wirft. Autos, wo das Auge hinfällt. Die werden nicht nur immer mehr, sondern auch immer größer und fordern damit immer mehr Raum. Längst ist es normal, dass private PKW im öffentlichen Straßenraum abgestellt werden, auch da wo es zu Lasten derer geht, die nicht im Auto unterwegs sind. Auf vielen Gehwegen ist gar kein Durchkommen mehr, schon gar nicht für Menschen, die mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl unterwegs sind. Keinem anderen Privatgut wird so dauerhaft so viel öffentlicher Raum zugestanden.

Muss das so sein? Warum schwärmen wir nach dem Urlaub von den verkehrsberuhigten Innenstädten Südeuropas, wo man so wunderbar in der Sonne einen Kaffee trinken kann, akzeptieren aber die übrigen 50 Wochen lang, dass vor unserer Tür nur Blech steht? Denn tatsächlich werden Autos kaum gefahren und stehen den ganzen Rest des Tages irgendwo rum. Geht das nicht anders?

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Der westliche Nabel der Welt – „Weltliteratur“ von Gerrit Wustmann

Was macht Weltliteratur eigentlich aus? Wer bestimmt, welche Literatur von Weltrang ist und welche übersehen wird? Diesen Fragen widmet sich der Orientalist Gerrit Wustmann in Weltliteratur und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Wer „Weltliteratur“ sagt, meint fast immer „Westliteratur“.

Auf den Bestsellerlisten und auch auf den Empfehlungslisten, die von Gremien oder Einzelpersonen immer wieder stolz präsentiert werden, sieht man vor allem Literatur aus Europa und Nordamerika. Nur selten findet sich dort ein Werk aus der Türkei oder einem arabischen Land und auch große Teile des afrikanischen Kontinents sind literarische terra incognita. Kulturell nimmt der Westen diese Länder nicht ernst, so der Vorwurf Wustmanns. Dabei hat man es eigentlich so leicht wie nie. Nie zuvor war die Kommunikation über Grenzen hinweg so einfach, nie der Zugang zu anderen Kulturen und ihren Literaturen so leicht. Goethe, der den Begriff der Weltliteratur geprägt hat, konnte davon nur träumen. Doch die meisten Verlage scheuen das Risiko, teure Übersetzungen aus selten angefragten Sprachen zu beauftragen und dann möglicherweise palettenweise Unverkäufliches in den Schredder zu werfen. Da setzt man lieber auf eine sichere Bank: rund 80 – 90% der Übersetzungen auf dem deutschen Buchmarkt stammen aus europäischen Sprachen, 60% allein aus dem Englischen.

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Naturschutz im Kleinen: „Wildbienenhelfer“ von Anja Eder

„Jeder kann zum Wildbienen-Helfer werden und damit zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen“, so lautet das Versprechen auf dem Cover dieses Buches, das Bestimmungshilfe, Gartenratgeber und Bildband in einem ist. Die Grafik-Designerin Anja Eder hat aus ihrer Liebe zu den Hautflüglern ein ehrgeiziges Projekt gemacht. Mit Beobachtungen im eigenen Garten fing die Leidenschaft für Wildbienen an. Im Vorwort erzählt die Autorin, wie sie selbst zuerst zu Hause feststellte, dass mit den Insekten etwas nicht stimmte. Besonders schockierte sie, wie Bienen auf eine neu gesetzte Pflanze reagierten, die aus dem Großmarkt kam und offenbar mit aggressiven Schutzmitteln behandelt worden war. Sie beschloss, etwas zu ändern, und auch andere zu ermutigen, es ihr gleichzutun.

Die Ursachen für das allgemein bekannte Insektensterben liegen oft in der Landwirtschaft. Durch Pestizideinsatz, Monokulturen und fehlende Randstrukturen wie Blühstreifen fehlt es Insekten an Nahrungs- und Lebensräumen. Doch auch in privaten Gärten, die ja zusammengenommen eine gewaltige Fläche ausmachen, steckt oft viel ungenutztes Potenzial. Nicht nur die vielgeschmähten Schottergärten sind Nahrungswüsten für Insekten, sondern auch Gärten mit ungeeigneten Pflanzen und ohne Nistmöglichkeiten geben den Tieren keine Chance. Exotische Pflanzen oder Züchtungen mit gefüllten Blüten können von den Insekten nicht genutzt werden.

