David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

unendlicherspass„Die Straße wird breiter und viele Umwege sind verlockend. Man muss notorisch konzentriert und wachsam sein.“

Lange ist mir keine Besprechung mehr so schwergefallen wie die für Unendlicher Spaß. Was will man denn auch noch groß drüber sagen, was nicht schon tausend mal gesagt worden ist? Es ist brillant. Es ist wirklich, wirklich brillant und eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Es ist auch eines der sperrigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Nicht nur wegen des Umfangs, mit knappen 1.550 Seiten könnte man ja noch arbeiten, aber ein Zehntel davon sind Fußnoten und Fußnoten zu Fußnoten, was mich stellenweise an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. An wenigen Abenden habe ich mehr als 30 Seiten geschafft, an freien Tagen ein kleines bisschen mehr und so hat mich dieses Buch gute zwei Monate lang begleitet, während zehn andere Bücher an ihm vorbeigezogen sind. Ebenfalls in dieser Zeit begleitet hat mich eine schematische Darstellung aller Charaktere des Romans, die mir eine Kollegin auf 16 A4-Seiten gedruckt hat, nachdem ich versucht hatte, ihr zu erklären, worum es eigentlich geht. Die Darstellung hing ein paar Wochen lang krude zusammengeklebt über meinem Bett.

InfiniteJest_Diagramm
Das Diagramm stammt von Sam Pott. Auf seiner Website kann man es als Poster für 25$ kaufen oder als pdf herunterladen. http://sampottsinc.com/ij/

Ganz grob gesagt gibt es drei Lager. Die Enfield House Tennis Academy, das Ennet House, eine Einrichtung für Ex-Drogenabhängige und die Rollstuhl-Assassinen aus Quebec. Letztere sind sehr interessiert an einer Unterhaltungspatrone (sowas wie ein Video), die den absolut unterhaltsamen Film enthält. Wer diesen Film sieht, ist so gebannt davon, dass er nie wieder etwas anderes tun kann, als den Bildschirm anzustarren. Die Zuschauer sterben in kurzer Zeit, weil sie es nicht schaffen, auch nur zu schlafen, zu essen oder zu trinken und wenn man den Film ausschaltet, drehen sie völlig durch und essen erst recht nicht. Quebec hat das als mächtige Waffe erkannt. Kämen sie an die Mastercopy, könnten sie den Film in das amerikanische Unterhaltungsnetzwerk einspeisen und so das Land in kürzester Zeit lahmlegen. Macher des Films ist James Incandenza, Gründer der Enfield House Tennis Academy und vor einigen Jahren verstorben. Er hat in suizidaler Absicht den Kopf in die Mikrowelle gesteckt. Nun versuchen die Rollstuhlfahrer, über seine Kinder oder eine Darstellerin des Films an die Patrone zu kommen. Das ganze spielt sich in einer nicht sehr fernen Zukunft ab – Jahreszahlen, wie wir sie kennen, gibt es aber nicht mehr, die Jahre heißen nach ihren Sponsoren. Jahr der Dove-Probepackung, Jahr des Whopper und so weiter. Das ist der ganz grobe Rahmen der Handlung.

Meistens aber geht es kaum um die Patrone. Es geht um Tennis. Viel um Tennis, so viel Tennis, das ich manchmal keine Lust mehr hatte. Außerdem geht es um Medikamente, Medikamentenmissbrauch und verschriebene Medikamente. Das geht mit sehr vielen pharmathematischen Fußnoten einher. Hat mich auch nicht immer interessiert. Es geht auch um Depressionen und wenn man weiß, wie es mit David Foster Wallace weitergegangen ist, sind seine Schilderungen nahezu unerträglich. Dessen ungeachtet habe ich beim Lesen 37 mal gelacht, also wirklich gelacht, was eine große Menge für mich ist. Ich habe neue Wörter gelernt, von denen bradykinetisch und homodont meine Lieblinge sind (Liebling des Übersetzers: Halluzinogenivore) und eine ganze Palette neuer Farben, die David Foster Wallace (bzw. sein Übersetzer) kannte und ich nicht. Lohfarben zum Beispiel. Wenn ich lohfarben google, kommen allerdings nur Bilder von Kaninchen und das Modell eines Facehugger-Aliens, es scheint keine sehr relevante Farbe zu sein. Außerdem habe ich eine Menge medizinischer Begriffe gelernt, die mir erklärt wurden und die ich augenblicklich wieder vergessen habe.

