Geboren um zu graben – „Der Mann, der Troja erfand: Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann“ von Leoni Hellmayr

Wenige Archäologen haben es zu so nachhaltigem und zugleich zweifelhaftem Ruhm gebracht wie Heinrich Schliemann. Das hängt sicher auch mit dem legendären Grabungsort zusammen, den er auserkoren hatte: Als glühender Anhänger Homers und seiner Schriften war er besessen davon, das sagenumwobene Troja zu finden und seine legendären Schätze zu bergen.

Seine Grabungsmethoden waren dabei so unkonventionell wie sein ganzer Lebensweg. Geboren und aufgewachsen in recht einfachen Verhältnissen in Mecklenburg-Vorpommern zog es ihn bald hinaus in die Welt, wo er mit großem Lernwillen und einem Geschick für Sprachen schnell sein Glück machte. Schliemann hatte ein Händchen dafür, dort zu sein, wo man gerade Geld machen konnte. Niederlande, Russland, Ägypten, USA – er scheute weder Gefahren noch Distanzen und profitierte von guten Handelsbeziehungen ebenso wie vom amerikanischen Goldrausch. Innerhalb weniger Jahre sammelte Schliemann ein ganz beachtliches Vermögen an. Seine eigentliche Liebe galt aber nicht dem Handel, sondern Homer.

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Essen aus Büchern: Spaghetti al Limone aus Ariane Kochs „Die Aufdrängung“

Ariane Kochs Debüt-Roman Die Aufdrängung ist ein sehr schwer greifbarer Text. Nur wenig wird konkret benannt und selbst die Eckpfeiler der Handlung bleiben im Dunkeln. Der Roman handelt von einer Frau, die in ihrem Leben unzufrieden ist, aber nicht die Kraft findet, es zu verändern, bis ein Gast in ihr Leben eindringt. Wer der Gast ist ob Mensch, ob Tier, ob Phantom – man weiß es nicht. Ebenso wenig konkret wird der Ort, an dem sie lebt. Ein beinahe unvorstellbares Haus mit einem immer voller Staubsauger, das in einem vage umrissenen Dorf in den Bergen liegt. Umso netter, wenn es wenigstens halbwegs Greifbares gibt, und wenn es nur ein Teller Nudeln ist:

„[…] und habe mich dann abgewandt und bin ohne sichtbares Zögern zum Haus zurückgelaufen, habe mich aufs Sofa gelegt wo ich einen großen Teller mit Spaghetti al Limone zu mir genommen habe, während im Fernsehen eine Sendung über den Beinbruch eines Elchbabys ausgestrahlt wurde.“

Ob das aber tatsächlich so war, weiß man nicht, denn der ganze Satz, aus dem das Zitat stammt und der so lang ist, dass er ein eigenes Kapitel bildet, beginnt mit „Oder es ist alles noch viel schlimmer…“ und ist damit wieder nur eine weitere Möglichkeit in der schwebenden Realität dieses Romans. Möglicherweise also hat es das Spaghetti-Essen auf dem Sofa nie gegeben. Bevor sie also in den Nebeln alternativer Enden verschwinden, hier schnell das Rezept:

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Women’s Prize for Fiction für Ruth Ozeki

Ruth Ozeki wurde am 15.06.2022 für ihren vierten Roman The Book of Form and Emptiness mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Der Roman erzählt die Geschichte von Benny, der nach dem Tod seines Vaters beginnt, die Stimme von Dingen zu hören. Überfordert von der Stimmenvielfalt zu Hause findet er einen Rückzugsort in der örtlichen Bücherei, wo er einigen interessanten Charakteren begegnet.

Ozeki berichtet, dass sie sich in ihrer Kindheit oft vorgestellt habe, wie es wäre, wenn die Ding um sie herum ein Bewusstsein hätten und dass sie sich bis heute manchmal fragt, welche Geschichten sie wohl zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten.

Die Jury ist begeistert von Ozekis Fähigkeit, so unterschiedliche Themen wie Tod und Verlust, Neurodiversität, Klimawandel und Jazz zu einem stimmigen Roman zu verknüpfen, der dann auch noch voller Humor ist.

