Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle

1956 kommen Sabine und George Harwood als jungvermähltes Ehepaar aus England nach Trinidad. Drei Jahre soll George in der dortigen Zweigstelle seines Unternehmens arbeiten, danach wollen sie wieder zurück nach England gehen. George ist begeistert von der neuen Heimat auf Zeit, liest alles über die Insel, liebt ihre Geräusche und Gerüche. Sabine ist verzweifelt. Als sie Trinidad das erste Mal sieht, noch bevor das Schiff überhaupt anlegt, hasst sie die Hitze und die wuselige Geschäftigkeit im Hafen. Während die Leinen festgemacht werden, versteckt sie sich in der Kabine und fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an. Doch sie will sich tapferer zeigen als die anderen verhätschelten Expat-Gattinnen und nicht nur jammern. Die drei Jahre werden wohl auszuhalten sein. Dass sie weit länger bleiben wird, ahnt sie da noch nicht.

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Die Zeit, in der die Harwoods nach Trinidad kommen, ist denkbar ungünstig. Große Teile der Inselbevölkerung haben nun nicht gerade auf noch mehr Briten gewartet. Eric Williams ist der neue Stern am politischen Himmel, seinen Reden auf dem zentralen Woodford Square lauschen tausende begeisterte Anhänger. Mit den Worten „Massa day done“ fordert er den Abzug der weißen Ausländer, die erst mit Sklavenhaltung und nun mit einseitigen Machtstrukturen schon viel zu lange die Bevölkerung Trinidads unterdrücken. Sabine sieht sich mehr und mehr offenen Anfeindungen ausgesetzt, sie traut sich kaum noch in die Öffentlichkeit und erlebt ihr Dasein auf Trinidad als Zustand permanenter Bedrohung. Ihre wiederholte Bitte, die Insel endlich zu verlassen, nimmt George nicht ernst. Alleine traut Sabine sich aber auch nicht zurück nach England.

„This place. French Creole, British, master, slave. A tiny fickle inward world, more snobby than England.“

Sabine wird auf eine merkwürdige Art besessen von Eric Williams. Jahrzehnte später findet ihr Mann Schuhkartons voller Zeitungsausschnitte und Briefe an den Politiker, die seine Frau geschrieben aber nie abgeschickt hat. Sie hasst ihn und ist fasziniert von ihm. Und zugleich enttäuscht. Denn als er an der Macht ist, geht es den Ärmsten keinen Deut besser. Noch immer sind die ehemaligen Sklavensiedlungen ohne Wasser und Strom. Obwohl die Revolution gegen sie als Europäerin gerichtet ist, geht sie ihr nicht weit genug. Sie verlangt eine wahre Emanzipation der Bevölkerung und eine spürbare Verbesserung für alle. Die Ex-Kolonialgesellschaft hat sie da schon lange satt, die dekadenten Treffer derer, die es zu Hause zu nichts gebracht haben und die nun auf Kosten anderer auf Trinidad zur Hautevolee werden. Immer mehr hasst sie das Leben auf der Insel und auch ihre Ehe mit George geht, nicht zuletzt dank seiner Eskapaden, vor die Hunde. Erst als sie beide schon jenseits der siebzig sind und es immer noch nicht geschafft haben, Trinidad zu verlassen, startet er einen letzten großen Versuch, ihr seine Liebe zu zeigen.

Das erste Viertel des Romans spielt in den frühen 2000er Jahren, erst danach wird die Geschichte der Ankunft des Ehepaars geschildert. Diese ersten Seiten sind nicht der leichteste Einstieg. Es ist die schon zu oft gehörte Geschichte von zwei älteren Leuten, deren Ehe ruiniert ist, und die sich eben irgendwie zusammenraufen müssen. Den Lesespuren meines gebrauchten Buches nach zu urteilen haben die meisten da auch schon das Interesse verloren. Wer weiter liest, bekommt einen interessanten Einblick in die Geschichte Trinidads in Zeiten des Umbruchs. Vieles davon kommt dann aber doch ein bisschen sehr mit dem Holzhammer. Sabines Wandel von einer ahnungslosen Expat-Gattin zur verbissenen Fürsprecherin der Ärmsten der Armen ist zwar schön, aber auch nicht ganz glaubwürdig. Auch der Widerspruch, in dem sie ständig lebt, scheint ihr nie ganz bewusst zu werden oder doch zumindest egal zu sein. Zwar behandelt sie ihre Hausangestellten großzügig und als Freundinnen, es bleiben aber eben doch immer ihre Angestellten. Ein weiterer Kontakt wird nie möglich, ihre ‚richtigen‘ Freundschaften pflegt sie stets nur innerhalb der europäischstämmigen Bevölkerung der Insel. Sabine wird als eine starke Frau geschildert, die auf Konventionen pfeift, doch trotz großen persönlichen Leids schafft sie es nie, sich von ihrer Situation zu lösen und Trinidad (und ihren Mann, der sie permanent betrügt) zu verlassen. Auch diese Diskrepanz wird nie aufgelöst, obwohl ihr Wunsch, der Insel zu entkommen, packend und beinahe klaustrophobisch geschildert wird. An entscheidenden Punkten bleibt der Roman damit an der Oberfläche und zuweilen ist die Charakterisierung zumindest lückenhaft. The White Woman on the Green Bicycle ist ein gut geschriebener und interessanter, obwohl punktueller Einblick in die trinidadische Geschichte und Gesellschaft, der als Roman leider einige Schwächen hat.


Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle. Simon & Schuster Pocket Books 2010. 437 Seiten, ca. € 10,50. Erstausgabe Simon & Schuster 2009. Meines Wissens gibt es keine deutsche Übersetzung.

Das Zitat stammt von S. 270

Mit diesem Roman war Roffey 2010 auf der Shortlist für den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Women’s Prize for Fiction.

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