Francis Spufford: Red Plenty

redplentyWie nennt man Chruschtschows Frisur? – Ernte von 1963.

Spuffords Buch Red Plenty, auf Deutsch Rote Zukunft ist nicht nur eine Sammlung der lustigsten Witze der UdSSR sondern auch eine sehr interessante Mischung aus Sachbuch und Roman. Die Handlung ist angesiedelt zwischen den Jahren 1938 und 1970. In einleitenden Kapiteln erläutert Spufford die politische Lage und gesellschaftliche Situaton in der Sowjetunion zur jeweiligen Zeit, gefolgt von verschiedenen fiktiven Episoden mit zum Teil realen Personen. Einige davon erkennt und kennt man (Chruschtschow, Breschnew), bei anderen braucht man unter Umständen einen Hinweis (Leonid Vitaliyevich) und eine ganze Menge Personen sind natürlich auch einfach erfunden.

Die Form des Romans/Sachbuchs ist gewöhungsbedürftig, im englischen wird diese Form des Schreibens als Faction bezeichnet, ein bisschen Facts, ein bisschen Fiction. Hier sind die Facts zum Teil in den Einleitungen sehr deutlich abgetrennt, zum Teil aber auch mehr oder weniger geschickt in Gespräche und Handlungsstränge verpackt. „Weißt Du eigentlich, wie Preisgestaltung in der Planwirtschaft optimalerweise funktioniert? Nein? Das macht gar nichts, ich erkläre es Dir gerne, setz dich doch. Bitte stell zwischendrin ein paar blöde Fragen, damit ich weiter ausholen kann und der Leser auch versteht, was ich will.“

Dialoge bzw. Monologe dieser Art nerven irgendwann immer, allerdings ist diese Form des faktischen Erzählens hier ziemlich gut und erstaunlich wenig hölzern umgesetzt. Und wenn man gerne einen Roman schreiben will, der eigentlich ein Sachbuch ist, muss man eben Mittel und Wege finden.

Roman trifft es allerdings in diesem Fall auch nicht ganz, vielmehr geht es hier um einzelne Episoden mit verschiedenem Personal, manche trifft man später wieder, von manchen hört man nochmal, andere verschwinden nach ihrem Auftritt in der Versenkung der Geschichte. Eine durchgehende Handlung gibt es dementsprechend auch nicht, mal abgesehen von der Entwicklung der UdSSR und einiger ihrer Protagonisten.

Wie ernst es Spufford mit den Fakten ist, merkt man das ganze Buch hindurch. Im Anhang entschuldigt er sich fast, dieses Buch geschrieben zu haben, ohne Russisch zu sprechen und erklärt, dass er so natürlich auf übersetzte Quellen angewiesen war, was seine Perspektive möglicherweise verzerrt. Und die letzen gut 60 Seiten des Buchs entfallen auf Fußnoten, in denen er ergänzt und erläutert, was im Text nicht unterzubringen war. Das Quellenverzeichnis versteht sich fast von selbst. Noch mehr Infos, Videos und Bilder hat Spufford auf einer eigenen Website gesammelt.

Wer gerne ein bisschen mehr über die UdSSR und insbesondere ihre Planwirtschaft wissen möchte, aber kein trockenes Sachbuch lesen will, ist hiermit gut beraten. Das Buch bietet zumindest einen soliden und sauber recherchierten Einstieg. Wer einen unterhaltsamen Roman haben möchte, wird vor Langeweile sterben und sollte was anderes lesen.


Francis Spufford: Red Plenty. Gelesen in der Ausgabe Faber and Faber 2011. 434 Seiten. Originalausgabe Faber and Faber 2010. Deutsche Ausgabe: Rote Zukunft. Rowohlt 2012. 576 Seiten, €14,99. Übersetzt von Jan Valk.

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