Heather O’Neill: Lullabies for Little Criminals

Lullabies for Little Criminals ist die Geschichte der zwölfjährigen Baby, die bei ihrem Vater Jules in Montreal aufwächst. Baby ist ihr wirklicher Name – ihre Eltern waren gerade fünfzehn, als sie geboren wurde, und hielten das für einen guten Namen. Ihre Mutter starb so jung, dass Baby sich gar nicht mehr an sie erinnern kann. Ihr Vater ist gerade Ende zwanzig, mit der Situation völlig überfordert und schwer drogenabhängig. Zusammen mit seiner Tochter zieht er von heruntergekommener Wohnung zu dreckigem Hotel und hält sich mit halbseidenen Gelegenheitsjobs über Wasser. Doch Baby ist zufrieden damit. Sie kennt es nicht anderes, es ist ihr Leben, und ihr Vater liebt sie aufrichtig. Zweimal lebt sie bei Pflegefamilien, während ihr Vater versucht, einen Entzug durchzustehen.

LullabiesForLittleCriminals

Und danach geht es mit den beiden schnell bergab. Ohne Drogen ist Jules nervös und gereizt, stellt absurde und sich ständig ändernde Regeln für seine Tochter auf und glaubt paranoid, sie wolle ihn die ganze Zeit mit belanglosen Kleinigkeiten provozieren. Die Situation zwischen den beiden wird unerträglich. Zuwendung und Anerkennung findet Baby plötzlich beim deutlich älteren Alphonse, der in der Gegend als Zuhälter verschrien ist.

Der Klappentext ließ mich, ehrlich gesagt, eine platte Schicksalsstory mit voyeuristischem Einschlag aus der Liga „Endstation Babystrich“ vermuten. Wäre der Roman dank wpf-Projekt nicht „Pflichtlektüre“, hätte ich ihn mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht gelesen. Und damit hätte ich tatsächlich was verpasst. O’Neill gelingt es nämlich, Baby nicht als bemitleidenswerten und zu rettenden Sozialfall darzustellen. Die diversen Sozialarbeiter, die mit ihrem Fall befasst sind, sehen das natürlich anders, aber für Baby ist es normal, dass Eltern sich merkwürdig benehmen und dass man manchmal in Pflegefamilien lebt. Alle ihre Freunde leben so.

„God bless her, but the child is wild. It’s not her fault. But she’ll never be normal.“

Für Außenstehende ist die Welt, in der sie lebt, düster und aussichtslos, doch für Baby ganz und gar nicht. Sie hat einen sehr klaren und pragmatischen Blick auf die Dinge und genug Straßenweisheit, um nicht auf jeden Idioten reinzufallen. Wie viele zwölfjährige ist sie eigentlich noch ein Kind, trägt schöne Steine und Comichefte mit sich herum, will aber eigentlich auch zu den coolen Älteren gehören, die rauchen und trinken. Einerseits hadert sie damit, dass Erwachsene so viel mächtiger sind als Kinder und sie dem nichts entgegensetzen kann, andererseits wünscht sie sich eine unschuldige, kindliche Beziehung zu ihrem Vater, so wie sie früher bestand. Besonders drastisch tritt diese Zerrissenheit zu Tage, nachdem Alphonse sie in die Prostitution gezwungen hat.

Mit Baby hat Heather O’Neill eine außergewöhnliche Protagonistin geschaffen, die bemerkenswert smart ist – so smart, dass sie mit ihrer ungeheuren Reflektiertheit  und Zähigkeit manchmal schon hart an der Grenze des Glaubwürdigen schrammt. Mitleid muss man mit ihre keine Seite lang haben, sie steckt jeden Angriff und jede Beleidigung locker weg. Egal, wie hart es wird, man zweifelt eigentlich nie daran, dass Baby das alles schon irgendwie schafft. Viel mehr als der zugegeben nicht ganz originelle Plot ist es dann auch Baby, die den gesamten Roman trägt. Doch trotz der Leichtigkeit, mit der Baby durch Montreals dunkelste Ecken schlendert, ist der ist der Roman in Teilen recht grausam. Mal abgesehen von Drogenexzessen gibt es in diesem Buch nicht wenig Kindesmissbrauch und Vergewaltigungen, das sei denen als Warnung gesagt, die sowas nicht lesen können. Für alle anderen ist Lullabies for Little Criminals ein überraschend gutes und sehr lesbares Buch.


Heather O’Neill: Lullabies for Little Criminals. Quercus 2008. 373 Seiten. Erstausgabe Harper Collins US 2006. Derzeit lieferbar bei riverrun für ca. € 12,-. Deutsche Übersetzung von Astrid Finke unter dem Titel Wiegenlied für kleine Ganoven, erschienen 2012 bei btb. Derzeit lieferbar als eBook für € 8,99 im gleichen Verlag.

Das Zitat stammt von S. 47.

Mit diesem Roman stand Heather O’Neill 1997 auf der Shortlist für den Orange Prize. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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