Heather O’Neill: Lullabies for Little Criminals

Lullabies for Little Criminals ist die Geschichte der zwölfjährigen Baby, die bei ihrem Vater Jules in Montreal aufwächst. Baby ist ihr wirklicher Name – ihre Eltern waren gerade fünfzehn, als sie geboren wurde, und hielten das für einen guten Namen. Ihre Mutter starb so jung, dass Baby sich gar nicht mehr an sie erinnern kann. Ihr Vater ist gerade Ende zwanzig, mit der Situation völlig überfordert und schwer drogenabhängig. Zusammen mit seiner Tochter zieht er von heruntergekommener Wohnung zu dreckigem Hotel und hält sich mit halbseidenen Gelegenheitsjobs über Wasser. Doch Baby ist zufrieden damit. Sie kennt es nicht anderes, es ist ihr Leben, und ihr Vater liebt sie aufrichtig. Zweimal lebt sie bei Pflegefamilien, während ihr Vater versucht, einen Entzug durchzustehen.

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Shakespeare: The Tempest – Margaret Atwood: Hag-Seed

1611 fertiggestellt und uraufgeführt ist „Der Sturm“ das letzte Stück, das Shakespeare vor seinem Tod fertigstellte. Es wird im allgemeinen zu seinen Romanzen gezählt. Was passiert, ist das:

The Tempest

In der ersten Szene erleidet Alonso, der König von Neapel, Schiffbruch durch einen plötzlich aufziehenden Sturm. Schuld daran ist Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, der vor 12 Jahren seinerseits durch eine Intrige seines Bruders auf einem entlegenen Eiland strandete, wo er seitdem mit seiner Tochter Miranda lebt. Prospero hat den Luftgeist Ariel dazu gebracht, einen Sturm aufziehen zu lassen. Und warum? Rache. König Alonso hat nämlich Prosperos fiesen Bruder Antonio dabei unterstützt, Prospero auszuschalten und seinerseits Herzog von Mailand zu werden. Zusammen mit Miranda und Prospero lebt noch Caliban auf der Insel, der missgestaltete Sohn einer Hexe, den Prospero zu seinem Slaven gemacht hat. Prospero verfügt über magische Kräfte und kann Geister beschwören, vor allem eben den bereits erwähnten Ariel.

Mit an Bord des Schiffes war neben einer Menge Gefolge auch Alonsos Sohn Ferdinand. Der wird beim Schiffbruch vom Rest getrennt, stolpert orientierungslos über die Insel, trifft auf die schöne Miranda und macht ihr keine zehn Zeilen später einen Heiratsantrag. Auch Miranda ist hin und weg; nachdem sie ihre ersten 16 Jahre mit Vater und deformiertem Sklaven verbracht hat, erscheint Ferdinand ihr schön wie ein Engel. Allerdings wird es noch zwei Szenen dauern, bis die Verlobung wirklich stattfindet, man will ja nichts überstürzen. In dieser Szene aber, kurz vor dem Eintreffen Ferdinands, bezeichnet Prospero Caliban als „hag-seed“, falls sich jemand fragt, woher Atwood den Titel hat.

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Margaret Atwood: The Blind Assassin

Laura Chase war eine begnadete Autorin. Leider konnte ihr erster und einziger Roman The Blind Assassin erst posthum veröffentlicht werden. Bei einem tragischen Unfall verstarb sie mit gerade Anfang 20, aus dem Nachlass hat ihre Schwester Iris Chase Griffen den Roman veröffentlicht. Seitdem ist es an ihr, das schriftstellerische Erbe ihrer Schwester zu wahren und zu verwalten. Iris ist mittlerweile weit jenseits der 80, lebt wieder in ihrer Heimatstadt Port Ticonderoga und hat begonnen, ihre Memoiren zu verfassen. An einen Unfall hat sie keine Minute lang geglaubt, sie war sich immer sicher, dass Laura Selbstmord begangen hat. Nun schreibt sie über ihr Leben und das ihrer Schwester und versucht herauszufinden, an welchem Punkt alles entgleist ist.

„But in life, a tragedy is not one long scream. It includes everything that led up to it. Hour after trivial hour, day after day, year after year, and then the sudden moment: the knife stab, the shell-burst, the plummet of the car from the bridge.“

Die Familie Chase war über Generationen die Spitze der Gesellschaft im kanadischen Port Ticonderoga. Nach dem frühen Tod der Mutter wachsen die Chase-Schwestern beim Vater auf, unterstützt von der Haushälterin Reenie und einer wechselnden Reihe Hauslehrer. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920ern geht es auch mit den Chase-Fabriken bergab. Die einzige Rettung für Töchter und Vermögen sieht Iris Vater in einer Ehe zwischen Iris und seinem Geschäftspartner Richard Griffen. Wie schlimm soll es schon werden, fragt sich Iris und fragt sie Reenie. Viel, viel schlimmer, ist die Antwort. In Iris Retrospektive entspinnt sich langsam die Geschichte einer leidlich glücklichen Kindheit, gefolgt von einer Ehe, die von psychischer wie physischer Gewalt geprägt ist. Unterbrochen werden Iris Memoiren von einem weiteren Erzählstrang, in dem ein Mann einer Frau eine Geschichte erzählt. Eine ziemlich absurde SciFi-Geschichte, die später einmal ein Roman werden soll, die Geschichte eines blinden Mörders.