Insgesamt ist das Buch völlig wahnsinnig. Es ist irrsinnig komplex, zweigt dauernd ab, braucht dann 300 Seiten um wieder dahin zu gelangen, wo es mal losgegangen ist und auf dem Weg kommen noch ein paar neue Charaktere dazu. Die Charaktere sind ein Panoptikum des Wahnsinns. Drogenabhängige, Alkoholiker, Katatoniker, angehende Tennisstars, ein Guru, der auf einem Stapel Turnmatten lebt, ein genialer Filmemacher, seine entstellend schöne Muse und hundert mehr. Sehr, sehr langsam erklären sich einige Verknüpfungen und viele Handlungsstränge sind so weit über das Buch verstreut, dass man sich die einzelnen Fetzen mühsam zusammensuchen muss. Das ganze Buch ist voll mit bissiger Gesellschaftskritik, fantastisch konstruierten Charakteren und hat so viele Themen, dass es fast niemals langweilig wird. Außer beim Tennis, aber deshalb hab ich ja schon gemotzt. Vor allem aber ist es sprachlich eine absolute Meisterleistung. Ich lese viel und gerne auf Englisch, hab mich an diesen Koloss dann aber doch nicht herangewagt und mich deshalb auf die Übersetzung von Ulrich Blumenbach verlassen. Was eine gute Wahl war. Es muss eine riesige Aufgabe gewesen sein, diesen Wälzer mit all seinen sprachlichen Feinheiten zu übersetzen, es ist aber sehr gut gelungen.

Unendlicher Spaß hat den Hype verdient. Es ist einer der großen Romane der letzten Jahrzehnte und ich habe es so gerne gelesen, dass ich traurig war, als es dem Ende zuging. Das habe ich selten, weil meistens Geschichten halt irgendwann vorbei sind. Aber hier gibt es so viele Handlungen, so viele ausgearbeitete Charaktere, dass es fast unendlich hätte weitergehen können. David Foster Wallace sprengt Grenzen, sowohl bei Themen als auch bei Umfang, ist radikal, rotzig, eklig, rührend, zynisch, lässig, kompromisslos, ausschweifend und präzise. Niemals kann man wissen, was einen auf der nächsten Seite erwartet und man muss sich einfach reinstürzen und sehen, was passiert. Und auf gar keinen Fall darf man eine konzise Handlung erwarten, das wird in Tränen enden. Man braucht Geduld und Zeit für dieses Buch, aber beides ist gut investiert.

Ein weiteres Mal sei hier auf Unendliches Spiel verwiesen, ein Projekt, bei dem das Buch Seite für Seite von Laien eingelesen wurde. Außerdem gab es mal ein Social Reading-Projekt, bei dem LeserInnen den Roman Kapitel für Kapitel diskutiert haben. Die Beiträge sind noch online, ebenso einige Verweise auf Zusatzmaterialien. Blumenbach hat für dieses Buch den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen und hat interessante Dinge zur Übersetzung zu sagen.


David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Rowohlt 2011. 1541 Seiten, € 17,99. Deutsche Erstausgabe Kiepenheuer & Witsch 2009. Originalausgabe: Infinite Jest. Little, Brown & Co. 1996.

Das Zitat stammt von S. 252.

Advertisements

13 Gedanken zu “David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

  1. fraggle99 4. Oktober 2016 / 8:32

    Also, mein Einstieg in das Werk von Foster Wallace ist mit „Die Entdeckung des Unendlichen“ gründlich missglückt. Es war eines der wenigen Bücher meines Lebens, das ich nicht zu Ende lesen konnte und wollte. Auch da gibt es unzählige Fußnoten, die mich schier in den Wahnsinn trieben.

