Holde Maiden, die auf ihre Prinzen warten, findet man in Angela Carters bekannter Sammlung von märchenhaften Texten nicht. Stattdessen gibt es jede Menge Blut, Mut und Frauen, die wissen, dass sie sich doch nur selber helfen können.

Viele Märchen habe eins gemein: Frauen spielen darin keine besonders große oder starke Rolle. Sie müssen gerettet werden und wo sie selbst retten können, geschieht dies in aller Regel durch Güte und Aufopferung, nicht mit dem Schwert.
Angela Carters Sammlung von Kurzgeschichten hält dagegen. Als Grundlage dienen ihr dafür bekannte Märchen wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Rotkäppchen“, aber auch Sagenstoffe wie Werwölfe und Vampire. The Bloody Chamber vereint zehn Texte, die teils für den Band geschrieben wurden, teils aber auch vorher an anderer Stelle bereits erschienen waren. Diesem Umstand ist es auch geschuldet, dass einige der Themen sich in Variationen wiederholen.
Die Texte erschienen in den 1970ern und damit in einem gesellschaftlichen Klima in dem Emanzipation, Feminismus und sexuelle Befreiung ein großes Thema, aber lange noch keine Selbstverständlichkeit waren. Sie erzählen von Frauen, die nichts auf Konventionen geben, für sich selbst einstehen, keine Kämpfe scheuen. Statt tapferer Recken preschen hier die Mütter auf schnaubenden Pferden herbei, um ihre Töchter zu retten, bewaffnen die Töchter sich ganz selbstverständlich, bevor sie in den dunklen Wald gehen. Denn sie wissen um die Wölfe und werden ihnen nicht unvorbereitet begegnen. Mutig ist auch ihre Umdeutung der Sexualität ihrer Protagonistinnen. Viele von ihnen müssen nicht verführt werden, sie verführen selbst oder fordern Körperlichkeit gar ein. Angela Carters Märchengestalten sind keine zarten Wesen, sie sind selbstbewusst und mutig und wissen um ihren Platz in der Welt. Die romantische Liebe ist nicht mehr Bedingung für ihr Happy End.
Carter erzählt nicht von zauberhaften Wäldern, sondern vom dichten Unterholz, von der ewigen Bedrohung, die da draußen lauert. Sie findet patriarchale Strukturen, die es aufzubrechen gilt und weibliche Kräfte, die zu lange ungenutzt geblieben sind. Die Mädchen in diesen Texten wissen, dass sie sich im Grunde nur auf sich selbst verlassen können, nicht auf die Prinzen und nicht auf ihre Väter, die sie doch nur beim Kartenspiel verlieren.
Beinahe fünfzig Jahre später sind viele von Carters Ansätzen in diesen Punkten weit weniger sensationell. Vermutlich würde man in heutigen Adaptionen sogar eher noch ein paar Schritte weiter gehen. Doch auch so bleiben ihre Texte sehr fein erzählte Geschichten in bester Gothic-Tradition. Sie gräbt sich durch zu den finsteren Ursprüngen der Märchen und findet ihre Essenz im Makabren, Brutalen, Ekligen. Die bekannten Stoffe dienen ihr als Basis um all das Fiese zu erkunden, das die Basis so vieler Märchen bildet, die nur oberflächlich harmlose Kindergeschichten sind und eigentlich ganz anderes erzählen.
The Bloody Chamber ist eine sehr unterhaltsame und klug erzählte Sammlung von Geschichten, die man im Grunde schon so oft gehört hat und trotzdem immer wieder neu entdecken kann. Auch wenn ihre Texte heute weniger provokant sind als zum Zeitpunkt des Erscheinens, haben die Untiefen der Märchen, die finsteren Wälder und dunklen Schlösser nichts von ihrer Faszination verloren. Und die Wölfe lauern ohnehin unverändert überall.


