Evan Osnos: Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum

grosse_Ambitionen„Das China in dem ich mittlerweile lebte, konnte zugleich inspirieren und wahnsinnig machen, diese Heimat der mit bloßen Händen erarbeiteten Vermögen und der schwarzen Gefängnisse, der ungebremsten Neugier auf die Welt und des defensiven Stolzes hinsichtlich Chinas neuem Platz in ebendieser.“

China ist in den letzten Jahren zum Symbol für rasanten Aufstieg geworden. Die Wirtschaft des Landes explodiert, eine stetig wachsende Mittelschicht häuft Reichtum an und chinesische Investoren sind aus internationalen Großprojekten fast nicht mehr wegzudenken. Zugleich steht China aber auch für minderwertige Qualität, Fälschungen und im schlimmsten Fall gesundheitsgefährdende Produkte. Skandale wie giftige Babynahrung, Menschenrechtsverletzungen bei der Ausrichtung der Olympiade oder die völlig unzureichende Reaktion auf das Erdbeben in Sichuan gingen um die ganze Welt.

Evan Osnos hat rund acht Jahre als Korrespondent für verschiedene Zeitungen und als freier Journalist in China, größtenteils in Peking gelebt. Er hat die Zeit genutzt, um unterschiedlichste Menschen zu treffen in diesem Land, das einem Wandel unterworfen ist, mit dem kaum jemand mithalten kann. Er war in Macao, einer Vergnügungsstadt, neben der Las Vegas verblasst, und hat mit Glücksrittern und den Gewinnern des Wirtschaftswachstums gesprochen, die sich Limousinen und Privatjets leisten können. Er hat trotz aller Widrigkeiten Kontakt mit Chen Guangchen aufgenommen, der als „blinder Anwalt der Armen“ berühmt wurde und lange Zeit unter Hausarrest stand bis er unter abenteuerlichen Umständen fliehen konnte. Und natürlich hat er auch Chinas Prominenz interviewt, allen voran den wohl bekanntesten Dissidenten des Landes Ai Weiwei. Dazwischen berichtet er von seinem eigenen Leben in China, von dem Wiesel, das über seinem Arbeitszimmer wohnt und das niemand entfernen will, weil es Glück ins Haus bringt. Von den SMS, die das Propagandaministerium an Journalisten verschickt, wenn wieder einmal über ein bestimmtes Thema nicht berichtet werden darf.

Aus diesen Einzelteilen entsteht das Bild eines Landes, dessen Wandel vielen zu schnell geht. Innerhalb nur einer Generation haben viele junge ChinesInnen das große Gebot der Angepasstheit abgeschüttelt und streben nach individuellem Erfolg. Allerdings gibt es kaum Vorbilder, die ihnen gezeigt hätten, wie das geht. Viele von denen, die erfolgreich werden, erreichen dies nur durch Rücksichtslosigkeit, Bestechung und auf Kosten anderer. Völlig neue Geschäftsfelder und Karrierewege ergeben sich, wenn auch nur für diejenigen, die schnell genug reagieren können. Die Eheanbahnung, die über Generationen von den Eltern und professionellen Kupplerinnen übernommen wurde, liegt nun in der Hand der Kinder. Welche Ansprüche man da stellen darf und was man mindestens vorzuweisen hat, muss neu definiert werden.

Durch das Internet gibt es nicht nur mehr Input aus dem Ausland, auch die Nachrichtenverbreitung im Land selbst ist massiv gestiegen wie auch die Vernetzung untereinander. Auch wenn die chinesische Regierung ein wachsames Auge auf alle Online-Aktivitäten hat und peinlich darauf bedacht ist, jeder Subversion möglichst schnell einen Riegel vorzuschieben, lassen sich Aktionen und Proteste plötzlich recht einfach organisieren. Geschehnisse, die sonst vielleicht keine Beachtung gefunden hätten, können nun zu einem landesweiten Aufschrei führen, wie der Fall der zweijährigen Yue Yue, die an einer stark frequentierten Straße überfahren wurde und der erst nach fast zehn Minuten geholfen wurde. Die Bilder einer Überwachungskamera waren nur wenig später online und wurden millionenfach gesehen. Landesweit und international fragten sich geschockte Menschen, wie es zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung kommen konnte. Bisher hat die regierende Partei keinen befriedigenden Umgang mit der neuen Situation gefunden, von Antworten ganz zu schweigen. Ganz im Gegenteil verliert sie immer mehr Rückhalt in großen Teilen der Bevölkerung, denn immer wieder werden neue Bestechungsskandale aufgedeckt und Fälle von hohen Beamten, die ihre Stellung aufgrund von Geld und nicht etwa wegen Kompetenz erhalten haben.

