Weltliteratur auf dem Teller – „Frisch auf den Tisch“ von Hildegard Keller und Christof Burkhard

Über das Essen und einen Teil des schriftstellerischen Werks erfahrbar zu machen und das Leseerlebnis ins Hier und Jetzt zu transportieren, ist der nicht geringe Anspruch von Hildegard Keller und Christof Burkard. Das Schweizer Ehepaar veröffentlicht seine Kolumne regelmäßig in der Schweizer Zeitschrift „Literarischer Monat“ und gesammelt auch in Büchern, von denen Frisch auf den Tisch – Weltliteratur in Leckerbissen schon das zweite ist.

Hildegard Keller ist Literaturwissenschaftlerin und dürfte vielen unter anderem aus der Jury des Bachmannpreises bekannt sein. Ihre Aufgabe bei diesem Projekt ist es, im Werk von Autor*innen geeignete Stellen und kulinarische Assoziationen zu finden und zudem zu illustrieren. Christof Burkard, Jurist, Kulinariker und Rezepte-Erfinder, kümmert sich um die praktische Umsetzung der vielversprechenden Fundstellen.

FrischAufDenTisch.jpg

Das Ergebnis sind phantasie- und einfallsreiche Zusammenstellungen, die im aufwendig gestalteten Buch gut zur Geltung kommen. Etliche der elf vertreten Schreibenden, unter ihnen beispielsweise Herman Melville, Hannah Arendt oder Max Frisch sind sehr bekannt, andere wie Alfonsina Storni sind sicher in weniger Bücherregalen vertreten. Sie alle werden in einem kurzen Porträt ihrer selbst und ihres Werks vorgestellt und in freigestellten Zitaten und Illustrationen ausgeschmückt.

„Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

Keller und Burkard kochen nicht nur nach, was in Texten serviert wird, sondern betrachten ganze Werke und ihre Urheber*innen. So gibt es einen herzhaften Kuchen mit Schweizer Zutaten für Schweiz-Fan Rosa Luxemburg, die so sehr an der gerechten Verteilung desselben interessiert war und Ravioli, „Architektur für den Teller“ für Max Frisch.  Alle diese Gerichte machen Lust auf’s Ausprobieren (Malfatti! Warum habe ich die noch nie gemacht?), sind allerdings nicht in gewohnter Rezeptbuch-Manier geschrieben, so dass ein Nachkochen für Anfänger*innen mitunter schwer werden könnte. Eine gewisse Grundkenntnis und Erfahrung sollte man schon mitbringen. Doch auch bei fehlender Koch-Ambition liest sich der kleine Band sehr unterhaltsam und interessant.


Hildegard Keller und Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden 2020. 139 Seiten.

Einige der Texte sind auch auf der Website der Herausgeber zu finden: maulhelden.ch.

Das Zitat stammt von S. 37.

Ich danke der Autorin und Herausgeberin für das Leseexemplar.

Drei ausgezeichnete Verlage – Deutscher Verlagspreis 2020

Vor einer Woche wurde bekanntgegeben, welche 66 Verlage sich dieses Jahr über den Deutschen Verlagspreis freuen dürfen. Dieser wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vergeben, in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Kurt Wolff Stiftung, einem Zusammenschluss unabhängiger Verlage. Drei dieser Verlage wurden nun noch einmal gesondert ausgezeichnet. Dieses Prädikat wird für herausragende Qualität, Nachhaltigkeit und Innovationskraft vergeben und ist mit je 60.000 Euro dotiert, was ja auch gerade derzeit ein willkommener Zuschuss zur Verlagsarbeit sein dürfte. Auch die anderen ausgezeichneten Verlage erhalten übrigens ein Preisgeld von je 20.000 Euro bis auf diejenigen unter ihnen, deren Umsatz in den vergangenen Jahren über 3 Millionen Euro lag.