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Margaret Atwood: Alias Grace

In diesem Roman erzählt Atwood die Geschichte von Grace Marks. Grace war ein fünfzehnjähriges Dienstmädchen, das 1843 beschuldigt wurde, gemeinsam mit James McDermott, Angestellter im gleichen Haushalt, ihren Arbeitgeber Thomas Kinnear und dessen Haushälterin Nancy Montgomery ermordet zu haben. Anschließend sollen die beiden als Liebespaar in die USA geflohen sein, wo sie festgenommen wurden.

atwood_aliasgraceJames McDermott wurde zum Tode verurteilt, Grace Marks zu lebenslanger Haft, die sie zumindest zeitweise in der Psychiatrie verbrachte. Ein Kommitee zu ihren Gunsten versuchte über Jahre, ihre Freilassung zu erreichen. Die zeitgenössischen Quellen zu diesem Fall übertreffen sich gegenseitig in Sensationsgier und widersprechen sich zum Teil erheblich.

Aus den vorhandenen Quellen hat Atwood so gut es ging die Fakten destilliert und mit viel Fiktion einen Romanstoff daraus gemacht. Dazu hat sie Dr. Simon Jordan erfunden, einen jungen Arzt und Spezialisten auf dem noch jungen Gebiet der Psychologie. Im Auftrag von Graces Gönnern soll er herausfinden, was wirklich an den fraglichen Tagen geschah. Abwechselnd wird aus der Perspektive von Simon Jordan und Grace Marks erzählt. Der Einstieg in den Roman ist etwas zäh, denn Grace tut sich erst schwer damit, Vertrauen zu dem jungen Arzt zu fassen und ist zurückhaltend in ihren Berichten. Zudem benutzt sie zwar viel wörtliche Rede aber keinerlei Satzzeichen, die dies verdeutlichen würden, was das Lesen nicht leichter macht. Nach diesen Anfangsschwierigkeiten aber gerät die Geschichte in Fahrt und Grace berichtet von ihrem Schicksal, das sie aus ärmlichen Verhältnissen in Irland in noch schlimmere in Kanada gebracht hat. Im Alter von 13 beginnt sie schließlich als Dienstmädchen zu arbeiten und gerät so in den Haushalt von Thomas Kinnear,  der ihr ein sehr sympathischer Dienstherr ist. Nancy Montgomery, seine Haushälterin, hat Grace angeworben und sie hofft, in ihr eine Freundin zu finden. Doch schnell erkennt sie, dass Nancy eifersüchtig über Thomas wacht und sehr empfindlich reagiert, wenn er Grace gegenüber zu nett ist, was das Verhältnis der beiden Frauen schnell und nachhaltig stört.

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Margaret Atwood: Lady Oracle

Joans Mutter wünscht sich eine hübsche, grazile Tochter, die zum Ballett geht, bei den Pfadfinderinnen beliebt ist und reizende Kleider tragen kann. Joan ist dick, hat keine Freundinnen und ihr Part bei der Ballettaufführung wird in letzter Minute gestrichen. Ihr Körper ist der Hauptschauplatz der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die es nicht schafft, wirkungsvoll einzugreifen, weder mit Bestechungen noch mit untergeschummelten Abführmitteln. Ihr Gewicht ist Joans Weg der Mutter zu zeigen, dass sie sie hasst und die wirkliche Machtposition innehat indem sie sich schlicht weigert, das repräsentable Töchterchen zu sein.

atwood_ladyoracleIhre einzige Freundin und Verbündete ist ihre Tante Louise, mit der sie eine Vorliebe für Liebesschnulzen und Essen teilt. Als Louise stirbt, hinterlässt sie Joan einen Großteil ihres Vermögens und eine zweite Identität – Joan unterschlägt die Geburtsurkunde und hat bald einen Pass, ein Konto und einen Autorenvertrag unter dem Namen Louise K. Delacourt. Zufällig hat Joan nämlich entdeckt, dass sie ein schriftstellerisches Talent für Kostümromanzen hat und davon ganz gut leben kann. Eher zufällig produziert sie dabei auch einen Gedichtband mit dem Namen Lady Oracle, das einzige Buch, das jemals unter ihrem richtigen Namen erscheint.

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David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

unendlicherspass„Die Straße wird breiter und viele Umwege sind verlockend. Man muss notorisch konzentriert und wachsam sein.“

Lange ist mir keine Besprechung mehr so schwergefallen wie die für Unendlicher Spaß. Was will man denn auch noch groß drüber sagen, was nicht schon tausend mal gesagt worden ist? Es ist brillant. Es ist wirklich, wirklich brillant und eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Es ist auch eines der sperrigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Nicht nur wegen des Umfangs, mit knappen 1.550 Seiten könnte man ja noch arbeiten, aber ein Zehntel davon sind Fußnoten und Fußnoten zu Fußnoten, was mich stellenweise an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. An wenigen Abenden habe ich mehr als 30 Seiten geschafft, an freien Tagen ein kleines bisschen mehr und so hat mich dieses Buch gute zwei Monate lang begleitet, während zehn andere Bücher an ihm vorbeigezogen sind. Ebenfalls in dieser Zeit begleitet hat mich eine schematische Darstellung aller Charaktere des Romans, die mir eine Kollegin auf 16 A4-Seiten gedruckt hat, nachdem ich versucht hatte, ihr zu erklären, worum es eigentlich geht. Die Darstellung hing ein paar Wochen lang krude zusammengeklebt über meinem Bett.

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