Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

An einem Abend im Frühling treffen sich die beiden Schriftsteller Berlioz und Besdomny an den Moskauer Patriarchenteichen, wo sie ein wenig spazieren gehen und sich über Literatur unterhalten. Dort treffen sie auf den Ausländer Voland, der sich sehr merkwürdig benimmt, nur kryptisch auf Fragen zu seiner Person antwortet und Berlioz einen frühen Tod voraussagt, verursacht durch das Abtrennen seines Kopfes. Nur Minuten später kommt es tatsächlich zu einer unschönen Begegnung des Autors mit einer Straßenbahn. Und das ist erst der Beginn einer Reihe höchst seltsamer Vorkommnisse in der Stadt.

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Gemeinsam mit seinen Begleitern, unter anderem einem riesigen Kater namens Behemoth, bezieht der mysteriöse Ausländer Quartier in der Sadowaja 302b, Wohnung 50. Von dort aus verdingt er sich als Künstler vor ausverkauftem Haus, stiftet allerhand Verwirrung und sorgt dafür, dass die Nervenheilanstalt der Stadt einige Patienten mehr bekommt. Dass der geheimnisvolle Fremde nichts Gutes im Schilde führt, ist schnell klar. Dass er der Teufel höchstselbst ist, will aber niemand wahrhaben, obwohl viele, die ihm begegnet sind, genau das beschwören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht man, die Geschehnisse um den dunklen Magier mit Massenhypnose zu erklären. Volands Methoden sind hinterhältig und grausam, scheinen aber so treffsicher immer die Richtigen zu erwischen, dass man kaum an seinen Taten zweifeln kann.

Erst als der Roman weit fortgeschritten ist, hat der titelgebende Meister seinen ersten Auftritt. Den Namen „Meister“ hat ihm seine Geliebte Margarita gegeben. Margarita ist eine wunderschöne und herzensgute Frau, die unglücklich verheiratet ist und in ihrem Meister das Talent sieht, das sonst keiner sehen will. Der Meister hat einen Roman über Pontius Pilatus und die Hinrichtung Jesus geschrieben, der in ihren Augen perfekt ist, den aber niemand drucken will. Im Gegenteil wittert man in den Zeilen sogar Systemkritik, was den Meister in Schwierigkeiten bringt. Im Gegensatz zu vielen im Roman will die schöne Margarita nichts für sich selbst und wünscht nur anderen Glück. Damit entgeht sie den Fallstricken des Teufels, der es vor allem auf die Gierigen und Geizigen abgesehen hat, auf Egoisten und Betrüger, die für ein paar Rubel zu allen Schandtaten bereit sind. Margarita hingegen gelingt es sogar, in den engsten Kreis Volands aufgenommen zu werden.

Der Roman des Meisters, der nicht verlegt werden durfte, bringt es immerhin zu einem größeren Auftritt in Bulgakows Roman. Große Teile des Texts werden hier zitiert. Vor allem die Hinrichtung, die Pontius Pilatus anordnet, spielt eine Rolle. Die Auszüge aus dem Manuskript des Meisters sind so umfangreich, dass sich dadurch eine weitere Handlungsebene ergibt, die mit der Moskauer Handlung dadurch verbunden ist, dass Voland und Pilatus natürlich Bekannte sind.

„Alles wird richtig werden, darauf beruht die Welt.“

Der Meister und Margarita ist ein vielfältiger, dichter und komplexer Roman, der reich an Anspielungen und Referenzen ist. Unübersehbar ist der Faust-Stoff an vielen Stellen und auch die Religion spielt eine große Rolle. Der Stil und das Tempo der drei Erzählstränge (Voland und Gefolge/Meister und Margarita/Pontius Pilatus) unterscheiden sich stark voneinander. Schilderungen von Unmöglichem, von Sagen- und Märchenstoffen wechseln sich ab mit Alltagsszenen, die das Leben der Moskauer Bevölkerung darstellen. Das macht die Lektüre sehr abwechslungsreich und überraschend, zum Teil aber erschwert der Wechsel auch das Vorankommen.

Bulgakow und sein Roman hatten es zu ihrer Zeit schwer. Schon 1940 wurde die letzte Fassung geschrieben, doch erst 25 Jahre später wurde der Roman verlegt und das dann auch noch stark gekürzt. Zu offensichtlich war die Systemkritik, die sich deutlich hinter dem magischen Realismus abzeichnet. Der erbitterte Kampf auf dem Wohnungsmarkt wird im Roman ebenso gnadenlos parodiert wie Engpässe bei Lebensmitteln und der Bürokratieapparat, der hinter all dem steht. Heute gilt der Roman als einer der großen Klassiker der russischen Literatur und die Wohnung Nr. 50, die nicht nur von Voland sondern auch von Bulgakow bewohnt wurde, ist ein Anziehungspunkt für seine Verehrer geworden.


Michail Bulgakow: Meister und Margarita. Gelesen in der Ausgabe Luchterhand 2006. Aus dem Russischen übersetzt von Thomas Reschke. 496 Seiten. 2014 ist bei dtv unter gleichem Titel eine Neuübersetzung von Alexander Nitzberg erschienen. Erstausgabe 1967 unter dem Titel Мастер и Маргарита (Master i Margarita) bei YMCA Press.

Das Zitat stammt von S. 392/409 der eBook-Ausgabe.

Ich danke dem Verlag Luchterhand für das Leseexemplar, das mir auf Anfrage zur Verfügung gestellt wurde.

12 Gedanken zu “Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

    • Marion 29. Januar 2019 / 17:33

      Stimmt – das Hörspiel hatte ich mir sogar runtergeladen, wollte es aber parallel zum Lesen nicht hören. Fast hätte ich es vergessen! Ich habe bisher aber auch nur Gutes davon gehört.

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  1. infraredhead 29. Januar 2019 / 16:03

    Wunderbar, Marion. Nicht nur der Roman, den ich sehr mag, sondern auch deine großartige Besprechung!

    Liebe Grüße,
    Romy

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  2. Miss Booleana 6. März 2019 / 21:21

    Habe ich auch letztes Jahr gelesen und war schwer begeistert. Zwar musste ich mich durch des Meisters Werk über Pontius Pilatus etwas durchquälen, aber es war insgesamt entwaffnend. Und das Ende sehr rührend.

    Gefällt 1 Person

    • Marion 6. März 2019 / 22:02

      Mit diesem Pilatus-Roman war ich anfangs echt überfordert. Ich wusste weder, was das sollte, noch wo ich es einordnen sollte. Am Ende war es dann glaub ich sogar mein Lieblings-Erzählstrang.
      Und mit dem Schluss hast du recht – der ist wirklich rührend.

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      • Miss Booleana 6. März 2019 / 22:09

        Ja das stimmt, es gewinnt gegen Ende, desto mehr Schuld er empfindet. Und dann zum Schluss … Mensch, ich hab schon lange bei keinem Buch mehr geweint und dachte auch nicht, dass das eins wäre, bei dem das passiert.
        Es führt halt auch echt gut vor Augen, dass dasBöse nicht einfach nur böse ist. Und das Gute wohl nicht auch nur gut …

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