In diesem Jahr wurde der Architektur-Verlag Dom Publishers sowie die eher literarisch ausgerichteten Verlage Liebeskind und Matthes & Seitz ausgezeichnet. Grund genug, sich im Verlagsprogramm der drei nochmal etwas genauer umzusehen.

lk_logo2  Der 2010 gegründete Münchner Verlag Liebeskind dürfte sich, neben der Anerkennung für die hervorragende Arbeit, sicher besonders über die Finanzspritze freuen. Aufgrund der angespannten Situation erscheint dort im Herbstprogramm nur der Spitzentitel von Yoko Ogawa, alle weiteren Projekte mussten auf das nächste Frühjahr verschoben werden.

Im Verlag erscheinen zahlreiche Übersetzungen, darunter ganz altbekannte Namen wie Philip K. Dick und etablierte Größen wie Ottessa Moshfegh, aber auch Neuentdeckungen wie die überhaupt nicht genug gefeierte Lisa McInerney (wirklich – sie ist großartig). Im Verlag erscheinen auch zahlreiche Krimis, die aber immer in erster Linie einem literarischen Anspruch genügen müssen.

msb20matthes202620seitz20berlin_logoDer 2004 in Berlin gegründete Verlag Matthes und Seitz ist sicher den meisten schon mal untergekommen. Besonders die Reihe Naturkunden, die mittlerweile fast 70 Bände umfasst, erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Illustriert von Judith Schalansky und aufwendig ausgestattet werden in dieser Reihe Tiere, Pflanzen und andere Naturthemen literarisch porträtiert.

Dieses Thema ist dem Verlag so wichtig, dass er sich an einem Preis zum deutschsprachigen Nature Writing beteiligt, ein bisher sensationell vernachlässigtes Genre. Im literarischen Bereich liegt ein Schwerpunkt auf der französischen und russischen Literatur, aber auch meine große Autorenliebe Frank Witzel veröffentlicht bei Matthes & Seitz und bescherte dem Verlag 2015 den Deutschen Buchpreis mit Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1968, das ich nach wie vor vorbehaltlos empfehlen kann.

header-logoEinen ganz anderen Schwerpunkt setzt der 2005 gegründete Berliner Architekturverlag Dom. Das Sortiment richtet sich in erster Linie an Architekt*innen, die dort Bände zum Bau spezieller Gebäude finden sowie Beiträge zu spezifischen Aspekten der Architektur. Auch für architekturbegeisterte Laien interessant sind die Monografien zu Themen wie Baumhäusern oder Ästhetik des Plattenbaus, die allerdings nicht nur netter Bildband, sondern auch wissenschaftlicher Beitrag sein wollen. Besonders interessant für die meisten allerdings dürften die ambitionierten Architekturführer sein, mit deren Hilfe man eigene und fremde Städte von Aarhus bis Yerevan entecken kann.

Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2020

Gute sechs Wochen nach der Bekanntgabe der Longlist des 25. Women’s Prize for Fiction wurde heute die Shortlist bekanntgegeben. Statt im Rahmen der sonst üblichen Feier konnte die Bekanntgabe in diesem Jahr aus bekannten Umständen nur online stattfinden.

 

In der Hoffnung, dass später im Jahr wieder Veranstaltungen möglich sein werden, wurde die Preisverleihung von Juni auf September verlegt. Aber hier ist erstmal die Shortlist:

Weiterlesen

Die Frauen von 2019 – Mein Beitrag zur Frauenleserin-Blogparade

Ende Dezember drängt er sich geradezu auf, der Jahresrückblick. Wie auch im letzten Jahr ruft deshalb Frauenleserin Kerstin Herbert zur Blogparade auf. Das Ziel dieser Parade: Mal durchzählen, wie viele Bücher von Frauen man im letzten Jahr eigentlich gelesen hat. Im letzen Jahr fiel die Zählung meiner Lektüre mit 42 : 18 eindeutig zu Gunsten der Autorinnen aus. Und wie sieht’s dieses Jahr aus? Um das herauszufinden, stellt Kerstin wieder die gleichen Fragen wie beim letzten mal und ich beantworte sie auch in diesem Jahr sehr gerne:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich 2019 mit Ach und Krach wieder 60 Bücher. 18 Bücher davon wurden von Männern geschrieben, ein Buch war eine Anthologie, die ich als „neutral“ gewertet habe. Ohne es darauf angelegt zu haben, ist meine Quote also fast wieder exakt wie im letzten Jahr – 41 : 18. 28 der Bücher von Autorinnen entfallen dabei allerdings auf das Women’s Prize for Fiction-Projekt. Wer weiß, wie’s ohne das aussähe.