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Zwischen Quantität und Qualität: „Bestseller“ von Jörg Magenau

In Bestseller geht der Germanist und Redakteur Jörg Magenau einem wohlbekannten Phänomen nach und versucht zu ergründen, warum Bestseller zu Bestsellern werden. Dabei ist er nicht auf der Suche nach einer Geheimformel, nach der Bestseller konstruiert und vorhergesehen werden können. Vielmehr betrachtet er die Bücher, die seit Gründung der Bundesrepublik im Fokus des öffentlichen Interesses standen und versucht, diese in ihre zeitgeschichtlichen Kontexte einzuordnen.

„Wer Bestseller kauft, kauft damit nicht einfach bloß ein Buch, sondern auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und das Gefühl, ganz dicht am Puls der Zeit zu sein.“

Dabei geht er nicht streng chronologisch, sondern nach Themen sortiert vor. Er betrachtet den Boom von Ratgebern der Kategorie Sorge dich nicht, lebe!, die Erfolgswelle von Naturbüchern, die mit Peter Wohlleben ihren Anfang fand, und den großen Erfolg von Fantasyromanen wie Die unendliche Geschichte in den 80er-Jahren. Viele Bücher brauchten dabei durchaus einigen Anlauf und brachten es erst Jahre nach Erscheinen zum Verkaufsschlager. Aber wer einmal auf der Liste steht, bleibt meistens auch lange drauf – die Platzierung gilt vielen eben nicht nur als Aussage über Verkaufszahlen, sondern auch als Empfehlung. Bei einigen Titeln, besonders prominent bei Finis Germania, führte das auch zu größerem Unmut und Diskussionen.

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Vom Kaiser bis zum Fußvolk – „SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms“ von Mary Beard

Mit ihrer umfassenden Geschichte der tausend Jahre Roms beginnt Mary Beard im 8. Jahrhundert v. Chr. mit der sagenumwobenen Gründung der Stadt durch die Brüder Romulus und Remus. Sie endet im Jahre 212 mit einem Erlass Kaiser Caracallas, der allen Einwohner*innen des bis dahin beachtlich gewachsenen Imperiums Bürgerrechte verlieh.

Mary Beard - SPQR

Beard berichtet von Kaisern, ihren Familien, öffentlichen und persönlichen Dramen, Kriegen und Triumphzügen, aber auch vom Alltagsleben in der römischen Hauptstadt und in den fernen Provinzen. Letzteres ist ein ungleich schwereres Unterfangen, da über das Leben der einfachen Bürger*innen kaum berichtet wurde. Dennoch lassen sich etliche Rückschlüsse darauf ziehen, besonders durch archäologische Funde fernab der marmornen Pracht der Regierungs- und Repräsentationsbauten der Herrschenden. Beard bezieht dabei viele Quellen mit ein und weist auch oft daraufhin, dass viele Funde und Legenden unterschiedlich gedeutet werden können und es auf viele Fragen noch lange keine eindeutige Antwort gibt. Das liegt auch mit daran, dass die meisten Geschichtsschreiber der Epoche durchaus ihre eigenen Interessen hatten, als sie ihre Berichte verfassten und vieles entsprechend eingefärbt ist.