Der Roman erscheint im September unter dem Titel Die leise Last der Dinge bei Eisele.

Im Beitrag zur im März erschienen Longlist sind alle nominierten Titel zu finden.

Ein gefährlicher Gast – „Carmilla, die Vampirin“ von Sheridan Le Fanu

Die junge und schöne Halbwaisin Laura lebt mit ihrem Vater und etlichen Bediensteten fürstlich aber abgelegen in der Steiermark. Als Kind hatte das junge Mädchen ein schreckliches Erlebnis: in einer Nacht kam eine Frau in ihr Zimmer, biss sie in die Brust und verschwand gleich darauf wieder. Ein Albtraum, so versucht ihre Amme sie zu beruhigen. Aber steckt da wirklich nicht mehr dahinter?

Zwölf Jahre nach diesem mysteriösen Erlebnis häufen sich seltsame Zwischenfälle in der Gegend. Ein Freund des Vaters verliert seine junge Tochter an eine nicht näher benannte Krankheit. In mehreren Familien werden junge Frauen krank und siechen binnen weniger Tage dahin. Und plötzlich verunfallt eine adlige Familie quasi direkt vor Lauras Haustür. Einer schönen Frau und ihrer schönen Tochter (die Menge der schönen Frauen in diesem Roman ist enorm) gehen die Pferde durch und die Tochter verliert das schöne Bewusstsein. Die Mutter ist ganz aufgelöst, sie ist auf lebenswichtiger Mission! Auch nur eine Stunde Verzögerung bringt alles in Gefahr! Lauras Vater lässt sich hinreißen, die Tochter bei sich aufzunehmen, bis ihre Mutter in wenigen Wochen ihre Mission beendet haben wird.

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Annäherung im Outback – „The Idea of Perfection“ von Kate Grenville

Weniger als 1.500 Einwohhner hat Karakarook in New South Wales und doch ist es wichtig genug um gleich zwei Menschen aus Sydney in die Kleinstadt zu bringen: Der unter Höhenangst leidende Ingenieur Douglas Cheeseman soll den Abriss und Neubau einer historischen Holzbrücke leiten, Harley Savage soll mit der Einrichtung eines Heimatmuseums helfen. Beide haben nicht nur ihre Arbeit mit in die Kleinstadt gebracht, sondern auch ihre Vergangenheit. Unter den aufmerksamen Augen der Kleinstadtbevölkerung nähern sich beide an, ohne es zu wollen.

Harley hatte eigentlich vor, niemanden mehr in ihr Leben zu lassen, seit der letzte ihrer drei Ehemänner sich umgebracht hat und dass auf so brutale Weise, dass sie glaubt, es läge an ihr und in ihr. Doch als sie kaum zehn Minuten in der Stadt ist, drängt sich schon das erste Lebewesen in Form einer herrenlosen Hündin in ihr Leben. Sie hat überhaupt keine Lust, sich um sie zu kümmern, kauft aber nur dieses eine Mal eine Dose Hundefutter. Und von da an jeden Tag, immer ein letztes Mal. Den Rest ihrer Tage verbringt sie damit, den Leuten zu erklären, was wirklich interessante Ausstellungsstücke für das Karakarook Pioneer Heritage Museum sind und arbeitet an einem Quilt, den niemand versteht, weil er zu „zeitgenössisch“ ist.

