T. C. Boyle: Wassermusik

Wassermusik„Ich höre es in meinen Träumen. Ich höre es am Morgen, wenn ich erwache und die Vögel in den Bäumen singen. Es ist ein Wispern, ein Klingeln, es ist der Klang von Musik. Und weißt Du, was es ist? Es ist der Niger.“

Wassermusik war vor mehr als 30 Jahren Boyles erster Roman und begründete seinen bis heute andauernden Erfolg. Er erzählt darin in sich abwechselnden Episoden vom Leben zweier Männer, von Mungo Park, einem Afrikaforscher, der tatsächlich gelebt hat und von Ned Rise, der frei erfunden ist. Die beiden wachsen unter sehr verschiedenen Bedingungen auf.

Park durchläuft eine gute Schule und eine medizinische Ausbildung und bekommt die Gelegenheit, Afrika zu bereisen, um den Verlauf des Nigers zu erkunden. Diese Expedition wird seinen Ruhm als Forschungsreisender begründen und ihn zum gefragten Gast in den Londoner Salons machen. Außerdem sichert sie ihm einen Platz im Herzen seiner Verlobten Ailie, die zu Hause in Schottland ungeduldig auf ihn wartet. Der andere Erzählstrang gehört Ned Rise, dessen Leben von Anfang an verpfuscht scheint. Seine Mutter ist nicht in der Lage, sich um ihn zu kümmern und so wächst er bei einem Mann auf, der ihn zum betteln zwingt, und auch nicht davor zurückschreckt, Neds Fingerspitzen abzuschneiden, damit er mehr Almosen erhält. Einmal vom rechten Weg abgekommen hält Ned sich sein Leben lang mit Gaunereien und Betrügereien über Wasser.

Auf den ersten Blick haben diese beiden Männer nicht das geringste miteinander zu tun, doch die Episoden der beiden Handlungsstränge ähneln einander stark. Hat der eine Glück in der Liebe, darf auch der andere sich freuen, entrinnt der eine knapp dem Tod, sollte auch der andere besser aufpassen. Eine stetige Annäherung und schließlich ein Aufeinandertreffen der beiden Lebenswege scheint unvermeidbar. Zudem haben Ned und Mungo einige gemeinsame Bekannte, was sie aber erst sehr spät entdecken.

mungo_park_portrait
Mungo Park

Der Mungo-Teil des Romans ist größtenteils im Stil eines klassischen Abenteuerromans gehalten. Staunend begegnet der große Held fremden Stämmen, die ihm nicht immer freundlich gesonnen sind und stolpert mitunter hoffnungslos naiv durch die afrikanische Steppe. Mungo Park hat die beschriebene Expedition ab 1795 tatsächlich unternommen und in seinem Buch Travels in the Interior of Africa beschrieben, was ein großer Erfolg war. Im kolonialen Wettrennen gegen Frankreich bedeutete die Entdeckung des Nigers die Erschließung neuer, vielversprechender Märkte. Reisende, die den „dunklen Kontinent“ gesehen hatten waren selten, entsprechend waren sie aufregende Gesprächspartner und gerne gesehene Gäste in der gelangweilten High Society. Boyle lässt die koloniale Neugier der Briten unkommentiert, stellt sie aber in ihrer Sensationsgier und dem unbedingten Glauben an die eigene Überlegenheit so bloß, dass die staunende Lust am Wilden nur noch lächerlich erscheinen kann.

 Das Leben von Ned Rise ist auf ganz andere Art abenteuerlich. Er hat London nie verlassen, kennt dort aber jede Gasse und jeden Unterschlupf. Das ist auch nötig, denn mehr als einmal muss er sich vor Verfolgern retten, die eine Rechnung mit ihm offen haben. Er ist kein boshafter Krimineller, er will niemandem schaden, aber man muss eben sehen, wo man bleibt. Er erinnert an Dickens‘ Artful Dodger. Von der High Society könnte er kaum weiter entfernt sein – der einzige Kontakt kommt zustande, wenn er den Lords und Ladys gefälschten Kaviar verkauft. Sein Nachname ist Programm. Er schafft es nach nahezu jedem Schicksalsschlag, sich wieder zu erheben und mit seiner Schlitzohrigkeit einen Weg aus der Misere zu finden. Nur die gefährliche Liebe zum schönen Hausmädchen Fanny vernebelt ihm derart die Sinne, dass sie ihn fast zu Fall bringt.