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Bratkartoffeln und der Rhein – „Streifzüge durch Deutschland“ von Mary Wollestonecraft Shelley

Das erste Mal bereiste Mary Shelley Deutschland, als sie mit ihrem zukünftigen Mann Percey Shelley in Richtung Schweiz durchbrannte. Das war im Sommer 1814. Die Fahrt entlang des Rheins findet später ihren Niederschlag in der Reise, die Victor Frankenstein in umgekehrter Richtung von der Schweiz nach England unternimmt. Selbst sein Name stammt von einer Burg, die Shelley auf ihrer Reise besichtigte. Der Reisebericht dieser ersten Reise fällt allerdings ausgesprochen knapp aus. Das änderte sich, als sie Deutschland anlässlich zweier Italienreisen in den Jahren 1840 und 1842 erneut besuchte. Das eine Mal war das eigentliche Ziel der Comer See, das zweite Mal sollte es in die Toskana gehen.

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Als ein Virus die Welt aus den Angeln hob – „1918 – Die Welt im Fieber“ von Laura Spinney

Als sich im Februar langsam abzeichnete, dass COVID-19 zu einer weltweiten Pandemie werden würde, äußerte Bill Gates, dass dieser Virus das Potenzial habe zu einem Erreger zu werden, wie er nur einmal im Jahrhundert vorkommt, ein „once-in-a-century pathogen“. Tatsächlich kommt COVID-19 fast pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum der Spanischen Grippe, einem H1N1-Erreger, der in den Jahren 1918 – 1920 in drei Wellen wütete und mehr Opfer forderte als der gerade erst beendete Erste Weltkrieg. Nach aktueller Datenlage geht man davon aus, dass bis zu 50.000.000 Menschen Opfer der Grippeerkrankung wurden.

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Brutalos am Futterhaus – Andreas Tjernshaugens „Das verborgene Leben der Meisen“

Ich weiß überhaupt nicht, wie oft ich in den letzen Monaten über Sinn und Unsinn des Vogelfütterns diskutiert habe. Quintessenz ist meistens: nützt nichts, schadet aber auch nichts. Grund genug, eine Batterie Vogelfutter auf dem Balkon aufzufahren. Die ersten beiden Winter war die Futterstelle klar in Amsel-Hand. Strenggenommen war sie zumindest einen Winter lang in der Hand eines Amsel-Männchens, das den ganzen Tag seinen Futtervorrat verteidigte aber wenig fraß. Er wird, wie auch beinahe alle seine Bremer Artgenossen, der letztjährigen Usutu-Virus-Epidemie zum Opfer gefallen sein. Von jetzt auf gleich war mein Balkon amselfrei. Glück für die Meisen, die langsam und dann ziemlich aggressiv in diese Lücke drängten. Mittlerweile gehört der Balkon nebst allem darauf etwa zehn Kohl- und Blaumeisen, die in wenig friedvoller Ko-Existenz kiloweise Mehlwürmer fressen. Ich bin nicht sicher, ob sie nicht auch die Zebraspringspinnen-Kolonie auf dem Gewissen haben, die sich über Jahre erfolgreich auf dem Balkon breitgemacht hatte. Auf jeden Fall ist sie weg. Ich würde es ihnen nicht verdenken.

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Auch der Autor Andreas Tjernshaugen hat in seinem Garten nahe Oslo über lange Zeit Meisen und ihr Verhalten beobachtet. Das allerdings weitaus systematischer als ich. Die kleinen Vögel faszinierten ihn so sehr, dass er beschloss, mehr über sie zu lernen. Er besuchte Forscher in England und Norwegen, installierte ein Vogelhaus mit einer Kamera darin und stellte sich den Wecker auf halb fünf morgens, um das Balzverhalten seiner Gartenbewohner beobachten zu können.

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Die besseren Zeiten fest im Blick – Ulrich Schnabels „Zuversicht“

In schwierigen Situationen kann die Zuversicht einem dabei helfen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Im Gegensatz zum optimistischen Denken verlangt diese Einstellung einem nicht ab, immer und überall auch die guten Seiten zu sehen, sondern schwierige Situationen als solche zu akzeptieren, aber nicht die Flinte ins Korn zu werfen. Und die Idee ist ja auch gut: Statt ewig zu lamentieren, dass früher alles besser war und einem dauernd alles genommen wird, könnte man ja auch mal davon ausgehen, dass Veränderungen nicht das Ende sind und im Gegenteil sogar eine Chance bieten können.

