Julia Blackburn: The Book of Colour

Julia Blackburn war bereits als Sachbuchautorin bekannt, als sie diesen Roman veröffentlichte. The Book of Colour bleibt allerdings mit 180 Seiten und Erstleser-Schriftbild eher am unteren Rand dessen, was man noch als Roman durchwinken kann, und vielleicht eher an der Novelle kratzt.

Sie erzählt darin die Geschichte einer Familie, die es vor Generationen auf die Seychellen-Insel Praslin verschlagen hat. Der Urgroßvater der Erzählerin/des Erzählers (deutlich wird das nicht) arbeitete dort als Missionar und hat es sich zum Ziel gemacht, die „Hurerei“ auszurotten. Er selbst verstößt gegen alle guten Sitten, indem er eine Frau heiratet, in deren Familie „schwarzes Blut“ fließt – nach den kruden Ideen von Rasse dieser Zeit also beinahe jede Familie. Nun leidet er unter der dunklen Haut des gemeinsamen Sohnes und betupft sein Gesicht jede Nacht mit Peroxid in der verzweifelten Hoffnung, ihn ein kleines wenig heller zu machen.

„Blackness cannot be turned into whiteness. The sinner cannot escape his sin.“

So richtig aus den Fugen gerät die Inselwelt aber erst, als der Missionar auf einen Mann schießt, in dem er den Teufel erkennt. Dieser belegt die Familie mit einem Fluch. Völliger Quatsch, findet der Missionar, doch seine Frau glaubt durchaus an die Macht des Bösen und verliert darüber den Verstand. Auch Kindermädchen Evalina warnt: ein Fluch wird, ähnlich wie Besitz und Erinnerungen, immer in der Familie bleiben.

Blackburn_BookOfColour

Damit scheint sie Recht zu behalten. Bis in die Generation der erzählenden Person dominieren Alpträume und Schreckensbilder von Rassismus und Missbrauch die Erinnerungen der Familienmitglieder. Das alles erzählt Blackburn in kurzen, aber starken Bildern, in Erinnerungsbruchstücken, die hier und da aufblitzen, die einen nachts im Schlaf heimsuchen, wenn man sich nicht wehren kann. Die Erzählerfigur erlebt dieses Erinnern als einen Rundgang durch Räume in einem großen Haus, in dem bekannte und unbekannte Menschen Szenen aufführen, die zum kollektiven Gedächtnis der Familie gehören. Der Vater der Erzählerfigur taucht dabei als grausames, verstörendes Monster auf, dessen Verhalten an einen Werwolf erinnert. Dass bei alldem ein sprechendes Schwein dabei ist, macht das ganze nicht weniger surreal.

The Book of Colour lebt von seinen starken Bildern. Die eigentliche Handlung liegt viele Jahrzehnte zurück, das jetzige Erleben bleibt nebulös und surreal. Was real ist und was nicht, ist oft unklar, da die Erinnerungen und Träume der Familienmitglieder sich überlagern und beeinflussen. Wie im Traum verschieben sich Gebäude und Landschaften und lassen wahrscheinlich erscheinen, was eigentlich unmöglich ist. Diesen unklaren Schwebezustand zwischen Traum und Realität löst die Autorin auch bis zum Ende nicht auf, wodurch der kurze Roman trotz bildgewaltiger Sprache ein wenig in der Luft hängten bleibt.


Julia Blackburn: The Book of Colour. Vintage 1996. 180 Seiten. Lieferbar in der Ausgabe Vintage 2002, ca. € 8,-. Unter der dem Titel Das Buch der Farben in der Übersetzung von Isabella Mayr 1997 erschienen beim Berlin Verlag und 1999 bei dtv. Beide Ausgaben sind nicht mehr lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 164

Mit diesem Roman stand Blackburn 1996 auf der Shortlist des Orange Broadband Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

 

2 Gedanken zu “Julia Blackburn: The Book of Colour

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