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Essen aus Büchern: Chettinad Curry aus Meena Kandasamys „When I hit you“

Essen kann, wenn man es nicht nur essen, sondern auch kochen muss, eine nervtötende, zermürbende Angelegenheit sein. Das gilt vor allem dann, wenn man kein besonders großes Interesse am Kochen hat und eigentlich lieber andere Dinge im Leben tun würde, statt jeden verdammten Tag am Herd zu stehen. So geht es der Erzählerin in Meena Kandasamys When I Hit You. Sie heiratet noch recht jung und folgt ihrem Ehemann in eine Stadt fern ihrer Heimat, in der sie niemanden kennt. In ihrem neuen Leben erwartet ihr Ehemann, den sie vorher als liebevoll und interessant kennengelernt hat, dass sie ihm ergeben dient. Selbstverständlich darf sie nicht arbeiten gehen, bald schon darf sie auch keine Kontakte außerhalb ihrer Familie mehr haben. Müßiggang sieht ihr Mann nicht gern – wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, erwartet er ein sauberes Heim und eine warme Mahlzeit. Wenn er das nicht bekommt, sind die Strafen drakonisch. Wenn er es bekommt, auch. Schon sehr früh in ihrer Ehe fühlt die Frau sich wie eine Schauspielerin, stets darauf bedacht, eine perfekte Ehefrau in einem sonnendurchfluteten Heim darzustellen.

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Alles außer Kunst – „Das neue Buch“ von Rafael Horzon

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Rafael Horzon in Das weiße Buch seine Lebens- und Schaffensgeschichte aufgeschrieben hat. Mehr als zehn Jahre, in denen einiges passiert ist und ebenfalls erzählt werden soll, so zumindest denkt Horzon es sich und fordert bei Suhrkamp, die nur auf diesen neuen Bestseller warten, einen fünfstelligen Vorschuss ein, den er nicht bekommt. Doch der wäre dringend nötig, denn die ganze Horzon GmbH schrammt, trotz überaus erfolgreicher Möbelsparte, immer wieder knapp an der Insolvenz vorbei.

Horzon macht sich also ans Werk und kommt keine Seite weit voran. Über Frauen und Sex solle er schreiben, rät ihm ein Freund, das sei eine Nobelpreis-Garant. Doch in Horzons Leben gibt es keine Frauen und ausdenken will er sich nichts. Er hält sich für völlig fantasielos und will außerdem kein Schriftsteller sein, sondern Autor. Da verbietet sich alles, was nicht Fakt ist.

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Variationen von Selbsthass – „Damenbart“ von Sarah Pines

In ihrem Debüt-Band Damenbart erzählt Pines Geschichten von unglücklichen, einsamen Menschen. Sie leben in Los Angeles und Buffalo, urlauben in Bacharach und verlieben sich in Griechenland. Die meisten von ihnen sind Frauen, alle sind verzweifelt. Die Texte lesen sich dabei ganz unterschiedlich. Nüchtern erzählt Pines von einer Frau, der Trägerin des titelgebenden Damenbarts, die an ihrem Geburtstag versetzt wird und sich aus lauter Verzweiflung die Nase bricht. Sachlich und ein wenig wehmütig wird die Geschichte der Schauspielerin Peg erzählt, ein schwarz-weißer Filmstar, der den Übergang in den Farbfilm nicht schafft – zu rot ist ihr Gesicht, zu hell ihre Augen – und sich vom Hollywood-Schriftzug stürzt. Gewalttätig und tragisch enden fast alle Geschichten. Gemeinsam haben sie einen Stil, der mit perfekt abgestimmten und teilweise sehr überraschenden aber überzeugenden Bildern überzeugt.

So werden die Texte auch nicht langweilig, obwohl sie doch einiges gemeinsam haben. Viele der Figuren sind mehr oder weniger abgehalfterte Schauspielerinnen, viele hassen ihre Ehemänner und trösten sich mit Liebhabern. Mit denen sind sie aber auch nicht zufrieden. Ein wenig fragt man sich, warum keine einzige von ihnen versucht, eine andere Erfüllung in ihrem Leben zu finden. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten von ihnen auch mit sich selbst nicht zufrieden sind und unter ihrem Selbsthass noch mehr leider als unter ihrer Einsamkeit. Sie stehen vor dem Spiegel und hassen sich dafür, dass alle ihre Kleider kneifen und ihre Haut nie wieder rosig und jung sein wird. Sie sind abgehängt von der Welt, von Farbfilm oder Netflix, verhöhnt von den Affären ihrer Männer, gescheiterte Figuren, die doch nur träge auf dem Sofa liegen. Wenn sie einkaufen fahren, ziehen sie sich nicht mehr richtig an, sondern stopfen nur schnell den Saum des Nachthemds in die Jogginghose. Unter dem Mantel sieht das keiner und für mehr ist keine Energie mehr da.

