Rachel Kushner: Flammenwerfer

flammenwerferFlammenwerfer ist das von mir am meisten unterschätzte Buch des Jahres. Die Verlagsvorschau sagte mir, dass es um das Mädchen Reno ginge, ein Spitzname nach ihrem Geburtsort. Ich dachte an Jersey von Coyote Ugly und hatte schon keine Lust mehr. Außerdem sei sie Motorrad-Rennfahrerin, die im „kreativ explodierenden“ SoHo lebt und mit einem stinkreichen Konzeptkünstler liiert ist. Aha. Alles langweilig, kauf ich nicht, nächstes Buch.

Dann kam ein Kunde und sagte ich müsse es lesen. Unbedingt. Weil ich wusste, dass er fragen würde, bis ich irgendwas dazu sagen könnte, hab ich mal reingeguckt. Und es ist ein unglaublich gutes Buch. Obwohl es um Motorräder und Land Art geht. Natürlich nicht nur darum.

Es ist also die Geschichte von Reno. Sie hat gerade ihr Kunststudium beendet und liebt Filmkunst und Geschwindigkeit. Sie ist frisch nach New York gezogen, wo sie verzweifelt versucht, Fuß zu fassen. Einer ihrer ersten Bekanntschaften ist Giddle, die in einem Café kellnert. Eigentlich ist sie natürlich auch Künstlerin und stellt eine Kellnerin dar, es ist also mehr eine Kellnerin-Performance. Bald lernt Reno Sandro Valera kennen, einen Konzeptkünstler, der bei Galerien und ihren Inhaberinnen gleichermaßen beliebt ist. Schon bald scheint sein Loft verlockender als ihre nur gelegentlich beheizbare Wohnung und sie zieht bei ihm ein. Sandro ist der Erbe des italienischen Motorrad- und Reifenherstellers Valera, will mit der Firma seiner Familie aber nichts zu tun haben. Je mehr man über den sehr halbseidenen Aufstieg des Unternehmens erfährt, umso mehr kann man das verstehen. Deswegen ist Sandro alles andere als begeistert, als Reno das Angebot bekommt, eine Werbetour für ein neues Motorrad der Firma zu machen. Widerwillig lässt er sich überreden, mit ihr nach Italien zu reisen.

Und ab diesem Punkt geht die Geschichte in eine ganz andere Richtung. Wir sind nicht mehr in der hippen New Yorker Kunstszene sondern in der Villa einer absurd reichen Familie mit einer absurd grausamen Mutter, die sich weigert, „eine weitere Amerikanerin“ als ebenbürtige Partnerin ihres Sohnes zu akzeptieren. Währenddessen ist das unterkühlte pinienbewachsene Idyll der Familie akut bedroht – die Fabrikarbeiter fordern mit Vehemenz ihre Rechte ein und die Roten Brigaden rücken auch den Valeras bedrohlich auf die Pelle.

Das Buch ist fantastisch geschrieben. Kushner bekommt es hin, Stimmungen und Atmosphären treffend zu beschreiben, ohne dabei viele Worte zu brauchen. Die Charaktere sind sauber und messerscharf gezeichnet – ihre Bindungsunfähigkeit, die daraus resultierende Einsamkeit und ihr Unvermögen, ihre eigene Person über eine Performance hinaus zu offenbaren, schaffen eine melancholische, faszinierende Stimmung, die sich fast durch den ganzen Roman zieht und immer wieder die Frage aufwirft, wer hier eigentlich Flammen wirft. Man muss dieses Buch unter allen Umständen lesen. Unbedingt. Sowas Gutes findet man selten.


Rachel Kushner: Flammenwerfer. Rowohlt 2015. € 22,95, 560 Seiten. Übersetzt von Bettina Abarbanell. Originalausgabe: The Flamethrowers. Scribner 2013

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