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In seinem Buch über Zuversicht untersucht Schnabel diese innere Einstellung und illustriert anhand mehr oder weniger prominenter Beispiele, wie weit sie einen tragen kann. Diese Beispiele sind meistens ziemlich extrem: Stephen Hawking, bei dem schon sehr früh eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde oder Juliane Koepcke, die mit siebzehn Jahren als einzige Person einen Flugzeugabsturz überlebte und sich nach tagelangem Marsch durch den Dschungel retten konnte. Es sind verschiedene Biographien, die Schnabel als inspirierende Beispiele nutzt, ihnen gemein ist aber, dass die Ausgangslage wirklich sehr düster und das durch Zuversicht Erreichte sehr groß ist. Dass die Zuversicht auch kleine Sachen kann, geht da fast unter. Schnabel zitiert aus einigen Studien, die untersuchen, inwieweit Zuversicht beispielsweise Heilungsprozesse positiv beeinflussen kann. Menschen, die für die Zeit nach einer schweren OP große Pläne haben, haben offenbar wirklich bessere Chancen auf Heilung als Menschen, die sich kaum etwas von dem Eingriff erhoffen.

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Der Traum vom Platz an der Sonne – „Wir Herrenmenschen“ von Bartholomäus Grill

Deutschlands koloniale Vergangenheit spielt heute für viele kaum noch eine Rolle. Kolonialismus verbindet man mit Indien und England, vielleicht noch den Franzosen und schickem Kolonial-Stil. Wie wenig stilvoll deutscher Kolonialismus war, legt Bartholomäus Grill in seinem Buch Wir Herrenmenschen dar. Sechs koloniale „Schutzgebiete“ konnte der Kaiser einst sein Eigen nennen, mit dem Frieden von Versaille war damit Schluss. Die größten und wichtigsten Gebiete lagen auf dem afrikanischen Kontinent: Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika, dessen Unabhängigkeit nicht zuletzt Heino schlecht verkraftet hat. Das chinesische Kiautschou und Kaiser-Wilhelmsland im heutigen Papua-Neuguinea konnten mit diesen exportstarken Schwergewichten nie mithalten. Zum Glück für die dortige Bevölkerung.

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In den afrikanischen Kolonien setzten die neuen Herren den unterworfenen Einwohner*innen grausam zu. Ihrem Image in der deutschen Heimat schadete das kaum. Bis heute werden die kolonialen Spuren in Deutschland von vielen kaum hinterfragt. In Bremen beispielsweise, sowieso als Hansestadt eine ehemals große Kolonial-Freundin, erinnern bis heute viele Straßennamen an Menschen, die Karriere machten, indem sie rücksichtslose Geschäfte betrieben und Leute umbrachten. Carl Peters, stationiert in Deutsch-Ostafrika, und dort ob seines harten Durchgreifens als Hänge-Peters bekannt, hat noch immer seine Straße im Stadtteil Walle. Sie schreibt sich jetzt Karl Peters und ist, nachdem eine Umbenennung scheiterte, in einem Akt der Verzweiflung nun einem gleichnamigen Strafrechtsreformer gewidmet, den keine Sau kennt. Nachtigal, Vogelsang und natürlich Lüderitz bleiben sowieso unbehelligt. Und wer am Bremer Hauptbahnhof mal 15 Minuten Umsteigezeit hat, kann in die Bahnhofsvorhalle gehen. Dort gibt es einen Rossmann mit sehenswertem Publikum und ein riesiges Wandbild, das darstellt, wie super einfach es ist, Kunstschätze und anderes aus den Kolonien zu exportieren. Wer noch mehr Umsteigezeit hat, kann den Bahnhof verlassen und ist drei Minuten später im Überseemuseum, das besagte Kunstschätze gesammelt hat, sich mittlerweile aber immerhin um Provinienzforschung kümmert und auch das ein oder andere definitiv geraubte Objekt bereits zurückgegeben hat.

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