Rezensiert habe ich fast alle dieser 60 Bücher. Nichts geschrieben habe ich zu einer Emmanuel Levinas-Einführung, weil ich das Gefühl hatte, mich da doch sehr weit aus dem Fenster zu lehnen. Ebenso nichts geschrieben habe ich über Peichls Wie man Dinge repariert, so ratlos hat es mich zurückgelassen. Es müssten also 58 Rezensionen sein, 41 davon zu Büchern von Frauen. Die Rezensionen zu Büchern aus den letzten Tagen des alten Jahres erscheinen zum Teil auch erst jetzt im Januar, nachgezählt habe ich das alles aber nicht.

Weiterlesen

Das Debüt 2019 – meine Punktevergabe

Rund zwei Monate sind vergangen seit der Bekanntgabe der Shortlist von „Das Debüt“. Zwei Monate, in denen wir von der Jury Zeit hatten, uns durch die fünf nominierten Romane zu lesen, zu überlegen und zu diskutieren. Das war der angenehme Teil. Nun aber müssen wir Punkte vergeben für die fünf Romane, und das fällt mir zumindest deutlich weniger leicht. Aber es hilft ja alles nichts. Im folgenden also die kurzen Begründungen, wer warum wie viele Punkte hat. Meine ausführlichere Meinung ist unter den jeweiligen Links zu finden. Ich vergebe…

…. 5 Punkte für Nadine Schneiders Drei Kilometer. Während und direkt nach der Lektüre dieses sehr schmalen Romans war ich gar nicht so ganz begeistert von diesem Roman. Mit etwas Abstand stelle ich aber fest, dass Schneiders sehr ruhige und dichte Erzählung  von den fünf Nominierten den größten Eindruck bei mir hinterlassen hat. Ihr Roman über drei Freunden, deren Traum von der Freiheit fast sichtbar und doch unerreichbar ist, erzählt auf wenigen Seiten eine komplexe Geschichte.

3 Punkte für Angela Lehners Vater unser. Dieser Roman war der lauteste und direkteste auf der Shortlist. Angela Lehner spielt gekonnt mit einer Erzählerin, der man kein Wort glauben kann. Mit ihrer Rotzigkeit und ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis nervt die junge Protagonistin oft genug, hinterlässt aber auch einen bleibenden, wenngleich verwirrenden Eindruck.

1 Punkt für Katharina Mevissens Ich kann dich hören. Über weite Strecken hat mich Mevissens Betrachtung der Themen „Hören“ und „Gehört werden“ überzeugt. An einigen Stellen hat der Roman auch seine Schwächen, vor allem in der Wiederholung einiger Episoden. Gelungen fand ich allerdings den Wechsel im Sprachduktus besonders des Protagonisten aber auch in dem seiner Tante, die in der Rückkehr zur fast vergessenen Muttersprache ihre eigene Sprache wiederfindet.

Weiterlesen

Worte über das Essen – „Eating Words – A Norton Anthology of Food Writing“

Während die Eloquenz beim Essen bei einigen bei „ja, kann man essen“ endet, gibt es andere, die ihre komplette berufliche Laufbahn dem Essen, dem Kochen und vor allem dem darüber Schreiben widmen und gewidmet haben. Einige davon finden Platz in dieser Anthologie mit dem Titel Eating Words, wobei die Betonung vorne auf dem Titel liegt – es geht nicht um das Essen von Wörtern, sondern um Essens-Wörter, bzw. Wörter über das Essen.

