Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

rafIch weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Lobeshymne. Ich habe Wochen gebraucht für dieses Buch. Das liegt daran, dass es sehr dick, anstrengend und gut ist. So gut, dass ich für manche Seiten sehr lange gebraucht habe, weil jeder einzelne Absatz so gut war, dass ich ihn nochmal und nochmal und vielleicht nochmal lesen musste. Und daran, dass es kein Buch für zwischendrin ist, das würde ihm einfach nicht gerecht werden.

Es ist lange her, dass ich ein so brillant konstruiertes Buch gelesen habe. Der Erzähler ist der titelgebende manisch-depressive Teenager, der in der jungen BRD aufwächst. Zusammen mit Claudia und Bernd gründet er die Rote Armee Fraktion als er gerade dreizehn Jahre alt ist. Alles andere muss man sich irgendwie zusammenreimen aus den Bruchstücken, die der Autor einem gibt. Dialoge, Monologe, ein Verhör, in dem man dem Erzähler Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft, ein Theaterstück, aufgeführt von der Schauspielgrupe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf, Erinnerungen an Spaziergänge mit seiner Geliebten Gernika, Beatles-Exegese, Rolling Stones-Negation, Gespräche mit dem Therapeuten Dr. Märklin.

Was man aus dieser Erzähl-Explosion an reiner Handlung rausfriemeln kann ist folgendes: Der Teenager wächst in oder in der Nähe von Mainz/Wiesbaden auf. Sein Vater ist Fabrikant (Spiegel?), seine Mutter ist (seit einem Schlaganfall?) gelähmt, er hat einen kleinen Bruder, geboren 1962, zwischen der Geburt des Erzählers und der seines Bruders hatte seine Mutter eine Fehlgeburt. Aufgrund der Lähmung der Mutter, die 1965 eintritt, wird die Familie von einer „Frau von der Caritas“ unterstützt, die gelegentlich im Haus übernachtet. 1969 kommt der Teenager, wohl aufgrund manisch-depressiver Schübe, erst in ein Sanatorium, dann in ein Konvikt. Die bereits erwähnte Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen sucht er erst im späteren Verlauf auf, dafür aber wohl häufiger. In Liebesbeziehungen ist er sein Leben lang recht erfolglos, hat aber eine Beziehung mit Gernika, die zum Zeitpunkt des Erzählens bereits aus dem Erzähler nicht verständlichen Gründen zerbrochen ist.

Glauben kann man dem Erzähler gar nichts, nicht während seiner Zeit als manisch-depressiver Teenager, noch in der Zeit als immer noch manisch-depressiver Erwachsener, nicht mal er selbst kann das. „Ich vertraue meinem erzählerischen Dings nicht mehr, selbst meinem Humor nicht mehr. Kurz: Ich vertraue auf nichts mehr“ (752). Immer wieder gibt es Sequenzen, die man eigentlich nur als Traum oder Wahnvorstellung deuten kann, sicher sein kann man da aber nicht, vor allem kann man auch nicht sicher sein, ob der Erzähler diese Sequenzen als ähnlich surreal wahrnimmt oder für normales Tagesgeschehen hält. Ist die Frau von der Caritas tatsächlich nur eine Haushaltshilfe oder doch eine DDR-Agentin? Kann sein.

Bei diesem Buch habe ich gemacht, was ich sehr selten mache und mir den Autor angeguckt. Normalerweise mache ich das nicht, Autoren interessieren mich weit weniger als ihre Texte. Ich weiß, dass es ohne die Autoren ihre Texte nicht gäbe, aber wenn man sich zu viel mit Autoren befasst, macht das einem die Texte kaputt, deswegen lasse ich es meistens bleiben. Aber bei diesem Buch habe ich mich so oft gefragt, was zur Hölle der Mann da macht und warum er so, so gut ist, warum er nicht permanent Preise für alles gewinnt, dass ich doch mal gucken musste. Auf seiner Website berichtet Frank Witzel, dass er insgesamt zwölf Jahre an diesem Text gearbeitet habe und fast schon aufgegeben hätte, dann aber 2012 den Robert-Gernhardt-Preis für dieses Projekt bekommen hat. Zum Glück, ein Nicht-Erscheinen dieses Romans wäre ein großer Verlust gewesen.

Der Text ist eine Herausforderung – er ist lang, er ist kompliziert, er schenkt einem nichts. Wer sich davon abschrecken lässt ist selbst schuld, hat es nicht besser verdient und verpasst meines Erachtens die beste deutschsprachige Neuerscheinung des ersten Halbjahrs. Man muss dieses Buch lesen, und wenn es Monate dauert.


Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Matthes & Seitz 2015. € 29,90, 817 Seiten.

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