Auch die Frauen haben ihre Episoden. Mungos treue Verlobte Ailie wartet zu Hause im pittoresken Selkirk auf ihn, hofft und bangt und wünscht sich ein ruhiges Leben als Frau des Dorfarztes. Dass Mungo dafür vielleicht nicht der richtige ist, will sie nicht wissen. Ned verliebt sich in Fanny, ebenfalls eine ehrliche, treue Frau vom Land, die erst seit kurzem in London lebt, als Hausmädchen arbeitet und noch nicht von der Stadt verdorben ist. Sie, da ist Ned sich sicher, ist sein Weg in ein ehrliches, gesetztes Leben, weit weg von der Stadt, in der er sich so viele Feinde gemacht hat. Und eines haben sie alle gemeinsam – dauerhaftes Glück gönnt Boyle keinem seiner kuriosen und charismatischen Hauptdarsteller.

Auf Händels Komposition mit dem gleichen Titel wird gelegentlich Bezug genommen, es gibt eine Aufführung, die der Entdecker besucht und bei der es zum Eklat kommt, und einige Teile des Romans sind nach entsprechenden Teilen des Musikstücks benannt. Wer sich das Stück anhört, wird aber auch weitere Gemeinsamkeiten zur Struktur des Romans feststellen – an vielen Stellen wird ein Motiv von einer Bläsergruppe aufgenommen, dann von einer anderen wiederholt oder variiert, während die andere schweigt, ähnlich dem Wechsel zwischen Ned und Mungo. Für den Entdecker ist natürlich das Rauschen des Nigers die einzig wahre Wassermusik.

Anders aber als Händels gefällige Komposition ist Boyles Roman straight, eklig, verstörend, rotzig und makaber. Er benutzt historische Fakten wo sie ihm förderlich erscheinen und erfindet, wo das den größeren Spaß verspricht. Er schockiert und übertreibt, unterhält und verstört. Stefan Kaminski liest, wie immer, herausragend und verleiht dem Roman damit noch mehr Lebendigkeit und Energie, als er ohnehin schon in sich trägt.

Zum Beruhigen der Nerven kann man danach ein bisschen Händel hören. Oder bei zehnSeiten zugucken, wie der Autor selbst ein paar Seiten liest.


T. C. Boyle: Wassermusik. Neuübersetzung von Dirk van Gunsteren. dtv 2015. 576 Seiten, € 11,90. Erstausgabe der Neuübersetzung Hanser 2014. Ungekürzte Lesung von Stefan Kaminski. Der Hörverlag 2015. 19 Stunden 29 Minuten, ca. € 29,95. Originalausgabe: Water Music. Little, Brown and Company 1982.

Das Zitat stammt aus Kapitel 128 der Hörbuch-Fassung.

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7 Gedanken zu “T. C. Boyle: Wassermusik

  1. jongleurin 31. Mai 2016 / 20:13

    Ich liebe das Buch sehr. Danach hat Boyle mich immer nur enttäuscht, in meinen Augen hat er nie wieder etwas so Amüsantes geschafft. Ich wusste gar nicht, dass das sein erster Roman war!

    Gefällt 1 Person

  2. Stefan 14. April 2017 / 15:06

    Liebe Marion,
    ich habe letzten Herbst „Wassermusik“ gelesen und nach wenigen Deiner Zeilen war wieder dieses wunderschöne, heiter-beschwingte Gefühl da. Pure Fortschrittsgläubigkeit mit dem Hang zur Naivität, Tempo, Exotik und noch so viel mehr.
    „Wassermusik“ ist bestimmt nicht mein liebster Boyle aber bestimmt der ausuferndste und wildester. Eigentlich könnte ich mich auch mal an eine Rezension wagen. Lust dazu hast Du mir gemacht 🙂
    LG
    Stefan

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    • Marion 14. April 2017 / 15:08

      Das freut mich! Lass mich wissen, wenn du eine Rezension veröffentlichst!

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  3. eimaeckel 29. Juni 2017 / 19:07

    Endlich jemand, der mir das Buch auseinandersetzt, das ich vor Jahren in einem Sylvesterurlaub verschlungen habe. Ich war von dem unglaublichen Erzähltempo berauscht und von den mächtigen Bildern. Verstanden, was die beiden Männer verbindet hab ich erst jetzt. Vielen Dank.
    Und ich dachte „Grün ist die Hoffnung“ wäre sein erstes gewesen – vielleicht, weil es so dünn ist.:-)

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    • Marion 29. Juni 2017 / 22:48

      Das freut mich ja, dass ich nach so langer Zeit noch hilfreich ergänzen konnte! Und ja, irres Tempo, tolles Buch!

      Gefällt 1 Person

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