Die Erzählerin in Anti Müller ist am Boden. Sie ist 36, frisch getrennt, hat noch genau ein Jahr Zeit, schwanger zu werden und noch weniger Zeit, um ihren ersten Roman fristgerecht abzugeben. Durch diese Katastrophe manövriert Önder sie so emotional wie unterhaltsam.

Wertvolle Jahre ihres Lebens hat sie dem Falschen geopfert. Kar Kaus, gefeierter Erfolgsautor, literarisches Genie, charismatischer Lebenspartner. Das wichtigste aber ist er nicht: Vater ihrer Kinder. Dabei läuft die Zeit, mit jedem Jahr wird die Protagonistin weniger fruchtbar. Doch Kar hat einen Plan. Jetzt noch dieses Buch zu Ende schreiben, dann geht’s an die Familienplanung. Sie wartet. Dann kommt ein Umzug, ein neues Angebot, eine neue Podcast-Produktion, aber kein Kind.
Die Beziehung geht in die Brüche und mit noch mehr Druck muss sie jetzt nochmal von vorne anfangen. Ihre Wahl fällt auf eines der ersten Tinder-Matches, den charismatischen Schauspieler Andi Müller. Immerhin hat der schon Zwillinge und damit eine grundsätzliche Zeugungswilligkeit bewiesen. Dass er von der Mutter der Kinder schon lange getrennt ist, spielt keine große Rolle, denn das ewige Liebesglück ist für die Protagonistin völlig zweitrangig, wenn sie denn nur endlich, endlich schwanger ist. Ihr Leben läuft im Takt des Eisprungs.
Yade Yasemin Önder lässt ihre Protagonistin am unerfüllten Kinderwunsch und an der emotionalen Unerreichbarkeit der Männer in ihrem Leben verzweifeln. Eine Krise jagt die nächste, Zusammenbrüche in der Berliner U-Bahn inklusive. Peinlich ist ihr erstmal gar nichts, viel zu tief steckt sie in ihrer Krise. Erzählt ist das alles mit großer Dringlichkeit, aber auch mit einem sehr liebevollen Blick auf die Figur und mit sehr viel Gespür für Humor. Der findet sich auch im Namen ihres neuen Partners Andi Müller, der erstaunlich nah ist am Anti Müller-Hormon, das dem Roman seinen Namen gibt und ein unerbittlicher Marker für die verbleibende Fruchtbarkeit einer Frau ist.
„Es reicht. Ich lege mich hin, rolle mich ein, sammle in dieser Rundung alle schrecklichen Erlebnisse meines Lebens und werde zum Ball meiner Verzweiflung.“
Yade Yasemin Önder konstruiert ihren zweiten Roman aus ganz unterschiedlichen Stoffen. Die Prosa ist durchsetzt von Tinder-Profilen und Kinderwunsch-Forenbeiträgen, die so authentisch scheinen, dass man sie kaum ertragen kann. Anti Müller erzählt von einer großen Verzweiflung, das aber auf sehr unterhaltsame Art. Die Erzählerin lamentiert nicht, klagt nicht, wirft sich aber mit großer Begeisterung in diese Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt, gegen eine Welt, die ihr den größten Wunsch versagen will. Irgendein Arzt hat ihr mal gesagt, dass sie noch bis maximal 37 schwanger werden könne, das ist jetzt noch ein Jahr und ihre große Schicksalszahl. Was soll danach noch kommen ohne Kind? Für die Erzählerin nur noch der Tod. Weniger Drama macht sie nicht.
Anti Müller erzählt aber nicht nur von der existenziellen Frage der Fortpflanzung, sondern auch von der Schwierigkeit des Datings in den 30ern und vom Kulturbetrieb und davon, wie schwierig es ist, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Man begleitet die Erzählerin nicht nur beim Kampf um die letzten fruchtbaren Eizellen, sondern auch beim Versuch, eine ganz andere Deadline zu halten: Die des ersten Romans, den endlich ein Verlag gekauft hat und von dem sie versprochen hat, dass er auf jeden Fall im November fertig ist. Spätestens. Inzwischen scheint das so unrealistisch zu sein wie eine Schwangerschaft. Aber die Hoffnung stirbt ja immer zuletzt. Von all dem erzählt Önder in einem unvergleichlichen Ton, in einer präzise gesetzten und oft überraschenden Sprache, die einen größeren Stellenwert als der Inhalt zu haben scheint. Damit überzeugt der Roman sehr auf beiden Ebenen.
Aus irgendwelchen Gründen habe ich Önders Debüt Wir wissen wir könnten, und fallen synchron nicht rezensiert. Deshalb die Kurzfassung: War sehr gut.


