Essen aus Büchern: Huhn nach Jägerart aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

„Ach Herr Roquentin: ich stürze mich ins Wasser. Würden Sie mir die Ehre erweisen, am Mittwoch mit mir zu essen?“ Wer könnte eine solche Einladung ausschlagen? Roquentin, Hauptfigur in Sartres Der Ekel kann es nicht. Obwohl er, wie er nur wenige Zeilen später sagt, größere Lust hätte, sich aufzuhängen. Die Einladung spricht der Autodidakt aus, den Roquentin beinahe täglich in der Bibliothek trifft, wo er sich von A-Z durch die Regale liest.

Am Mittwoch sitzen die beiden dann beim Essen in einem einfachen Lokal, für dessen Mittagstisch der Autodidakt Coupons erworben hat, die eine Auswahl aus einer begrenzten Auswahl von Speisen erlauben. Roquentin wählt Wurst als Vorspeise, bekommt sie aber nicht, der Autodidakt besteht darauf, ihm Austern zu bestellen, die einen ordentlichen Aufpreis kosten. Roquentin hätte lieber Radieschen gegessen. Für den Hauptgang liebäugelt er mit einem Braten

„Aber ich weiß im voraus, daß ich Huhn nach Jägerart bekommen werde, das ist das einzige Fleischgericht, das extra berechnet wird.“

Und so kommt es natürlich auch.  Das Mittagessen gerät endgültig zum Desaster, als der Autodidakt bekennt, glühender Humanist zu sein und nervös Roquentin einige seiner selbst verfassten Zeilen vorträgt, um seine Meinung dazu zu hören. Vom Huhn wird kaum etwas gegessen. Roquentin aber erkennt das erste mal den Ekel, der seinem Sein zugrunde liegt und formuliert das erste mal die Sinnlosigkeit des Existierens aus. Für den Existenzialismus also ein gelungenes Treffen.

Bemerkenswert ist an dieser Szene zudem, wie der Autodidakt Roquentin eine weiblich konnotierte Rolle zuweist. Zum einen schon, weil er bezahlt, dann aber auch ganz deutlich, indem er die Bestellung übernimmt, bis hin zur Getränkeauswahl für beide, und dann Roquentin auch noch die ‚männlichen‘ Gerichte aus rotem Fleisch verweigert und, gegen seinen ausdrücklichen Willen, ‚weibliche‘ Gerichte in Form von Austern und Hühnchen bestellt. Das aber nur am Rande, es gibt jetzt Essen.

ChasseurCollage

Huhn nach Jägerart (Poulet Chasseur) für 4 Personen:

  • 400 g gehackte Tomaten
  • 1 Knoblauchzehe
  • 3 Schalotten
  • 1 EL Thymian gehackt (oder 1 TL getrockneter)
  • 1 Lorbeerblatt
  • Salz
  • 4 Hühnerschenkel
  • 2 EL Pflanzenöl
  • 1 EL Butter
  • 200 ml trockener Weißwein
  • 250 g braune Champignons
  • 200 ml Geflügelfond
  • je 1 EL gehackter Kerbel und Estragon (oder entsprechend weniger wenn getrocknet)
  • 2 EL gehackte Petersilie

Eigentlich ist das Rezept hier mit Tomaten-Concassée. Das ist ne nette Sache und man kann das machen, man kann aber auch Dosentomaten nehmen und sich ne Menge Arbeit sparen. Hat man halt am Ende Kerne in der Soße. Stört mich persönlich nicht und das Essen hier ist auch nur Mittagstisch, ich wollte aber auf die Schummelei hingewiesen haben.

1 EL Speiseöl in einer Pfanne auf mittlere Temperatur erhitzen. Eine Schalotte und die Knoblauchzehe fein hacken und im Öl etwa 5 Minuten dünsten. Dann die gehackten Tomaten, das Lorbeerblat und den Thymian hinzugeben und abgedeckt ca. 15 Minuten köcheln lassen.

Das Fleisch abwaschen, trocken tupfen und salzen. Den Ofen auf 50°C vorheizen. Die übrigen Schalotten fein hacken, die Pilze in dünne Scheiben schneiden.

In einem Bräter oder einem Topf, der so groß ist, dass alle Hühnerteile nebeneinander reinpassen, das restliche Öl und die Butter erhitzen. Das Fleisch darin von beiden Seiten scharf anbraten. Dann aus dem Topf nehmen und im Ofen abgedeckt warm stellen.

Die Hitze etwa auf die Hälfte reduzieren und die Schalotten für 3 Minuten im Bratensatz dünsten. Anschließend die Champignons zugeben und weitere 5 Minuten dünsten. Mit dem Weißwein ablöschen und reduzieren lassen. Das Lorbeerblatt aus der Tomatensauce entfernen, die Tomatensauce und den Fond in den Bräter gießen. Köcheln lassen, bis die Sauce etwa auf die Hälfte einreduziert ist. Dann das Fleisch wieder zugeben und offen weitere 15 Minuten garen. Die gehackten Kräuter erst ganz zum Schluss unterrühren. (Wenn ihr getrocknete Kräutern nehmt, gebt sie zeitgleich mit dem Fleisch zur Sauce).

Als Beilage wird oft Baguette genommen, Salzkartoffeln gehen aber auch ganz gut.

„Jägerart“ weckt in mir immer Erinnerungen an sahnige, überladene Ausflugslokal-Küche. Später war Jägersauce das Fix-Päckchen der Wahl in meiner ersten WG-Küche, in der es das Zeug zu ungefähr allem gab. Danach habe ich (wenig verwunderlich) niemals selbst welche gemacht und für den ersten Versuch hat mir das hier gut gefallen. Obwohl der Romantitel anderes vermuten lässt, ein gutes Essen.


Die Zitate stammen aus Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Neuübersetzung Rowohlt 2016. Das erste Zitat ist von S. 122, das zweite von S. 167.

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