Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road To High Saffron

Bernard Marx and the Amazing Technicolour Dreamcoat könnt der Untertitel dieser Dystopie sein. In der Welt, in der Fforde seine Geschichte ansiedelt, wird die soziale Hierarchie ausschließlich nach der Farbwahrnehmung der Bewohner festgelegt. Ganz oben stehen diejenigen, die rot und blau sehen können, ganz unten die Grauen. Letztere verrichten alle Arbeit für die „oberen“ und haben nahezu keine Chance, aufzusteigen. Ehen werden nicht nach Sympathie sondern nach Farbe und wünschenswerten Mischverhältnissen geschlossen. Die Anklänge an vor allem Brave New World aber auch 1984 sind dabei nicht zu übersehen.

„Munsell tells us over and over again that inquisitiveness is simply the first step on a rocky road that leads to disharmony and ruin“

Fforde_ShadesOfGrey.jpg

Die Geschichte spielt sich auf der Erde ab, allerdings einer völlig veränderten. Die vorhergehende Population (ja, das wären dann wir) ist komplett ausgelöscht worden und niemand weiß, warum. Die neue Bevölkerung ist menschenähnlich, unterscheidet sich aber in einigen Merkmalen. Hinterlassen haben die Menschen einige wertvolle Artefakte wie Autos, Gemälde und Glühbirnen, die aber aufgrund eines Beschlusses nicht mehr benutzt werden dürfen. Für Beschlüsse dieser Art ist das Buch Munsell da – es gibt dieses Buch übrigens tatsächlich und es ist ein Verzeichnis für Farbreferenzen. Geregelt wird dort ungefähr alles – wer welche Stellung haben kann und darf, wie geheiratet werden soll und dass man nachts die Siedlungen nicht verlassen darf. Verstöße werden umgehend und streng geahndet, wer zu viele Strafpunkte sammelt, wird zum „Reboot“ geschickt, einer Art Gehirnwäsche, die aus den Abweichlern wieder verlässliche Mitglieder der Gesellschaft machen soll. Und es klappt – das Zusammenleben unter den strengen Regeln ist bei weitem nicht harmonisch, aber große Ausreißer gibt es aufgrund der drakonischen Bestrafungen nicht. Auch Protagonist Eddie Russett bildet da keine Ausnahme. Zwanzig Jahre lang hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen, jetzt aber hat sein Vorschlag für verbessertes Schlangestehen dazu geführt, dass er in das abgelegene East Carmine geschickt wird, wo er eine Stuhlzählung durchführen soll.

Dort trifft er auf die rebellische Jane, eine Graue, die sich gegen die Herrschaftsordnung auflehnt und offenbar mehr über einige Dinge weiß, als Eddie sich träumen lässt. Sie weiß, dass das geregelte Zusammenleben nur eine schöne Fassade ist und hinter den Kulissen Dinge geschehen, von denen die meisten Bewohner nicht die leiseste Ahnung haben.

Neben der strengen Beachtung der Regeln ist Farbe das wichtigste in dieser Welt. Durch bestimmte Farbzusammenstellungen kann man Krankheiten heilen, sie werden als Droge benutzt und am Ende seines Lebens begibt man sich in einen grünen Raum, dessen Farbe einen sanft und glücklich entschlafen lässt. Farbe ist ein wertvoller Stoff, der über komplexe Leitungssysteme im ganzen Land verteilt wird, denn von Natur aus hat fast nichts eine Farbe. Und der Test der Farbwahrnehmung, die Ishihara, ist der Tag, an dem aus Jugendlichen Erwachsene werden, mit einer festen und unverrückbaren Stellung in der Gesellschaft.

Ffordes Kreativität und Erfindungsreichtum kommen in diesem Roman wieder voll zur Geltung. Während bei Thursday Next langsam ein bisschen die Luft raus ist, ist Shades of Grey ein origineller, überraschender und spannender Roman. Es gibt einige wenige Längen, besonders wenn das komplexe Hochzeitssystem diskutiert wird, im großen und ganzen aber ist der Roman sehr unterhaltsam und stellenweise auch richtig witzig. In Deutschland war Grau offenbar der totale Flop. Die gebundene Ausgabe war schon nach wenigen Monaten vom Markt verschwunden und eine Taschenbuchausgabe gab es nie. Aber auch international scheint der Roman überraschend wenige Leser gefunden zu haben. Ich vermute, dass das daran liegen könnte, dass beinahe zeitgleich ein völlig anderer Roman mit sehr ähnlichem Titel erschienen ist, der ungleich erfolgreicher wurde. Diesen kommerziellen Misserfolg führte Fforde Ende 2016 als Grund dafür an, dass noch immer keine der beiden hinten im Buch angekündigten Fortsetzungen erschienen ist – und wohl auch auf absehbare Zeit nicht erscheinen werden. Das ist schade, weil ich tatsächlich sehr gerne mehr aus dieser Welt gelesen hätte, aber auch als alleinstehender Roman macht Shades of Grey eine Menge Spaß.


Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road to High Saffron (I). Hodder & Stoughton 2011. 435 Seiten, ca. € 10,-. Originalausgabe Hodder & Stoughton 2010. Deutsche Übersetzung: Grau. Übersetzt von Thomas Stegers. Bastei 2011. Die Printausgabe ist vergriffen, lieferbar ist das eBook für € 15,99.

Das Zitat stammt von S. 207

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7 Gedanken zu “Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road To High Saffron

  1. Nike 7. März 2017 / 11:57

    Klingt interessant. Aber ein eBook für 15,99€?! Ich hätte da eine Idee, warum der Erfolg ausbleibt …

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    • Marion 7. März 2017 / 12:49

      Einerseits stimmt das natürlich, andererseits ist das für ein Buch, das es nicht als Taschenbuch gibt, kein ungewöhnlicher Preis. EBooks, die es sonst nur gebunden gibt, spielen nicht selten in dieser Liga.
      Natürlich könnte man sich verlagsseitig überlegen, ältere Titel irgendwann günstiger anzubieten, das stimmt.

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  2. Eva Wißkirchen 7. März 2017 / 12:32

    Eine Wahnsinnsidee, diese Farbhierarchie! Ich muss jetzt wirklich endlich ganz dringt was (am besten genau das) von Fforde lesen – Du beschreibst seine Bücher immer so animierend, dass ich mir das schon vor eine Weile vorgenommen habe, aber dieses Shades of Grey spricht mich jetzt besonders an. Danke für den Tipp!

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  3. fraupixel 7. März 2017 / 16:03

    Ich fand das Buch auch super! Ich habe genau die gleiche Ausgabe 🙂 und ich warte immer noch auf die Fortsetzung… Ich fand die Idee einfach klasse

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    • Marion 7. März 2017 / 20:04

      Ich wage es ja kaum zu hoffen. Aber vielleicht kommt ja dieses Jahr wenigstens mal Early Riser?!

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    • Marion 7. März 2017 / 20:18

      Das solltest du unbedingt! Die finde ich ja nicht uneingeschränkt großartig, aber lesenswert ist die Reihe allemal.

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