Natürlich kann Osnos nur in wenigen Fällen ins Detail gehen. Er selbst schreibt, dass es schwierig sei, ein Bild über die Zufriedenheit der gesamten Bevölkerung zu bekommen. Es ist vor allem eine jüngere und urbane Gruppe, die die Möglichkeit hat, sich im Internet Luft zu machen und mit ihren Meinungen andere zu beeinflussen. Zwar gibt es auch telefonische Umfragen zur Zufriedenheit der Bevölkerung, doch im herrschenden restriktiven Klima haben viele Angst, ihren Unmut offen zu äußern. Osnos vermittelt dennoch, dass er ein durchaus umfassendes Wissen über seine Heimat auf Zeit hat und in der Lage ist, die einzelnen Meinungen und Entwicklungen in das große Ganze einzusortieren.

Die deutsche Übersetzung ist gut lesbar, wenn auch an einigen Stellen etwas holprig. Es gibt auch ein, zwei fiese Patzer, etwa die „wunderschönen Banken an der Seine“ (138), die im Original noch Ufer (banks) waren. Wie prosaisch wäre denn Ye Banks and Braes! Aber wie gesagt, insgesamt sehr informativ und lesbar und ein hochinteressantes China-Porträt.


Evan Osnos: Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum. Suhrkamp 2016. Übersetzt von Laura Su Bischoff. 534 Seiten, € 12,-. Originalausgabe: Age of Ambition. Chasing Fortune, Truth and Faith in the New China. Farrar, Straus und Giroux 2014.

Zitat: S. 159

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3 Gedanken zu “Evan Osnos: Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum

  1. Tobias Illing 1. November 2016 / 17:06

    Wie deutlich wird Osnos denn bei den kritischen Themen (Korruption, Menschenrechte, Zensur)? Als Insider hätte er da sicher viel zu erzählen, ich kann mir aber gut vorstellen, dass er da Zurückhaltung walten lässt, um nicht die Brücken nach China zu verbrennen. Diktatoren reagieren bei diesen Themen ja sehr schnell sehr empfindlich.

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    • Marion 1. November 2016 / 17:42

      Osnos geht auf die Themen durchaus ein, allerdings nur soweit er zuverlässige Quellen hat.
      Er schreibt beispielsweise ziemlich viel über Chen Guangchen, was gar nicht so leicht ist, weil erst verhindert wird, dass er überhaupt Kontakt mit ihm aufnimmt. Auch mit Ai Weiwei hat er mehrere Interviews geführt und ihn über einen längeren Zeitraum begleitet.
      Über Korruption berichtet er auch, unter anderem im Zusammenhang mit einem Zugunglück (Zhejiang 2011), bei dem eindeutig minderwertige Materialien verbaut wurden und Sicherheitsvorschriften missachtet wurden. Allerdings ist es in diesem Feld wohl auch für Insider nicht immer leicht, zuverlässige Daten zu bekommen. Es schreit ja keiner rum, dass er Summe X für Gefallen Y bekommen hat, weder in China noch sonstwo. Soweit er Informationen hat, verwendet er sie auch.
      Er berichtet u.a. auch über eine Journalistin, die eine Zeitung betreibt, die gerade so am Rande des Legalen agiert – den Namen habe ich gerade nicht parat, könnte das aber bei Interesse nachgucken.

      Also kurz gesagt ja, er greift diese Themen durchaus auf. Ob er da über alles berichtet, über das er berichten könnte, ob er alle Daten abgegriffen hat, auf die er Zugriff hätte haben können und warum er das möglicherweise nicht getan hat – das kann ich nicht beurteilen.

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      • Tobias Illing 1. November 2016 / 17:47

        Danke dir! So wie ich deine Rezension verstanden habe, hat Osnos ja auch kein Enthüllungsbuch geschrieben. Daher wären eine allzu intensive Auseinandersetzung ja auch gar nicht zu erwarten. Ich fände es nur bedenklich, er gar nicht oder nur sehr oberflächlich auf diese Themen eingegangen wäre.

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