20190811_162610.jpg

Die HerausgeberInnen Sandra M. Gilbert und Roger J. Porter nähern sich dem Thema auf verschiedenen Themen und in ganz verschiedenen Epochen. Das erste Kapitel schafft einen historischen Überblick: dort finden sich Texte aus der Bibel ebenso wie Sinclairs Reportagen aus dem Schlachthaus und – natürlich – Prousts Kontemplationen über die Madeleine. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Bedeutung von Essen und Küchentraditionen bei der Schaffung von Erinnerungen und Identitäten. Und so geht es das ganze Buch hindurch. Essen, und vor allem das Schreiben darüber, wird aus jeder erdenklichen Perspektive betrachtet, von sehr persönlichen Erinnerungen an das gemeinsame Essen in der Familie bis zu weit abstrakteren Betrachtungen und, im letzten Kapitel, auch einigen Texten zur Politik des Essens. Dort finden sich sowohl Auszüge aus „Consider the Lobster“, eine kritische Schrift, die David Foster Wallace nach einem Besuch auf einem Hummerfestival in Maine verfasste, sowie Statements von PETA, in denen erläutert wird, warum der Mensch sowieso ein Pflanzenfresser sei. Die Frage, warum Menschen abends im Bett Kochbücher lesen, wird ebenso untersucht wie das achtsame Essen einer Zwiebel.

Weiterlesen

Das Debüt 2019 – der BloggerInnen-Preis fürs Erstlingswerk

Seit 2016 schon gibt es den Blogger*innepreis „Das Debüt“. Dort werden – wie der Name erahnen lässt – Debütromane deutschsprachiger Autor*innen prämiert. Die Vorauswahl treffen Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger. Und das mit nicht unbeträchtlichem Aufwand. Die drei lesen sich durch jeden Titel, der von den Verlagen eingereicht wird. In diesem Jahr waren das immerhin 80 Romane, die höchste Anzahl seitdem der Preis ins Leben gerufen wurde. Eine Übersicht der eingereichten Titel ist auf der Website des Projekts zu finden. Für die Blogger*innenjury bleibt dann nur noch, die Shortlist zu lesen und zu bewerten. Mit fünf Titeln fällt die deutlich knapper aus. Und da der Aufwand nun wirklich überschaubar ist, habe ich mich entschlossen, in diesem Jahr auch mal Teil der Jury zu werden. Außer mir dabei sind: Jennifer Hahn, Tanja Geyer, Jessica Hädecke, Marc Richter, Ines Daniels, Marina Büttner, Oliver Bruskolini, Ruth Justen, Mikka Gottstein, Petra Reich, Eva Nagl-Jancak, Silvia Walter , Fabian Neidhart und Katrin Faulhaber. Einige von ihnen sind auch das erste mal dabei, es gibt aber auch viele Wiederholungstäter*innen. Was wir uns von uns einem guten Debütroman erhoffen und worauf wir bei der Auswahl des Gewinnertitels achten, steht in unseren Vorstellungsbeiträgen Teil I und Teil II.

logo19[1]

In den nächsten Wochen werden wir alle die Titel der Shortlist lesen und bewerten. Für drei der Romane können wir im Anschluss jeweils 5, 3 oder 1 Punkt vergeben. Zwei Bücher gehen komplett leer aus. Aus der Summe der Punkte ergibt sich, wie ihr euch denken könnt, der Siegertitel. Anfang Januar geben wir bekannt, wer unsere Favoriten waren. In diesem Jahr sieht die Shortlist aus wie folgt (die Rezensionen verlinke ich, sobald sie erschienen sind):

Angela Lehner: Vater unser

Dieser Roman wurde auch schon mit dem Debüt-Preis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Lehner erzählt von einer jungen Frau, die in die Psychiatrie eingewiesen wird, weil sie, so behauptet sie zumindest, eine ganze Kindergartengruppe erschossen hat. Dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit niemanden umgebracht hat, dafür aber leidenschaftlich gerne übertreibt, merkt man sehr schnell.