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Der Sound des letzten Sommertags – „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ von Christian Huber

Nur einen einzigen Tag, den 31. August 1999, lässt Huber seinen Protagonisten Krüger durchleben. Aber der hat es in sich. Immerhin ist es der letzte Tag des Sommers, vielleicht sogar der letzte Tag des letzten Sommers den die Menschheit erleben wird, denn wer weiß, wie die Jahrtausendwende laufen wird. Obwohl Krüger seine Sommerferien sonst am liebsten zu Hause vor dem Fernseher verbringt, lässt er sich an diesem Tag von seinem besten Freund Viktor überreden, Bett und Haus zu verlassen. Dass dieser Tag einer der ereignisreichsten seines Lebens sein wird, kann er da noch nicht ahnen.

„Aber ob Zukunft oder Ende der Welt, Hauptsache, irgendetwas passierte.“

Dabei fängt alles so normal an: Viktor beim Verteilen der lokalen Gratiszeitung helfen, ein bisschen mit dem BMX rumfahren, dann beim Müller Tony Hawk „ausprobieren“ bis der Filialleiter was sagt. Doch dann wird plötzlich Krügers Rucksack geklaut und das ausgerechnet vom schönsten Mädchen der Welt, das feuerrote Haare hat, keine Angst kennt und morgen schon nicht mehr da sein wird. Jacky heißt die mysteriöse Gestalt mit den himmelblauen Augen, in die Krüger sich nicht verlieben kann, weil niemand ihn je berühren darf. Er hat so große Angst, dass jemand seinen Oberkörper sieht oder auch nur berührt, dass er selbst bei größter Hitze zwei Shirts übereinander trägt und seit Jahren nicht mehr schwimmen war. Dabei hat er das früher gerne gemacht. Aber seit er für seine Aussehen in der Jungs-Umkleide ausgelacht wurde weiß er, dass er schrecklich entstellt ist und auf keinen Fall jemals wieder oberkörperfrei gesehen werden darf. Doch auch mit zwei Shirts übereinander lässt sich einiges erleben. Zu dritt ziehen Viktor, Krüger und Jacky los mit dem ehrgeizigen Ziel, Einlass bei der coolsten Party der Stadt zu kriegen, eine legendäre Hanf-Plantage zu finden und vor allem den letzten Tag des Sommers nicht zu verschwenden.

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Essen aus Büchern: Schottische Eier aus Jess Kidds „Heilige und andere Tote“

Schottische Eier sind ein Kleinod der britischen Küche und erfreuen sich auf der Insel großer Beliebtheit, auch als fertiger Snack aus dem Supermarkt. Bekannt sind sie dort als Scotch Eggs und ob das wirklich was mit Schottland zu tun hat, ist zumindest fraglich. Sowohl „scotching“ als Verb mit diversen Bedeutungen ist als möglicher Namensgeber im Gespräch, ebenso wie eine Firma namens Scott, die ein beliebtes Produkt im Sortiment hatte, dass den heutigen Scotch Eggs sehr ähnlich ist.

Woher auch immer der Name kommt: Schottische Eier im heutigen Sinne sind wachsweich gekochte Eier in einer Hülle aus Wurstbrät, die paniert und frittiert werden – letzteres wiederum lässt eine schottische Herkunft wahrscheinlich erscheinen. In Heilige und andere Tote ist diese Ikone der Snack-Kultur ein Teil einer Mahlzeit, die Sozialarbeiterin Maud ihrem Klienten Cathal Flood zum Tee serviert. Gedacht ist diese Mahlzeit als mögliche Annäherung zwischen Cathal und seinem Sohn Gabriel, zu dem er schon lange keinen Kontakt mehr hat und haben will. Gabriel sitzt noch nicht mal, als der zaghafte Annäherungsversuch schon scheitert:

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