Das lange Warten auf den Henker – „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent

1829 wird in Island die Magd Agnes Magnúsdóttir zum Tode verurteilt. Zusammen mit einer weiteren Hausangestellten und einem Nachbarn soll sie ihren Dienstherren Natan Ketilsson sowie einen Gast im Schlaf ermordet haben. Anschließend sollen sie gemeinschaftlich das Haus angezündet haben, um die Tat zu vertuschen. Als Motiv wird Habgier und Eifersucht angenommen. Statt sie zur Hinrichtung nach Reykjavik zu transportieren, soll das Urteil in dem Tal Islands vollstreckt werden, in dem Agnes fast ihr ganzes Leben verbracht hat. Da es dort keine Gefängnisse oder ähnliches gibt, wird sie bei einer Torfbauern-Familie untergebracht, die davon alles andere als begeistert ist und fürchtet, als nächstes von der kaltblütigen Mörderin gemeuchelt zu werden.

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Bis zu ihrer Hinrichtung hat Agnes das Recht auf einen geistigen Beistand. Dieses Amt wird vom jungen Pfarrer Tóti übernommen. Statt ihr jedoch, wie es eigentlich seine Pflicht wäre, lehrreiche Predigten zu halten, hört er sich ihre Version der Geschichte an. Und zwar von Anfang an. Die Familie, bei der Agnes lebt, hört notgedrungen alles mit an, denn das Haus besteht neben der Küche nur aus einem einzigen Raum und die Zeit, in der man sich gemütlich draußen aufhalten kann, ist kurz im Norden Islands. Langsam entsteht das Bild einer Frau, die von Anfang an Pech hatte in ihrem Leben und lange versucht hat, das beste aus ihren sehr bescheidenen Möglichkeiten zu machen. Gegen ihren Willen fangen die meisten Familienmitglieder an, Sympathie oder wenigstens Mitleid mit der Frau zu empfinden, die auf ihrem Hof auf den Tod wartet. Und Mörderin hin oder her – eine fähige Magd ist sie und zwei weitere Hände machen die Heuernte wenigstens ein bisschen einfacher.

„Vergessen Sie Agnes‘ Worte. Was sie zu sagen hat, ist ohne Bedeutung, es sei denn, es handelt sich um eine Beichte.“

Hannah Kent schafft eine düstere, bedrückende Atmosphäre, die zum grausamen Thema des Romans sehr gut passt. Die Wohnverhältnisse von Agnes „Gastfamilie“ sind äußerst beengt. Die Familie muss sich mit Knechten, Mägden und Besuchern ein einziges Zimmer teilen, die Küche ist ständig verqualmt vom offenen Feuer, nach Regengüssen fällt der Torf von der Decke und vor der Kälte draußen schützen nur Schafsblasen, die vor die Fensteröffnungen gespannt werden. Ein zu nasser Sommer, ein zu harter Winter kann die Existenzgrundlage der gesamten Familie zerstören. In diesen Verhältnissen auf die Vollstreckung eines Todesurteils zu warten, ist nun wirklich nicht erbaulich. Doch für Agnes, die immer nur als unbezahlte Magd irgendwo durchgefüttert wurde, ist dieses Leben so normal, dass sie manchmal vergisst, warum sie eigentlich auf dem Hof ist.

Vom Aufbau der Erzählung hat der Roman mich aus offensichtlichen Gründen an Atwoods Alias Grace erinnert. Auch die wechselnde Erzählperspektive ist in diesem Roman zu finden. Der Stoff ist aber insgesamt noch düsterer als die Geschichte von Grace Marks, was sicher auch an der Umgebung liegt, in der Das Seelenhaus angesiedelt ist. Gemeinsam ist den beiden Roman allerdings auch, dass man früh anfängt zu ahnen, dass die Frage nach der Schuld nicht so leicht zu beantworten sein wird und dass das Urteil wahrscheinlich nicht so gerecht ist, wie der Landrat es findet. Anders als in vielen Island-Romanen stürzt Kent sich nicht auf die landschaftliche Schönheit der Insel, sondern schildert das Leben der damaligen Landbevölkerung als einen schonungslosen Kampf, der mit viel Pragmatismus und ein bisschen Aberglauben ausgefochten wird. Die letzen Monate von Agnes Magnúsdóttir werden einfühlsam erzählt, die Geschichte wird dabei aber nie zu emotional oder kitschig. Selbst für mich als aktive Historien-Ablehnerin war Das Seelenhaus ein sehr interessanter und lesbarer Roman, der die Frage von Schuld und Gerechtigkeit anhand eines einzelnen Schicksals beleuchtet.


Hannah Kent: Das Seelenhaus. Aus dem Englischen übersetzt von Leonie von Reppert-Bismarck und Thomas Rütten. Droemer 2015. 377 Seiten. Originalausgabe 2013 unter dem Titel Burial Rites 2013 bei Picador Pan Macmillan.

Das Zitat stammt von S. 198.

2014 war Hannah Kent mit diesem Roman auf der Shortlist für den Bailey’s Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt „Women’s Prize for Fiction„.

8 Gedanken zu “Das lange Warten auf den Henker – „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent

  1. Christoph 2. April 2019 / 13:58

    Das hört sich nicht gerade nach einer Lektüre für einen sonnigen Sommertag am Meer an.

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  2. dj7o9 2. April 2019 / 16:59

    Was für ein hübscher Begriff „Historienablehnerin“ – den leih ich mir gelegentlich mal aus 🙂 Das Buch klingt als wäre es was für mich. Liebe Grüße, Sabine

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  3. Franziska 4. April 2019 / 10:09

    Nach den ersten Sätzen dachte ich „Alias Grace“ – und dann sagst du es. Ich muss es also lesen!

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