Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe

Annie, eine junge Frau aus London, kauft für unvernünftige 75 £ ein Gemälde in einem Trödelladen. Es heißt, aber das weiß sie da noch nicht, „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ und wird die Kunstwelt und ihr Leben auf den Kopf stellen. Ein halbes Jahr später wird es Gegenstand einer Sensations-Auktion sein, die den Auftakt zum Roman bildet. Denn hinter diesem Bild sind sie alle her: reiche Russen, die investieren wollen, ein Scheich, der ein Museum gründen will und nicht zuletzt Memling Winkleman, der ganz besonders und aus existenziellen Gründen an diesem Gemälde hängt.

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Hannah Rothschild kennt sich aus in der Welt der Kunst, denn das ist ihr Beruf, wenn sie nicht gerade Romane schreibt. In ihrem Buch bringt sie viel unter über Altersbestimmung, der schwierigen Suche nach Fälschungen und dem Irrsinn des Kunstmarkts, auf dem Gemälde nicht mehr als erhebende Kunst betrachtet werden sondern als eine schlichte Investition, mit der er sich zu spekulieren lohnt. Ich glaube Frau Rothschild unbesehen, dass sie sich auskennt in dieser Welt und sie grundsätzlich auch darstellen kann. Hier aber werden Klischees so derart in Reihe bemüht, dass das Lesen manchmal mühsam wird. Es gibt zahlreiche Nebenfiguren, die sehr unterschiedlich große Rollen spielen, aber jede von ihnen ist ein wandelndes Klischee. Reiche Russen ohne Geschmack, exaltierte Homosexuelle, Rapstars in Begleitung halbnackter Frauen. Wer halt so alles ein Bild kaufen will.

Und zwischendrin die ahnungslose Annie, die gerade eine harte Trennung durchgemacht hat, nun um eine neue Existenz kämpft und hofft, dass ihr Bild wenigstens eine gute Kopie ist. Sie muss sich auf einmal mit mit Restauration und Firnis auseinandersetzen und hat dabei noch eine ganze Menge Verfolger, von denen sie nichts ahnt. Eine Hilfe findet sie in Jesse, selbst Maler und Kunstkenner, der ihr einige seiner vielen Kontakte vermitteln kann. Diese Episoden sind tatsächlich die Stärken des Romans. Die modernen Techniken, mit denen Alter und Echtheit von Kunstwerken bestimmt werden können, sind sehr interessant beschrieben und die Erklärungen sind so in den Roman eingebunden, dass ihr didaktischer Nutzen schon deutlich wird, aber nicht im Vordergrund steht.

Ich wurde gemalt, um die wilden Kaskaden der Liebe zu feiern, die ausgelassene, ungehemmte und alles verändernde Leidenschaft, die unweigerlich der elenden, bedrückenden und allumfassenden Enttäuschung den Weg bereitet.

Als erzählerischen Kniff hat die Autorin (oder jemand vom Verlag, man weiß es nicht) sich ausgedacht, dass das Bild selbst seine Geschichte erzählen kann. In der Ich-Form und mit ordentlich Attitude, denn immerhin hat man ja eine neue Stilrichtung begründet. Das Gemälde kann auch mit anderen Gemälden und Gegenständen sprechen und hing in jedem Schlafzimmer von historischer Relevanz. Selbstverständlich plaudert das Bild gerne aus dem Nähkästchen. Ich fand das unsinnig und albern, das ist aber nun wirklich Geschmackssache und man kann das sicher und zurecht auch ganz witzig finden.

Die ganz, ganz große Schwäche des Romans oder zumindest seiner Übersetzung ist aber leider der Stil. Ganze Episoden lesen sich, als wären sie aus einem Kelter-Heftroman (und die haben zum Glück nur 64 Seiten). Auch mit gelegentlichen Plattitüden und Abreißkalenderweisheiten spart die Autorin nicht und manchmal muss man eben trotz eisiger Temperaturen nackt auf dem Dach tanzen, denn bedrohlicher als der jähe Tod ist doch ein Leben, in dem man vergisst zu leben. Nun gut.


Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe. Aus dem Englischen übersetzt von Monika Baark. DVA 2016. 512 Seiten, € 21,99. Die Taschenbuchausgabe ist angekündigt für Frühjahr 2018. Originalausgabe: The Improbability of Love. Bloomsbury 2015.

Das Zitat stammt von S. 200, zitiert nach der eBook-Ausgabe mit 460 Seiten.

2016 war die Autorin mit diesem Roman auf der Shortlist für den Baileys Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des WPF-Leseprojekts.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

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