Ein Faschist der ersten Stunde, ein besonders brutaler noch dazu, ist Bambino. Sein Aussehen ist von kindlicher Unschuld, seine Taten von ungeheurer Brutalität. Marco Balzano erzählt seine Geschichte und die von Triest.

Mattia ist ein sadistisches Kind. Stundenlang kann er sich damit beschäftigen, Tiere zu quälen. Unerträglich langweilig hingegen sind die Stunden in der Uhrmacherwerkstatt seines Vaters. Plan- und antriebslos geht er durchs Leben. Als Tella, die Frau seines Vaters, ihm auf dem Sterbebett offenbart, dass sie nicht seine Mutter ist, hat er endlich eine Mission: Seine wirkliche Mutter finden. Doch sein Vater, der einzige, der es weiß, verweigert jeden Hinweis. Eines abends nimmt ein Freund ihn mit zu einem Treffen, bei dem er Menschen begegnet, die ihm bei der Suche helfen wollen. Das zumindest versteht er, als einer von ihnen sagt „Du hilfst uns, und wir helfen dir.“ Er schließt sich ihnen an, wird ein Schwarzhemd und Faschist der ersten Stunde.
Vergessen sind die Reden des Vaters, der immer so stolz darauf war, dass sein Triest ein Schmelztiegel ist, eine Stadt, die allen gehört. Mattia verteidigt seine Heimat mit Inbrunst vor allen, die ihm als Feind:innen Italiens präsentiert werden. Von den neuen Kameraden wird er Bambino genannt, weil er so blonde, lockige Haare hat und gar keinen Bartwuchs. Als müsste sein engelsgleiches Aussehen wettmachen, tritt er umso brutaler auf. Bald kennt man ihn in der ganzen Stadt als skrupellosen, brutalen Schläger ohne Gnade. Die Warnungen und Bitten seines Vaters schlägt er in den Wind. Nie war er so stark und mächtig wie unter den Faschisten.
„Trink noch Bambino, trink. Der Tag wird kommen, an dem wir trinken werden, um den Tod von Leuten wie dir zu feiern.“
– S. 53
Seine Begeisterung für den Nationalismus hinterfragt er erst, als er sich verzweifelt durch den Schlamm schleppt, um Italien gegen die Feinde des Duce zu verteidigen. Da ist er schon vierzig und muss einsehen, dass der Faschismus aus ihm nicht den unbesiegbaren Übermenschen gemacht hat, der er so gerne gewesen wäre. Stattdessen schleppt er sich ausgemergelt, verlaust, verzweifelt und in ständiger Todesangst von einem Kampf zum nächsten.
Balzano erzählt die Geschichte aus der Perspektive Mattias, aus der Sicht eines Täters. Das klingt schwerer erträglich, als es im Text wirklich ist. Seine Begeisterung für den Faschismus erklärt Mattia nicht so richtig. Vielleicht, weil er sie selbst nicht so recht versteht, weil es ihm nie um den Faschismus an sich geht, sondern eigentlich nur um Halt. Um Stabilität und Erklärungen in einer Welt, in der er sonst nichts findet, was ihm Kraft geben kann. Er erkennt seine Fehler zu spät und auch aus einer rein egoistischen Perspektive. Seine Taten haben ihm viel verbaut, was ihm wichtig hätte werden können, doch er versucht gar nicht erst, sich dafür zu rechtfertigen.
Man weiß von Anfang an: Es wird kein gutes Ende nehmen mit ihm. Die Menschen in der Stadt werden sein engelsgleiches Gesicht nie vergessen und noch weniger seine diabolischen Taten. Eines Tages spürt er die Pistole im Rücken, auf die er so lange gewartet hat. Bambino ist die Geschichte eines Gnadenlosen. Eines Menschen, der skrupellos nach dem eigenen Vorteil trachtet, versucht, immer auf der Seite der Macht zu sein und spät erkennt, dass er dabei nie mehr als Fußvolk ist. Ob Soldat für den Duce oder Spitzel für die SS – Mattia ist gerne mit dabei. Balzanos Roman ist ein beeindruckender Text über Triest, über den Zweiten Weltkrieg und über die immer falschen Versprechungen derer, die sich als Herrenmenschen sehen.


