Haruki Murakami: Kafka am Strand

Mit Kafka am Strand habe ich es schon mal versucht, das ist zehn Jahre her und ich habe es auf Englisch gelesen und, fürchte ich, nur die Hälfte verstanden. Nun also ein zweiter Anlauf.

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Murakami erzählt die Geschichte des 15-jährigen Kafka Tamura, der eigentlich anders heißt, sich aber diesen Namen gegeben hat, der übersetzt Krähe bedeutet. „Krähe“ ist dann auch so ein Art Alter Ego für ihn, der an wichtigen Punkten der Geschichte auftaucht, Ratschläge gibt und Kafkas Verhalten kritisch hinterfragt. IN GROSSBUCHSTABEN. Kafka hofft, der stärkste Fünfzehnjährige der Welt zu werden, denn er kämpft hart gegen eine ödipale Prophezeiung, die sein Vater ihm gemacht hat – er wird seinen eigenen Vater töten und sich mit Mutter und Schwester vereinigen. Letzteres wird dadurch verkompliziert, dass Kafkas Mutter mit seiner Schwester abgehauen ist, als Kafka noch klein war. Er hat an keine der beiden eine Erinnerung und nur von seiner damals noch sehr jungen Schwester kennt er ein Foto.

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Cara Nicoletti: Yummy Books!

Schon seit einem halben Jahr liegt hier ein Leseexemplar von Suhrkamp – es ist ein Kochbuch und eigentlich schreibe ich hier nichts über Kochbücher, obwohl ich dazu dezidierte Ansichten habe. Für Yummy Books! mache ich eine Ausnahme, denn das Buch führt, passend zu meiner Reihe „Essen aus Büchern“, „in 50 Rezepten durch die Weltliteratur“.

YummyBooks.jpgCara Nicoletti ist Metzgerin, Konditorin und Bloggerin. Seit einigen Jahren schon betreibt sie den lesenswerten Blog Yummy Books, auf dem sie Rezepte aus Büchern vorstellt. Ich kannte diesen Blog tatsächlich noch nicht und freue mich, ihn dank dieses Buchs nun entdeckt zu haben.

Die Autorin versucht, eine emotionale Verbindung zwischen Büchern und Essen herzustellen und zu erklären. So lautet auch der erste Satz des Klappentexts „Soulfood für Lesehungrige“. Gegliedert ist das Buch in die Kapitel „Kindheit“, „Jugend und Studium“ und „Erwachsenenalter“. Jedem Rezept ist eine Geschichte vorangestellt, in der Nicoletti beschreibt, welche Bedeutung das jeweilige Gericht bzw. der entsprechende Roman für sie hat. Die Rezepte an sich sind sehr schlicht gehalten, wie auch das gesamte Buch nicht in der gewohnten Kochbuch-Form ist. Bilder gibt es nur zu sehr wenigen Rezepten und nicht immer zeigen diese das fertige Gericht. Kochen kann man das alles natürlich auch so, aber Nicoletti hat auf ihrem Blog ein paar wirklich schöne Bilder und mir ist nicht klar, warum man im Buch darauf verzichtet.

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Baileys Women’s Prize for Fiction geht an Naomi Alderman

Zum letzten Mal ist in diesem Jahr der Baileys Women’s Prize for Fiction verliehen worden, ab nächstem Jahr wird die Sponsoren-Last auf mehrere Schultern verteilt und der Preis heißt dann (wieder) nur Women’s Prize for Fiction. Ich hätte mir was blöderes gewünscht, aber nun gut.

Auf jeden Fall geht er an Naomi Alderman für ihren Roman The Power, der im März 2018 bei Heyne unter dem Titel Die Gabe angekündigt ist. In diesem Roman haben einige Frauen plötzlich eine ganz besondere Gabe – sie können mit ihren Händen starke Stromstöße aussenden. Empowerment mal anders. Es wird eine Zeit dauern, bis ich zu diesem Roman kommen werde, ich bin aber sehr gespannt. Es klingt so gar nicht nach einem Titel, den ich normalerweise lesen würde.

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Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

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Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Das Buch der Unruhe, so steht es auf dem Cover, ist „Ein Jahrhundertbuch“. Ich musste es trotzdem kurz vor Ende, auf Seite 471 von 556 abbrechen, es ging einfach nicht mehr. Nach dem Ende des eigentlichen Texts gibt es in der Fischer-Ausgabe noch weitere Texte und Briefe, die Pessoa ursprünglich möglicherweise in diesem Buch verarbeiten wollte, dann aber Abstand davon genommen hat. Dann können sie nicht so wichtig sein, habe ich beschlossen.

„Ich habe wahre Tränen vergossen über diesem Roman, weil ich nicht in jener Zeit gelebt habe, mit jenen Menschen, wirklichen Menschen.“

Das Manuskript zu diesem Buch, so erzählt es Pessoa in der Einleitung, wurde ihm übergeben von Bernardo Soares, einem Hilfsbuchhalter im Lissabon der 1930er. Es ist eine Art Tagebuch dieses Mannes, der ein einfaches und zurückgezogenes Leben führt und vor allem, so zumindest meine Empfindung, ein gänzlich trostloses.

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Virginia Woolf: Orlando

Am Cover meiner Ausgabe lässt der Titel sich nicht mehr erkennen. Es war ein großer rosa Aufkleber drauf, den musste ich natürlich abknibbeln und sehen, was drunter ist. Eine sehr suggestive Blume, aber kein Titel mehr.

