Patricia führt ein schönes Leben in einer schmucken Vorstadt. Daran kann zunächst auch der etwas ungewöhnliche neue Nachbar nichts ändern. Doch schon bald erkennt sie sein finsteres Geheimnis und steht vor dem größten Kampf ihres gesitteten Lebens.

Patricia Campbell führt ein ordentliches Leben. Sie bringt ihre Kinder zur Schule, sorgt für Frühstück, Mittagessen, Abendessen und ein ordentliches Heim. Damit ihr Alltag nicht gar so eintönig ist, ist sie in einem Buchclub und langweilt sich furchtbar. Vor lauter Alltag kommt sie meistens ohnehin nicht dazu, die trockenen Schinken zu lesen. Das ändert sich, als eine andere Frau aus dem Buchclub aussteigt und eine eigene Runde gründet, in der vor allem True Crime gelesen wird. Die bluttriefenden Tatsachenberichte verschlingt Patricia innerhalb von Tagen.
Doch schon bald springt das Grauen aus den Seiten und mitten in ihren Alltag. Eine demente Nachbarin fällt sie im Dunklen an und beißt ihr ein halbes Ohr ab. Was die Dame dazu bewogen hat, ist nicht mehr zu klären, denn nur wenige Tage später ist sie tot. Ihr Neffe James Harris kommt in die Stadt um die Angelegenheiten der Verstorbenen zu klären. Aber ach, es ist schwer für ihn. Alle seine Papiere sind ihm kürzlich gestohlen worden. Er weiß gar nicht, wie er die nach Waldboden und Moder riechenden Scheine, die er in einem alten Koffer lagert, auf ein Konto einzahlen soll. Wegen einer seltenen Krankheit kann er ja auch nicht bei Sonnenlicht vor die Tür.
Patricia macht, was sie als Südstaatlerin von klein auf gelernt hat: Sie hilft. Mit Aufläufen, Einladungen zum Dessert und ihrer Unterschrift für seine Kontoeröffnung. Sie kann gar nicht anders – Konflikte vermeiden und gefällig sein ist viel zu sehr in ihr und ihrer Welt verankert. Das kann sie auch nicht ablegen, als ihr immer mehr Ungereimtheiten in Harris Lebenslauf auffallen. Und auch noch nicht, als ihre demente Schwiegermutter Stein und Bein schwört, Harris aus ihrer Kindheit zu kennen. Und auch immer noch nicht, als ihre Schwiegermutter kurz darauf einen wirklich furchtbaren Tod stirbt.
„Sie wusste, was sie zu tun hatte, wenn zu viele Leute zum Abendessen kamen oder jemand zu früh zu einer Party eintraf, aber was machte man, wenn die eigene Schwiegermutter von Ratten attackiert wurde? Wer sagte einem, wie man damit fertig wurde?“
– S. 169
Erst als sie mit eigenen Augen im Schein ihrer Taschenlampe sehen muss, wer oder was James Harris wirklich ist, begreift sie, dass sie es hier mit einer waschechten Ausgeburt der Hölle zu tun hat. Doch was tun? Ihre Freundinnen kann sie noch überzeugen, dass Mr. Harris eine Gefahr für Kinder und Nachbarschaft darstellt, aber dann kommen ja erst noch die Ehemänner. Die Ehemänner, die sich von dem redegewandten Harris längst in großartige Investments haben quatschen lassen und ihn für den besten Nachbarn der Welt halten. Die Kleinstadt-Polizei hat er natürlich auch schon längst auf seiner Seite. Man kennt sich vom Segeln.
Patricia sieht sich zwei übermächtigen Gegnern gegenüber und begreift, dass sie niemals gewinnen, aber alles verlieren kann. Also fügt sie sich, geht weiterhin zu Cocktailpartys, pflegt Konversation, schmiert Pausenbrote. Aber den heißen Atem der Hölle spürt sie immer in ihrem Nacken, bis eine erneute Wendung sie endlich zwingt, zu handeln.
Southern Gothic erzählt im Kern eine ganz klassische Horrorgeschichte mit allem, was dazu gehört an Blut, Angst und Gewalt. Da ist der Autor nicht zimperlich. Der Roman ist aber auch mit sehr viel und teils sehr bissigem Humor geschrieben und hat nicht zuletzt auch eine große gesellschaftskritische Komponente. Patricia und die Damen aus dem Buchclub müssen nicht nur gegen unbekannte Mächte kämpfen, sondern auch gegen die sehr bekannten und etablierten Kräfte der Gesellschaft, in der sie leben. Das fängt bei ihren eigenen, privilegierten Vorzeige-Leben an und zieht sich bis in die abgelegenen Trailer-Parks, in denen der Vampir bevorzugt sein Unwesen treibt. Die Jagd auf ihn wird so auch zur Emanzipationsgeschichte und zu einer Geschichte über Solidarität und Freundschaft unter Frauen, die über Einkommensklassen und Meinungsunterschiede hinweg gilt und trägt.
Southern Gothic ist ein echter Slowburner, der manchmal so slow burned, dass man fürchtet, die Flamme könnte jeden Moment ausgehen. Dann aber geht der Roman wieder in die Vollen, ist furchtbar eklig, sehr unterhaltsam und stellt zwischen Blut und Rattenhorden die entscheidende Frage, ob man wirklich immer nett und wohlerzogen sein muss und was man aufzugeben bereit ist, um für Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen.