    Und auch „Unendlicher Spaß“ klingt nach etwas, das meine derzeitige Aufmerksamkeitsspanne massiv überfordern würde. 😉

    Und dennoch reizt es mich… 😉

    Gefällt 1 Person

    • Marion 4. Oktober 2016 / 12:28

      Es ist eine Zumutung im besten Sinne. Auf „Unendlicher Spaß“ muss man echt Bock haben, sonst verzweifelt man.
      Vielleicht kommt ja mal ein passenderer Zeitpunkt.

      Gefällt 1 Person

  2. thomas 4. Oktober 2016 / 8:38

    Schöner Text über ein wunderbares Buch. Ich würde nach dazu sagen, dass das Buch hinter der ganzen postmodernen Fassade oft tottraurig ist und die (meist sehr kaputten) Charaktere liebevoll herausgearbeitet sind.
    Mir hat übrigens „Infinite Jest wiki“ parallel zum Lesen sehr geholfen. Dort werden (bezogen auf die englische Ausgabe natürlich) Seite für Seite Dinge erklärt und Hintergrundinfos geliefert.

    Gefällt 1 Person

    • Marion 4. Oktober 2016 / 12:25

      Guter Hinweis, vielen Dank!
      Was die Charaktere angeht, gebe ich dir völlig recht. Besonders bei den Ennet-House-Bewohnern ist mir das aufgefallen. Die sind zum Teil so grotesk, dass sie witzig wirken, sind aber eigentlich völlig hinüber und ziemlich tragische Charaktere.

      Gefällt mir

  3. juneautumn 4. Oktober 2016 / 14:31

    Ein toller Text! Ich habe damals auch 2 Monate gebraucht, und es geliebt. Sobald man sich eingelesen hat, finde ich, entwickelt es einen Sog, der trotz der ganzen Hindernisse sehr mächtig ist… Deine Rezension hat einiges wieder hervorgeholt, danke.
    *geht mit einem leisen Lächeln und den Kopf voll unendlichen Spaßes nach Hause*

    Gefällt 1 Person

  4. Wissenstagebuch 4. Oktober 2016 / 15:08

    Mir steht dieses Buch noch bevor. Es steht jetzt seit fast fünf Jahren in meinem Regal, einmal habe ich reingelesen und bin „gescheitert“. Ich habe mich auch für die deutsche Übersetzung in der gleichen Ausgabe entschieden, was sich beim ersten Reinschauen auch als gute Entscheidung herausgestellt hat. Ich denke, man weiß das Werk noch mehr zu schätzen, wenn man es sich so „erarbeiten“ muss. Nach deiner Besprechung steigt die Motivation, es noch einmal anzugehen wieder.

    Gefällt 1 Person

  5. the lost art of keeping secrets 4. Oktober 2016 / 19:36

    Ein schöner Text, jetzt bin ich richtig motiviert, es nochmal zu versuchen. Ich bin bisher nach zwei Anläufen gescheitert, zu viel Fußnote. Aber ich muss das wohl echt strategischer angehen und das Diagramm ist super hilfreich. Ich versuch’s nochmal 😉

    Liebe Grüße, eva

    Gefällt 1 Person

  6. letteratura 4. Oktober 2016 / 20:16

    Tolle Rezension! Grad denke ich zum ersten Mal ernsthaft, dass ich es lesen muss, irgendwann… Bisher war die Überlegung doch immer sehr theoretisch 😉

    Gefällt 1 Person

  7. Frank O. Rudkoffsky 4. Oktober 2016 / 21:40

    Schöne Rezension! Ich freue mich, dass das Buch noch immer hier und da besprochen wird – es ist einfach ein zeitloses Meisterwerk und trotz seiner Sperrigkeit sehr viel unterhaltsamer, als viele denken. Irgendwann will ich es ein zweites Mal lesen, vor allem, seit ich die Wallace-Biografie „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ gelesen habe. Ich war überrascht, wie viel von Wallace in dem Roman steckt, und würde ihn dadurch nun noch einmal ganz anders lesen.

    Vor ein paar Jahren durfte ich mit dem deutschen Übersetzer Ulrich Blumenbach über seine Arbeit an „Unendlicher Spaß“ sprechen, vielleicht interessiert dich das ja: https://rudkoffsky.com/2014/12/13/wie-man-david-foster-wallace-ubersetzt-ulrich-blumenbach-im-gesprach/

    Gefällt mir

Sag was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s