„she was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each.“

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Orlando wird als Sohn eines reichen englischen Adeligen geboren, als noch Elizabeth I regiert. Er ist ein außergewöhnlich schöner, eleganter und talentierter Junge und weckt so das Interesse der Königin. Sie ruft ihn an den Hof, verleiht ihm Titel und Ämter und liebt ihn, doch als er ein junges Mädchen küsst, ist es vorbei mit der guten Beziehung.

Im Winter des Großen Frosts lebt er wieder am Hof, nun unter James I, und lernt dort Sasha kennen, eine junge Russin, von der er sofort verzaubert ist und mit der in Russland leben will. Doch sie bricht sein Herz. Noch dazu macht sich ein anerkannter und von ihm bewunderter Dichter über seine Lyrik lustig und als ihm eine gänzlich unattraktive Erzherzogin nachstellt, reicht es ihm endgültig und er lässt sich, mittlerweile von Charles II, als Botschafter in die Türkei senden.

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Christopher Ecker: Fahlmann

Ein Werk ohne Widersprüche hat keinerlei Erkenntniswert. Nur im Paradoxon liegt Gewinnn.

ecker_fahlmannGeorg Fahlmann ist ein Mann um die dreißig, Student mit schriftstellerischen Ambitionen und Aushilfe im familieneigenen Bestattungsunternehmen. Er lebt im Saarland, was sich sehr zu meiner Freude durch gelegentliche dialektale Passagen bemerkbar macht, zusammen mit seiner Frau Susanne und seinem Sohn Jens. Die meiste Zeit verbringt er auf dem Dachboden, wo er nicht an seiner Hausarbeit über Personennamen bei Thomas Mann arbeitet und an seinem Roman Vom Herausgehen am Tage verzweifelt. Dieser handelt von Carl Bahlow, einem Entomologen, der als Außenagent einer ominösen Firma in die Tendaguru-Expedition eingeschleußt wird. Diese fand um 1910 in Deutsch-Ostafrika statt mit dem Ziel, die Fossilien von „Schreckensechsen“ zu finden und nach Deutschland zu verschiffen. Wer mal im Berliner Naturkundemuseum war, hat zumindest ein Fossil dieser Expedition, den Brachiosaurus in der Eingangshalle gesehen.

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Fiktives Standard-Haus

Ich möchte mal folgende Frage in die Runde werfen: Habt ihr ein generisches „Standard-Haus“, in das ihr Romanfamilien einziehen lasst, wenn die AutorInnen keine genauen Beschreibungen liefern? Ich habe das nämlich und dachte, dass es bei allen so funktioniert, bis ich im Gespräch vor kurzem erfahren habe, dass dem nicht so ist. Nicht alle Menschen haben offenbar einen Häuser-Fundus im Hinterkopf. Natürlich gibt es nicht nur ein einziges Haus, es muss ja auch ein bisschen zu den Umständen passen und wenigstens ein bisschen Info kriegt man ja meistens vom Text.

So gibt es beispielsweise die Modelle „Suburbia 1-3“, die ich für alle Romane verwende, die in US-amerikanischen Vororten spielen. Eines davon ist das Haus der Huxtables, dort leben unter anderem Familie Stephanides (Middlesex) und Mazies Schwester in Saint Mazie. In einer eingeschossigen Version leben dort auch Ifemelus Eltern in Americanah. Ihre Tante lebt in Modell „Sandra.2“, einer leicht vergrößerten Version des Elternhauses einer langjährigen Freundin.

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#einwortgibt Möglichkeiten

Unter dem Hashtag #einwortgibt organisiert das Literaturfest München gerade eine Blogparade zur Sprache und ihren Möglichkeiten bzw. Grenzen. Dazu halte ich auf Anfrage (und auch ungefragt) einen bunten Strauß von Kurzreferaten bereit, möchte mich an dieser Stelle aber auf den literarischen Bezug konzentrieren.

Viele Menschen haben die ständige Sorge, dass die deutsche Sprache verfällt, verfälscht wird, missachtet wird, verfremdet. Das ist seit mindestens 300 Jahren so und die deutsche Sprache macht noch immer einen recht stabilen Eindruck. Sprache ist vielleicht das demokratischste, was die Welt zu bieten hat. Alle können sie nutzen und alle können sie verändern und theoretisch sind dem keine Grenzen gesetzt. Grundsätzlich kann jeder jederzeit Teil jeder Sprechergemeinschaft werden und dann auch Sachen verändern, zumindest für sich. Es ist mir absolut unverständlich wie man das nicht großartig finden kann. Sprache verfällt nicht, sie verändert sich. Sie wird verändert von denen, die sie sprechen, sie wird nicht gemacht, sie entsteht immer wieder neu. Wenn sie das nicht mehr kann, wenn die Welt eine Sprache überholt, dann ist sie hinüber und verloren. Überleben kann sie nur durch ständige Innovation.

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Was ich in diesem Jahr noch lesen will

Die letzten Wochen im Jahr sind immer die stressigsten, das weiß ich, darauf stimme ich meinen Lesestoff ab und lese was nettes, leichtes und kurzes. Soweit der Plan, hat natürlich nicht mal im Ansatz funktioniert.

Nachdem ich schon fast eine ganze Woche nicht mehr von Käfern geträumt habe oder von Gesichtern, die aus der Wand kommen, habe ich Fahlmann wohl hinreichend überwunden um den nächsten Ecker zu lesen. Es ist mir ein Rätsel, wie ich übersehen konnte, das schon Anfang des Jahres ein neuer Roman von ihm erschienen ist. Der Bahnhof von Plön lese ich jetzt mit Janine von Das Debüt und hoffe, ich habe sie hinreichend vorgewarnt.

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