zur Rezension: „sondern erlöse uns von dem Bösen

das denken die anderen: Mikka Gottstein (mikkaliest), Eva Jancak-Nagl (Literaturgeflüster), Silvia Walter (Leckere Kekse)

Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts

Noch eine Österreicherin auf dieser Liste. Der Kreis des Weberknechts handelt von einem Mann, der keine Menschen mag und sich in die Einsamkeit zurückzieht. Doch dann geht er seiner Nachbarin Mathilde ins Netz.

zur Rezension: Lipitsch, der Misanthrop

das denken die anderen: Marina Büttner (literaturleuchtet)

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören

In diesem Roman geht es um Osman, einen jungen Cellisten türkischer Herkunft. Der kann zwar gut hören, sich aber nicht immer gut mitteilen. Das macht seine zwischenmenschlichen Beziehungen nicht weniger kompliziert, schon gar nicht die zu seiner Mitbewohnerin.

zur Rezension: Allgemeine Sprachlosigkeit

das denken die anderen: Ines Daniels (letteratura), Silvia Walter (Leckere Kekse)

Martin Peichl: Wie man Dinge repariert

Und noch ein Österreicher. In diesem epidosenhaft erzählten Roman geht es vor allem um Beziehungen, die Liebe und ihr scheitern. Und darum, dass es gar nicht so einfach ist, Dinge zu reparieren.

das denken die anderen: Silvia Walter (Leckere Kekse)

Nadine Schneider: Drei Kilometer

Drei Kilometer ist kein weiter Weg, ein halbstündiger Spaziergang vielleicht. Aber wenn am Ende dieser drei Kilometer ein streng bewachter Grenzstreifen liegt und man über Fluchtpläne kaum sprechen kann, weil überall Spitzel der Securitate lauern, sind drei Kilometer eine kaum überwindbare Distanz.

zur Rezension: Diesseits der Grenze

das denken die anderen: Marina Büttner (literaturleuchtet), Silvia Walter (Leckere Kekse)

Out Loud – Bremens neues Lesungsformat

Die Wasserglaslesung hat seit Jahren einen schlechten Ruf, tot zu kriegen ist sie aber trotzdem nicht. Vielleicht fehlt mir die nötige Ernsthaftigkeit, aber ich finde es auch total öde, jemandem zuzugucken, wie er oder sie eine Stunde so was vorliest und gelegentlich einen Schluck aus dem in Verruf geratenen Wasserglas trinkt. Autor*innen sollen und müssen trinken, bei warmem Wetter bis zu drei Liter am Tag. Aber das ist ja nun kein kulturelles Highlight. Zum Glück denken verschiedene Leute über verschiedene Wege nach, Lesungen interessanter und vielfältiger zu machen. In Bremen bringt nun „Out Loud“ ein neues Veranstaltungsformat auf die Bühne, bei dem auch das Publikum gefordert ist. Per Smartphone kann man sich nämlich direkt an der Lesung beteiligen.

Den Anfang machte am 23. August Emilia Smechowski mit ihrer allerletzten Lesung aus Wir Strebermigranten. Das Buch ist vor zwei Jahren erschienen und erzählt vom Umzug der Familie Smechowski von Polen nach Westberlin und ihren Anpassungsbemühungen in dem, was einmal die neue Heimat werden soll. Gleich zu Beginn durfte das Publikum schon das erste mal darüber abstimmen, was man selbst mit Polen in Verbindung bringt. Möglich macht das eine Software, über die alle Teilnehmenden ihre Stimme abgeben können. Die Ergebnisse werden dann für alle sichtbar auf eine Leinwand projiziert – oder zumindest für fast alle sichtbar. Ich saß hinter einer Säule und musste meinen Sitznachbarn Jan Küstenkopf fragen. Deswegen gibt es auch keine Bilder der Projektionen während der Veranstaltung, aber ihr alle habt schon mal gesehen, wie Schrift an eine Wand geworfen wird, ihr könnt es euch sicher vorstellen.

