Mit großer Freude erzählt Schleifen von der stumpfen Macht der Sprache, höherer Mathematik und allerhand Absonderlichem. Päpste werden gewählt, Menschen gehen in Kreisverkehren verloren und in Italien entsteht ein merkwürdiger Kleinstaat. Einmal drin, kommt man aus diesem Text so schnell nicht mehr raus.

Franziska Denk, Tochter eines Sprachwissenschaftlers, wächst auf in angesehenen Wiener Kreisen, nicht nur Wittgenstein ist ein regelmäßiger Gast im Hause Denk. Doch ihre Eltern müssen sie isolieren, denn die junge Franziska hat ein wohl einzigartiges Leiden: Sie erkrankt an jeder Krankheit, von der sie hört. Vom leichten Schnupfen bis zur Beulenpest – kaum fällt das Wort, schon liegt sie darnieder. Davon unbeeinträchtigt ist jedoch ihr ungeheures Talent für Sprachen, die sie ebenso wie Krankheiten zu absorbieren scheint.

Als junge Frau lernt sie Otto Mandl kennen, einen begnadeten Mathematiker, in dem sie ihren Seelenverwandten findet. Zusammen arbeiten sie an einem einzigartigen Sprachsystem, an der perfekten Plansprache. Franziska radikalisiert sich dabei immer mehr, gründet abgeschottete, sektenhafte Gruppen, als deren Guru sie fungiert. Otto wendet sich schließlich von ihr ab und verschwindet mutmaßlich auf einer Tokyoter Verkehrsinsel, die er fatalerweise für eine Abkürzung gehalten hat. Auch Franziska ist irgendwann nicht mehr auffindbar, das ist aber nicht weiter schlimm, denn ihre Ideen leben weiter und davon lebt auch der Roman.

Elias Hirschl glänzt mit einem enormen Erfindungsreichtum. Sprachsysteme, Religionen, Kulte und Kulturen – in diesem Text wimmelt es von wilden Konstrukten. Dabei stehen sehr reale Fakten neben völlig Erfundenem. Durch ausführliche Fußnoten belegt ist das alles und man tut gut daran, den Realitätsgehalt des Erzählten einfach gar nicht erst zu hinterfragen. Man hat auch so genug damit zu tun, den Halt nicht zu verlieren in diesen immer enger werdenden Schleifen, in dem manche gleich mehrfach zu existieren scheinen, zwischendrin die Zeitrechnung umgeworfen wird und plötzlich ein „Ich“ als Erzählinstanz auftaucht, das lange unerklärt bleibt.

„Bereits im 19. Jahrhundert hatten sowohl der deutsche Astronom Franz von Paula Gruithuisen als auch Carl Friedrich Gauß vorgeschlagen, man solle den Satz des Pythagoras als kilometerlange Steckrübenplantage in den Tundraboden Sibiriens einpflanzen, damit er aus dem Weltraum gelesen werden könne.“

– S. 102

Die Möbiusschleife hat mehrere Auftritte in diesem Roman und er selbst gleicht einer. Wer sie gerade nicht vor Augen hat: Die Möbiusschleife ist ein Objekt, das aus einer ineinander verdrehten Fläche besteht, sie hat kein Unten und kein Oben, kein Innen und kein Außen. Sie lässt sich sehr leicht basteln und umso schwerer erfassen und ich zumindest werde immer ein bisschen reisekrank, wenn ich versuche, dieses Konstrukt wirklich zu verstehen.

So kann es einem auch schnell bei der Lektüre dieses Romans gehen, der vor lauter Ideen zu platzen droht. Die ein oder andere Idee gerät dabei ein wenig außer Kontrolle, wird etwas zu sehr ausgeschmückt, als sie es tragen kann. Das aber stört den Text nicht weiter und am Ende kommt trotzdem alles wieder zusammen für eine weitere, schwindelerregende Runde in der Möbiusschleife.

Schleifen lebt von seinen Ideen, nicht von seinen Charakteren. Im Grunde gibt es die fast nur, weil Sprachen jemanden brauchen, der sie benutzt. Wer gerne tiefgehende Charakterstudien liest, wird an diesem Roman keine Freude haben. An einigen Stellen geraten die Erklärungen etwas weitschweifend, da hätte der Text (oder das Lektorat?) den Leser:innen mehr zutrauen dürfen. Die später kommentierende Erzählinstanz federt aber auch das ab.

Den Platz auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises hatte Hirschl mit diesem Roman auf jeden Fall verdient. Soviel Freude am Erzählen an sich, soviel Witz und kluge Einfälle in einem Text findet man nicht oft. Und immer wenn man meint, jetzt ist es zu viel, jetzt fliegt das alles aus der Bahn, dreht der Roman einfach noch eine Schleife und kommt wieder zu sich selbst zurück. Ein ganz großartiger Lesespaß!


Elias Hirschl: Schleifen.
Paul Zsolnay Verlag 2026, 408 Seiten.

978-3-552-07588-7


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