Weiterlesen

Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2019

Am sehr frühen 04. März wurde die diesjährige Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht. Wie immer waren meine Tipps rar und dann auch noch falsch. Einzig bei Madeline Miller und Sally Rooney hatte ich auf’s richtige Pferd gesetzte. Letztere aber auch nicht, weil ich wüsste, was sie so macht, sondern weil dieses Jahr kein Preisweg der englischsprachigen Welt an ihr vorbei führt. Erst am 29.04. wird die Shortlist bekannt gegeben. Bis dahin ist das Rennen zwischen diesen Titeln unentschieden:

Barker, Pat: The Silence of the Girls.
Nachdem nun schon Madeline Miller wieder auf der Liste steht, darf Achilles nicht fehlen. In diesem Roman erzählt Barker die Geschichte von der Belagerung Trojas aus der Sicht von Briseis, die alle Miller-Leserinnen natürlich schon kennen. Für alle anderen: Briseis wurde von Achilles geraubt, lebte als seine Sklavin und wurde zum Pfand in einem Streit von Achilles und Agamemnon. In diesem Roman darf sie auch mal was sagen.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Battle-Felton, Yvonne: Remembered.
Spring sitzt im Krankenhaus am Totenbett ihres Sohnes – der letzte Ort an dem sie sein will, heimgesucht von ihren und fremden Geistern. Ihr Sohn hatte einen schweren Unfall, einige vermuten, dass es sogar ein Attentat war. So oder so bleibt ihr nicht mehr viel Zeit, um ihrem Sohn ihre Geschichte zu erzählen und ihm zu erklären, warum sie wurde, wer sie ist.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Weiterlesen

Sokrates im Gulag – Lewan Berdsenischwilis „Heiliges Dunkel“

Drei Jahre lang, von 1984 bis 1987, war der Georgier Lewan Berdsenischwili im Gulag inhaftiert, verurteilt wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda. Er hatte in Georgien eine republikanische Partei mitbegründet. Der Zeit seiner Inhaftierung widmet er den Roman Heiliges Dunkel – Die letzten Tage des Gulag. Anders als man das aus anderen Gulag-Romanen kennt, schildert er diese Zeit allerdings nicht als schreckliches Erlebnis, sondern konzentriert sich ausschließlich auf die Menschen, die er dort kennen lernte und mit denen er auch lange Jahre nach der gemeinsamen Haft in Kontakt stand.

berdsenischwili_heiligesdunekl

Seine Haftbedingungen waren relativ erträglich, was mit am späten Zeitpunkt seiner Festnahme lag. Zu den Zeiten von Glasnost und Perestroika waren die Strafgefangenenlager schon lange nicht mehr das, was man sich, mit Iwan Denissowitsch im Hinterkopf, unter einem Gulag vorstellt. Zwar berichtet Berdsenischwili von willkürlichen Schikanen durch die Angestellten und Wärter, im Großen und Ganzen geht es aber ganz zivilisiert zu in der Zone der politischen Gefangenen. Mit Grauen erzählt man sich dort, unter der intellektuellen Elite der Sowjetunion, wie furchtbar es zugehen muss in den anderen Zonen, wo Mörder und Diebe ihre Haftstrafe verbüßen. Unter den politischen Gefangenen hat man es ganz nett. Man trifft viele Gleichgesinnte und kann über Literatur, Musik und Sprache reden, Schach spielen oder sich zur Scharade treffen. Zwischendrin müssen Handschuhe genäht werden, eine Arbeit, die eintönig aber körperlich nicht besonders schwer ist. Traumatisierend ist die Erfahrung für Berdsenischwili trotzdem, daran lässt er nie einen Zweifel. Vor allem die Trennung von seiner Frau und seiner Tochter fällt ihm sehr schwer.

Weiterlesen